Aussteiger

Keine Hilfe für reuige Neonazis

20. November 2011, 19:20

Aussteiger aus der Neonazi-Szene sind enorm wichtig im Kampf gegen die extreme Rechte, trotzdem gibt es in Österreich niemanden, der sie betreut

Deutschland will die Angehörigen der Neonazi-Opfer entschädigen.

*****

Berlin/Wien - Einst schrie Ulrike K. (Name geändert) gerne "Sieg Heil" und schrieb Artikel über die Volksgesundheit. 2011 half sie dann mit, die "Hilfsorganisation für nationale politische Gefangene und deren Angehörige" zu verbieten. Der Verein hatte laut deutschem Innenministerium zur "Radikalisierung der Neonazi-Szene" beigetragen.

K. ist eine Aussteigerin aus der Neonazi-Szene. Leute wie sie sind enorm wichtig im Kampf gegen die extreme Rechte: Sie gehen an Schulen und erzählen Jugendlichen von ihren Erlebnissen, sie versorgen Geheimdienste mit Informationen, beraten Politiker bei Gesetzen und helfen Wissenschaftern, Radikalisierung besser zu verstehen - zumindest in Deutschland. In Österreich kümmert sich bisher keiner um sie.

Bundesweit gibt es keine einzige Stelle, die potenziellen Aussteigern aus der rechtsextremen Szene hilft. Nur an der Universität Innsbruck betreut der Politologe Reinhold Gärtner Menschen, die wegen einschlägiger Delikte verurteilt wurden. Immer wieder schaffen einige so den Ausstieg.

"Wir hatten immer wieder Anfragen von einzelnen Personen aus Österreich, die so etwas aufbauen wollten", sagt Bernd Wagner, Leiter des Vereins Exit, der größten deutschen Aussteigerberatung. "Aber offenbar haben die keine Unterstützer gefunden."

Wagner und sein Team helfen jedes Jahr etwa 50 Menschen, die Szene zu verlassen. Nach erfolgreichem Ausstieg vermittelt er sie als Gesprächspartner oder für Schulungen, etwa für Sozialarbeiter. "Die sind sehr oft nicht für den Umgang mit Neonazis ausgebildet", sagt Wagner.

"Sieg Heil" -Gruß für Merkel

Als etwa die heutige Kanzlerin Angela Merkel, damals Jugendministerin, in den 1990er-Jahren ein betreutes Projekt für Neonazis in Sachsen-Anhalt besuchte, wurde sie dort mit "Sieg Heil" -Rufen begrüßt - unter den Augen der Sozialarbeiter. Nach dem Auftritt wurde Wagner um Hilfe gebeten.

Derzeit arbeitet er daran, ein europaweites Netzwerk solcher Stellen zu etablieren. Exit arbeitet bereits mit Kollegen in Schweden und Norwegen zusammen, mit den zuständigen Stellen in Tschechien und Kanada gab es bereits Gespräche. "Die Neonazi-Szene agiert auch international" , sagt Wagner, "da dürfen die Behörden nicht in Kleinstaaterei versinken."

Uwe Sailer, Polizist und Kenner der rechten Szene in Österreich, hält eine Aussteigerberatung für eine überfällige Einrichtung. In Oberösterreich, wo die rechtsextreme Szene besonders aktiv sei, scheitere das auch an Landeshauptmann Josef Pühringer (ÖVP): "Er behauptet stets, dass es hier keine solche Szene gebe."

Auch Grünen-Sozialsprecher Karl Öllinger sieht Bedarf: "Wir brauchen dringend eine Beratungsstelle, wo auch Eltern, Freunde oder Lehrer von rechtsextremen Jugendlichen Hilfe finden", sagt er. Eine solche Stelle könne beim Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstands angesiedelt werden, dessen Mitarbeiter bereits Beratungserfahrung hätten.

Die deutschen Behörden gehen mittlerweile laut Spiegel davon aus, dass die mutmaßlichen rechtsextremen Terroristen Uwe B., Uwe M. und Beate Z. bis zu 20 Unterstützer hatten. Der Staatsschutz soll mindestens drei V-Leute in ihrem Umfeld gehabt haben, trotzdem konnten sie nicht aufgespürt werden. Die drei sollen mindestens zehn Menschen ermordet haben. Die deutsche Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) versprach Entschädigungen für Angehörige der Opfer. Innenminister Hans Peter Friedrich (CSU) sprach von einem "kläglichen Versagen" der Behörden. Er fordert mehr Ermittlungskompetenzen für den Bund und eine längere Speicherung der Daten des Verfassungsschutzes. (Tobias Müller /DER STANDARD, Printausgabe, 21.11.2011)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 63
1 2
Georg Schütt
00
26.11.2011, 14:08
Nun sind 50 Aussteiger bei einer 40.000-Mann-Szene eine eher geringe Zahl.

Einer von 800; 0,125 Prozent aller Neinazis steigen aus. Das ist kaum mehr als nichts.

Um nicht missverstanden zu werden: Jeder, der die Szene verlässt, ist ein potentieller Gewinn für die Gesellschaft. Aber angesichts der geringen Zahl muss man schon nach der Notwendigkeit weiterer Förderung fragen. Zumal man auch vermuten kann, dass die - sehr wenigen - Ausstiegswilligen diesen Aussteig auch ohne Organisationen wie "Exit" schaffen könnten.

bim-bam-bum
00
21.11.2011, 18:11

ich frag mich was die leute davon halten würden wenn man sie wie früher mal eine woche in so ein lager einsperren würd und man genau das macht was die nazis mit denen gemacht haben... ob dann es knopferl aufgehn würd?

Herr und Frau Österreicher
 
00
22.11.2011, 08:58

ich frag mich, wie auf sie auf diese dumme Idee kommen...

Humtata
01
21.11.2011, 15:00
Zustimmung! und Danke für den Artikel.ich bin auch der Meinung, dass es in Ö unbedingt so eine Institution braucht, denn was viele übersehen ist, dass unter all dem blinden Hass ein -fehlgeleiteter- MENSCH steckt.

Die Gründe, weshalb sie in rechte Organisationen abdriften, sind mannigfaltig - entweder aus Unwissenheit oder schlicht aus dem Grund, dass sie jemanden kennen lernen, der (oft der einzige) ein Freund wird. Ohne alle Studentenverbindungen in Ö pauschal als rechte zu verunglimpfen, aber in den Universitäten läufts genau so ab - Bub kommt vom Land in die große Stadt, sucht Anschluss und findet ein soziales Gefüge.

Hier müsste man die Menschen bereits abholen (können) bzw ihnen Auswege aufzeigen. Es hilft niemanden, wenn dieser (extreme) Hass von beiden Seiten sinnlos genährt wird, denn das Ausschließen der (aussteigewilligen) Neonazis führt mE nur dazu, dass sie sich noch enger an ihre "falsche Heimat" von Spinnern ketten.

j.h.k.
01
21.11.2011, 14:50

wozu brauchen wir aussteigerinitiativen?
um unsere kümmert sich der verfassungsschutz, die polizei, die diversen ehrlichen und aufrechten parteien, die diversen bmi der letzten jahre und österreichs beliebtestes schmierblatt. da findet sich auch bald ein guter job.

Herr und Frau Österreicher
 
00
21.11.2011, 15:29

Die sollen aussteigen, sind ausgestiegen oder nach wie vor Nazis, oder wie?

01
21.11.2011, 14:07

Die Täter aus diesem Artikel sind auch Rechtsextreme?

Karin Stadler2
01
21.11.2011, 13:33
In Ö keine Begleitung beim Ausstieg?

Vielleicht weil sie so mit der Rekrutierung beschäftigt sind??????

opryde
22
21.11.2011, 11:23
in ö ist das ja so eine sache.

wenn da ein ex-neonazi zB bei einer zeitung arbeitet, dann kommt im standard ein artikel darüber und schwupps ist er den job los.

j.h.k.
01
21.11.2011, 14:47
ich erinnere mich an die geschichte.

was sie allerdings zu erwähnen vergaßen ist, dass der verlag eine ganz extreme schlagseite hat.....

dadampfdada
13
21.11.2011, 12:39

konkrete Beispiele? aber bitte schwupps!

Herr und Frau Österreicher
 
10
21.11.2011, 12:19

Hä?

woody999
022
21.11.2011, 09:54
in Ö hilft man denen nicht beim ausstieg sondern beim einstieg

kein problem mit rechten parolen auf plakaten
kein problem mit dem auftritt von rechten bei lesungen und anderen veranstaltungen
kein problem rechtes gedanken"gut" in medien zu veröffentlichen
kein problem öffentlich gegen alle, die anders sind, zu hetzen
eine polizei, die mehrheitlich fpö wählt
eine justiz, die hetzerei verniedlicht (diverse internetspiele zb)
politiker, die offen bei rechten veranstaltungen und medien mitarbeiten

in Ö wird der boden gut aufbereitet für die rechte brut

woody999
01
21.11.2011, 09:59
die liste kann noch beliebig verlängert werden

familie sommer per email
09
21.11.2011, 09:57
nicht vergessen

ein kanzlerkandidat der die hand zum kühnen gruss hebt und an wehrsportübungen teilnimmt.

familie sommer per email
06
21.11.2011, 09:45
wenn wir jeden, der sein fpö-parteibüchl abgibt

betreuen müssen, dann kann das teuer werden

Ahnungs Loser
02
21.11.2011, 09:35
Eine einrichtung GEGEN Rechtsextreme? In ÖSTERREICH???

Roter Baron
00
21.11.2011, 09:24
>In Österreich kümmert sich bisher keiner um sie.<

>Pühringer (ÖVP): "Er behauptet stets, dass es hier keine solche Szene gebe."<

sicher, wir haben soviele rechtsaußenparteíen
da sind die ja blenden integriert
wozu also aussteigen.

roter baron

walter helfmann
13
21.11.2011, 11:52
michael tischlinger

der leiter des landesamt für verfassungsschutz - sowas gibts tatsächlich - scheint auf dem rechten auge blind zu sein:

"hakenkreuzschmiererein in den hinterhöfen werden in 99 proz der fälle durch jugendliche, die bloß provozieren wollen, gemacht."

Chien de Pique
00
21.11.2011, 13:30

Ist ja wohl halbwegs realistisch?

walter helfmann
00
23.11.2011, 00:16
was jetzt?

provozierende jugendliche oder blinde verfassungsschutzleiter?

oder blinde jugendliche und fehlbesetzte verfassungsschutzleiter?

leser 4712
00
21.11.2011, 09:16
wen wundert's

wenn hassreden und hetzpropaganda zugelassen und damit "gesellschaftsfähig" werden.

auch parteien, die die ak"ausländer raus-politik" der fpö und ihrer "freunde" nicht vehement bekämpfen tragen das ihrige zum rechten gesinnen bei.

Adam Markus
01
21.11.2011, 00:00

In Österreich gibt es dafür genug "Betreuung" für alle die ihre demokratisch - freiheitlichen Grundprinzipien hinter sich lassen wollen und ein Platzerl in der "nationalen" Ecke suchen......

sc1
 
119
20.11.2011, 21:15
wenn es in der türkei passiert wäre, dann würde man die europareife in frage stellen und mit allem schlamm bewerfen!

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 63
1 2

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.