Der Beute-Sohn

Kommentar | Gudrun Harrer
20. November 2011, 19:04

Saif al-Islam Gaddafis Festnahme gibt der Regierungsbildung in Libyen Auftrieb

Dass er es in all diesen Wochen nicht aus Libyen herausgeschafft hatte, zeigt das Ausmaß des Zusammenbruchs des Gaddafi-Regimes in Libyen: Alle Netzwerke waren für Saif al-Islam al-Gaddafi zusammengebrochen, niemand brachte ihn über die Grenze. Dem Lynchtod seines Vaters in den Händen der Ex-Rebellen hat er wohl hauptsächlich sein eigenes Leben zu verdanken: Dass Barbarei sich international nicht gut macht, wurde den Milizen, die ihn jagten, offenbar klargemacht.

Aber das ist nicht der einzige Grund dafür, dass der älteste Sohn aus Muammar al-Gaddafis zweiter Ehe seine Verhaftung überlebt hat. Die Kämpfer aus Zintan beziehungsweise deren Befehlshaber wollen ihn nämlich einer Zentralgewalt nicht überstellen, bevor die Bildung der neuen Regierung von Abdul Rahim al-Kib nicht abgeschlossen ist. Nicht aus mangelndem Vertrauen in die Zukunft der Institutionen, sondern weil Zintan mit - dem lebenden - Gaddafi in der Hand ein größeres Stück vom Kuchen gebührt: So funktioniert Politik im neuen Libyen.

Schon in einer relativ frühen Phase des Kriegs haben die einzelnen bewaffneten Gruppen damit begonnen, militärische Erfolge oder handfeste martialische Beute - wie Gefangene eben - dazu zu benützen, ihren Forderungen nach einer größeren politischen Rolle mehr Gewicht zu verleihen. Ein Gefangener wie Saif al-Islam al-Gaddafi ist in dieser Konstellation viel wert.

Und deshalb wurde nicht der Gefangene zur Staatsmacht gebracht, sondern diese kam zum Gefangenen: Der Premier reiste nach Zintan, wo Gaddafi einstweilen festgehalten wird. Dass er dem Internationalen Gerichtshof ausgeliefert werden könnte, ist vom Tisch. Auf ihn wartet ein libysches Gericht und ein Todesurteil.

Denn aus demjenigen, der auch in Libyen selbst jahrelang als der rationalste und international präsentabelste Gaddafi-Sohn wahrgenommen wurde, ist nun derjenige geworden, der die ganze Schuld des Regimes trägt. Nicht nur weil er am längsten durchgehalten hat. Durch seine Medienpräsenz zu einer Zeit, als sein Vater nur noch in irren Tonaufzeichnungen im syrischen Sender al-Rai zu hören war, wurde er zum Gesicht des Regimes - und selbst immer erratischer. Was für eine traurige Karriere für einen, dem man einmal Reformwillen und sogar die Fähigkeit zugesprochen hat, Libyen vielleicht in eine Übergangszeit zu führen.

Die Wut der Libyer auf den einzigenGaddafi-Sohn in ihrer Gewalt ist groß. Der fromme Wunsch nach einem Prozess, der internationalen rechtlichen Standards folgt, darf dennoch ausgesprochen werden: Das wäre auch eine wunderbare Gelegenheit für westliche Politiker, sich einzubringen und Tripolis nicht nur mit Geschäftsleuten im Tross heimzusuchen.

Immerhin wird Saif al-Islam jetzt vielleicht zum Beschleunigungsfaktor für die schwierige libysche Regierungsbildung: Denn ohne Einigung kann es auch keinen Gaddafi-Prozess geben. Vielleicht hat ja die Aussicht darauf erst einmal ein einigendes Element - das Libyen so dringend brauchen würde. Die jüngsten Gefechte zwischen Stämmen waren ein düsteres Zeichen. Und immer wieder klagen bekannte Ex-Rebellen - Ex-Regierungschef Mahmud Jibril und der Botschafter bei der Uno in New York, Abdul Rahman Shalgham - das Golfemirat Katar an, in Libyen die Islamisten zu Ungunsten der anderen politischen Kräfte zu fördern. (DER STANDARD, Printausgabe, 21.11.2011)

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diese neue politik

in LY ist dort aber ein alter hut. nur wie man sieht begreift frau harrer nur kleine komponenten davon; aber immerhin das spiel um saif als faustpfand hat sie einigermassen verstanden. die 'feine diplomatie' der moerdergang aus misurata bleibt ihr aber offensichtlich ein geheimnis. die haben eine ganze stadt ausgeloescht (twargha) und werden jetzt in der neuen regierung dafuer belohnt.
also schoen weiterschwaetzen von den forderungen des IGH und wie menschlich/demokratisch ploetzlich das morden der letzten 7 monate erscheint mit dem verklaerten blick unserer verehrten schreiberin...

ty<pische sixchtweise eines unintelligenten diktatorenunterstützers.

Warum gibt es keinen zweiten Karl Kraus, der mit dieser zweiten Schalek fertig wird?

Ein anderer Standschütze, der der anderen Gruppe ansichtig wurde, spuckte nur aus und sagte Grüaß Gott! Ich schließe mich der Meinung dieses zweiten Standschützen im ersten Punkte an. Ich bitte aber Gott ausdrücklich und inständig, nicht zu grüßen, sondern Blitz und Hagel bereit zu halten und die Tiroler Landes- und Standschützen davor zu bewahren, dass ihre Leistung zum Schauspiel für Individuen werde, die statt über Operettenpremieren und Blumenkorsos zu referieren, jetzt auf einer Höhe von dritthalbtausend Meter ihr niedriges Metier ausüben.

http://www.textlog.de/35940.html

Der Todessturz in Döbling. Mord ist ein Offizialdelikt.

Ob die österreichische Justiz sich nun getraut, die Aufklärung des mysteriösen Todes der jungen Frau in der Gadaffi-Villa in 1190 Wien in Angriff zu nehmen -
aus Rücksicht auf die Glaubwürdigkeit des Rechtsstaates? Da nun diplomatische und opportunistische Rücksichten auf die Gadaffi-Bande nicht mehr genommen werden müssen?

Die Schweiz war da mutiger und konsequenter, als sie den gewalttätigen Gadaffi-Schlägertyp in Genf verhaftet hat. Respekt!

Doch statt Gadaffi und sein verbrecherisches Regime mit geschlossener Solidarität in die Schranken zu weisen, lag ganz Europa vor dem Psychopathen auf dem Bauch und demütigte sich, und ließ die Schweiz allein im Regen stehen. Schlimm.

Wollte dich nur drauf aufmerksam machen, daß Du da noch etwas Schaum am Ohr hast. Kommt sicher vom rasieren.

http://derstandard.at/plink/132... id24475783

dumme polemik und lügen. das ist alles was du und deine führerfän-freunde könnt.

wie stolz waren doch die BZÖler aus Kärnten sich in seinem Schatten zu sonnen. Wo sind sie alleß Stehen sie nicht für ihren Freund ein?

All in gegangen und verloren.

"Dass Barbarei sich international nicht gut macht,"

jaja, deswegen wurden ihm wohl die Finger abgeschnitten. Sehr humane neue islamistische Gesellschaft dort in Libyen.

Der Grad der Uninformiertheit der "Expertin" ist in der Tat

bemerkenswert. Die abgeschnittenen Finger sind noch wesentlich schwieriger nicht als Barbarei zu verkaufen als der Tod Gaddafi sr.

finger abgeschnitten - quatsch.

schicksal g. seniors - uninteressant.

so schauts aus.

Ein wie immer in jeder Hinsicht unappetitlicher Artikel.

"Dass er es nicht aus Libyen herausgeschafft hatte.."

Zeigt wohl eher die Effektivität der satelliten- und drohnengestützten Aufklärung.
Saif wie sein Vater hatte wahrscheinlich bis kurz vor Schluß den Bezug zur Realität verloren. Dann wars zu spät.
Ähnlich wird's wohl Assad ergehen.

"Auf ihn wartet ein libysches Gericht und ein Todesurteil"

Das haben Revolutionen so an sich.
Trotzdem- sie müssen zur Legitimation eines Neuanfangs vorsichtig sein.
Der Prozess wird formal fair sein, aber wer kann die "Beweismittel" schon verifizieren?

"Klagen das Golfemirat Katar an, in Libyen die Islamisten zu Ungunsten der anderen politischen Kräfte zu fördern"

Übersetzungsfehler. Nur der Westen mischt sich ein.

barbarei macht sich nicht gut?

seit wann denn das, bitte schön?! im standard kommt barbarei allemal gut an! schon mal die eigenen kommentare gelesen, frau harrer? sie haben selber das abschlachten eines wehrlosen gefangenen als "nicht ideal, aber GUT" bezeichnet. wieso ist das was vor ein paar wochen noch GUT war, heute auf einmal "barbarisch"?

Danke für die Antwort hab`s grad gelesen!

Das liegt eher an deinen schweren wahrnehmungsschwiegegkeiten. Geh mal zum Arzt.

Etwas zum nachdenken...

Ist zwar ein bisschen off-topic, aber mMn doch interessant: als Joerg Haider in den Irak gefahren ist und Saddam getroffen hat, waren die Zeitungen voll von Berichten und Experteninterviews, die versucht haben zu beweisen, dass Haider einen Doppelgaenger getroffen hat. Es durfte nicht sein, dass der Joerg solche Kontakte hat!
Ich will keine Verschwoerungstheorien verbreiten, Ghaddafi und Bin Laden sind offiziell tot, Saif offiziell gefasst. Alles andere waere paranoide Spekulation.
Ich appeliere nur an ein wenig kritischen, unabhaengigen und weniger meinungsmachenden Journalismus.

Und ich wuensche Saif fuer die Zeit, wo er in den Haenden von Barbaren ist alles Gute!

Ich habe keine Ahnung, worauf Sie hinauswollen.

Haider war mit Gaddafi jun. intim befreundet, und Gaddafi sen. war ein Diktator, der selbst nicht weniger barbarisch war als jene, die ihn ermordeten und vollmundig ankündigte, "ein Meer von Blut" zu hinterlassen, sollte das Volk gegen ihn aufstehen.

Von Saif Gaddafi ist mir hauptsächlich der beinahe tödliche Sturz einer jungen Frau in der Botschaft in Erinnerung, der unter den Tisch gekehrt wurde.

Mag sein, dass er aus seiner Rolle aus Diktatorssohn nicht herauskonnte, aber irgendwelche Frauen in Österreich (beinahe) umzubringen gehört da selbst bei großzügigster Auslegung seiner frühkindlichen Prägungen nicht dazu.

*mit dem schöpfchen auf und ab wippe*

liebe ingrid.

Frau Harrer irrt, wenn Sie suggeriert, dass

die Tötung von Gaddafi ein gezielter Akt der libyschen Herrscher war. Wer in Libyen hatte die Tötung von Gaddafi befohlen?
Dass Barbarei ohne Konsequenzen sich international gut macht hat Obama gezeigt, indem er Osama einfach abknallen ließ und dabei noch zuschaute. Die einzige die über den barbarischen Akt erschrak war Frau Clinton, die sich die Hand vor dem Mund hielt als sie sah wie Ihre Soldaten den unbewaffneten Osama einfach abknallten. Aber da gab es keinen kritischen Kommentar über diesen barbarischen Akt von Frau Harrer.
Leider werden die Menschenrechte immer nur in Anschlag gebracht wenn sie von nichtwestlichen Staaten verletzt werden.
Die USA darf morden wen Sie will:(((

kluger blödsinn

das ist aber nun wirklich ein Blödsinn. Obama war nicht irgendwer, und die USA tötet auch nicht ungestraft jeden. Kluger Blödsinn.

... schreiben die NATO hörigen Medien.

Obwohl das Feindbild gegen die Ratingagenturen und das Dollar/Euro (böse/gut) Duell lächerlich ist und jeglicher Realität entbehrt, beobachte ich doch wohlwollend den Nebeneffekt, daß unsere Medien sich nicht mehr gänzlich dem Diktat der US-Aussenpolitik unterwerfen. Jetzt hatte ich auch noch Gelegenheit zu einem 4-Augen-Monolog mit Sarkozy betreffend Gaddafi.

http://derstandard.at/plink/132... id24475783

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