Nachrichten in aller Kürze
Alles zur Community
Nachrichten, die zu Ihnen kommen: Newsletter, Feeds und SMS
Alles zu unseren mobilen Angeboten: Apps, Mobilversion und SMS
Unsere Radio- und TV-Angebote
Die Zeitung im Internet: Abo, E-Paper, Anzeigen und mehr
Alles über die Redaktion von derStandard.at
Alles über Onlinewerbung, Stellenanzeigen und Immobilieninserate

Marina Ottaway ist Nahost- und Afrika-Expertin am Carnegie Endowment for International Peace in Washington.
Mit der Ägypten-Expertin vom Carnegie-Endowment sprach Gudrun Harrer.
*****
STANDARD: Auf den ersten Blick sehen die Demonstrationen aus wie "Alle gegen den Militärrat". Aber geht es nicht auch um "Säkulare gegen Islamisten"?
Ottaway: Das "Selmy-Dokument" zeigt, dass das Militär die Macht nicht abgeben und keine zivile Kontrolle will. Dagegen sind sowohl Islamisten als auch Säkularisten. Aber zu einem gewissen Aspekt des Dokuments haben sie völlig unterschiedliche Positionen. Es enthält nämlich auch einen sehr detaillierten Vorschlag, wie die verfassungsgebende Kommission gebildet werden soll. Eigentlich sollte ja das Parlament diese Kommission etablieren, aber das Selmy-Dokument legt genau fest, wer darin vertreten sein wird - und das Parlament wird dabei ganz wenig zu sagen haben.
Das heißt: Das Militär wählt die Verfassungskommission - und im Großen und Ganzen passt das den säkularen Parteien, während die Islamisten dagegen wüten. Denn es bedeutet, dass die Islamisten kaum einen Einfluss beim Schreiben der Verfassung haben werden, egal wie gut sie bei den Wahlen abschneiden.
STANDARD: Was wird passieren, wenn das durchgezogen wird?
Ottaway: Dann kommen sehr unruhige Zeiten auf Ägypten zu. Und wenn die Militärs diese Unruhe abstellen, werden wir so etwas wie ein neues Mubarak-Regime haben - und irgendwann den nächsten arabischen Frühling.
Ich denke, der einzige Weg für eine echte Transition ist, dass das Militär und die Säkularen akzeptieren, dass das gewählte Parlament an der Verfassungsgebung beteiligt werden muss. Die säkularen Parteien verstecken sich hinter dem Militär, um die Islamisten zu marginalisieren. Mit dieser Einstellung wird es keine normale Transition geben und auch keine Demokratie. Denn ob es uns gefällt oder nicht: Die Islamisten sind Teil des gesellschaftlichen und politischen Gefüges des Landes.
Schauen Sie, in Tunesien hat Ennahda über 40 Prozent der Stimmen gewonnen, und nun wird sie eine Koalitionsregierung bilden - und weiß, dass sie für die Verfassung einen Kompromiss akzeptieren muss. Verfassungen werden nicht mit einer einfachen Mehrheit verabschiedet, so wird es nicht passieren, dass die Islamisten den Prozess komplett dominieren. In Ägypten hingegen wollen die Säkularisten die Islamisten komplett marginalisieren.
STANDARD: Und sind somit undemokratischer als die Islamisten?
Ottaway: Jedenfalls ist das nicht gerade demokratisch - ich verwende gerne den Vergleich zu Europa in den 1920/30ern: Damals hat sich die Mittelklasse aus Angst vor dem Kommunismus dem Faschismus in die Arme geworfen. Auch jetzt haben Sie eine Mittelklasse - wobei auch viele Islamisten Mittelklasse sind -, also eine säkulare Klasse, die den Autoritarismus einer Demokratie vorzieht, die die Muslimbrüder beteiligt.
STANDARD: Aber in Ägypten haben wir doch längst weniger vor den Muslimbrüdern als vor den viel strengeren Salafisten Angst.
Ottaway: Wir haben keine Ahnung, wie die Balance zwischen beiden Gruppen aussieht. Aber ich möchte betonen, dass die Position der Säkularisten schon so war, bevor die Salafisten am Horizont erschienen sind.
STANDARD: Wie stark oder schwach sehen Sie die Liberalen, die Linke vor den Wahlen?
Ottaway: Sie sind sehr schwach, aus zwei Gründen. Erstens streiten sie ständig, spalten sich, gründen neue Parteien. Zweitens haben sie nicht genug Zeit verwendet, zu den Leuten zu gehen und ihre Parteien aufzubauen. Die Muslimbrüder, wie Ennahda, haben das getan. Die Säkularen kämpfen, indem sie Kommentare in Zeitungen schreiben.
STANDARD: Die politische Landschaft ist sehr komplex, dann noch das komplizierte Wahlrecht ...
Ottaway: Das wirkliche Problem ist, dass diese Wahlen sich so lange hinziehen: Wenn die Regierung die Wahlergebnisse des 28. November - da wird unter anderem in Kairo gewählt - kurz nach dieser Wahlrunde veröffentlicht, dann wird das die nächste Runde beeinflussen. Und wenn sie das nicht tut, dann werden die Leute unweigerlich sagen: Ihr habt diese Wahlurnen so lange in Verwahrung gehabt, wer sagt, dass ihr sie nicht in der Zwischenzeit selbst gefüllt habt? (DER STANDARD, Printausgabe, 21.11.2011)
Wissen
Dreieinhalb Monate Wahlen
An den drei Terminen 28. November, 14. Dezember und 3. Jänner wählen jeweils neun der 27 Gouvernements Ägyptens. Zu einem jeden dieser Termine gibt es auch einen Stichwahltermin (5. und 21. Dezember, 10. Jänner). Ende Jänner - voraussichtlich am 29. - beginnen dann die Wahlen der zwei-ten Parlamentskammer, der Schura: auch hier drei Termine und drei Stichwahltermine. Am 11. März 2012 sollten dann die Wahlen der zwei Parlamentskammern endlich abgeschlossen sein.
Am 28. November wählt neben Kairo Fayoum, Port Said, Damietta, Alexandria, Kafr al-Sheykh, Assiut, Luxor und al-Bahr al-Ahmar. (guha/DER STANDARD, Printausgabe, 21.11.2011)
Hussein Anan fordert 80 Peitschenhiebe für einen Biertrinker
Angriff auf Ordnungspolizei auf dem Sinai - Grenze zum Gazastreifen geschlossen
Richter zog sich zurück - 84-jähriger Ex-Präsident wurde mit Helikopter transportiert
Präsident Mursi hat noch kein Grünes Licht gegeben - Drei Polizisten und vier Soldaten verschleppt
Neuer Bericht belastet Ägyptens Armee: Verwundete wurden mit unsterilisiertem Besteck verarztet
Dutzende Verletzte in Alexandria
Ausschreitungen nach christlichem Begräbnis - Präsident Mursi ordnete Untersuchung an
Konvoi von bewaffneten Einheiten aufgehalten - Beduinen als Vermittler eingesetzt
Anwalt, der gegen Programm des TV-Satirikers Bassem Youssef klagte, blieb erfolglos. Gegen den Komiker wird aber weiter ermittelt
Angst vor Schiitisierung Ägyptens
Soll Propheten Mohammed beleidigt haben
Bassem Youssef ist der Stachel im Fleische des ägyptischen Präsidenten und seiner Anhänger
Regierungsumbildung in Ägypten: Opposition enttäuscht
Präsident Morsi will Entlassung des Generalstaatsanwalts nicht zurücknehmen
Polizei setzt Tränengas ein
Verhaftungen und Verhöre prominenter Aktivisten - Herbe Verluste für Islamisten bei Wahlen an den Unis
Demonstranten gingen mit Gewalt gegen Journalisten vor
Als Ausweg aus der innenpolitischen Krise - Gericht vertagt Entscheidung über Parlamentswahl
Regierende Islamisten wollten 3.000 Richter entlassen - Mursi und Justizrat: Neue Reform soll für beide Seiten tragbar sein
Todesurteile für 21 Fußball-Fans bestätigt - 28 Freisprüche - Demonstranten in Port Said versuchen Suez-Kanal-Verkehr zu stören
Langsame Justiz - Opposition wirft Regierung die Entlassung von tausenden Richtern vor
Wahlgesetz wird überprüft - 470 Verletzte bei Zusammenstößen in Kairo und Port Said, Polizei verweigert Einsatz
Protest gegen Islamisten-Forderung nach "Reinigung der Justiz"
Salafist war am Sonntag vom ägyptischen Präsidenten entlassen worden
Motto: "Demokratisch ist es nur dann, wenn die uns genehmen gewinnen"
Vorgelebt seinerzeit in Algerien, im Gazastreifen, in der Elfenbeinküste und einigen mehr. Ach ja: und wenn die Gefahr besteht, dass das Ergebnis nicht passen könnte, drehen wir die Abstimmung einfach ab - siehe Griechenland.
Mühsamer wäre es wohl, sich die Frage zu stellen, warum die "Islamisten" überall gewinnen würden und die Mehrheit der Leute offensichtlich auf die Säkularen pfeift.
blick in die europäische debatte um die wahlsiege der rechten genügt: die proponenten verwenden unlautere mittel und sprechen die emotionen der (in der regel) dumpfen und egoistischen wähler an um sich durch solche 'populistisch' genannten methoden wahlsiege zu erschleichen.
warum solls mit islamisten wählern anders sein ?
PS: interessant würde ich finden wie die linken reagieren wurden, wenn die bösen europäischen rechten sich im massnahmen fundus der islamisten bedienen würden ;)
warum: das sozio-kulturelle element ist meist mehrheitlich konservativ. ausnahme: wenn bürgerliche werte verletzt sind, die zwar in den menschenrechten kanonisiert sind, aber auch in den soziallehren der religionen wurzeln. und es wird um macht gerittert in einem bekanntlich selbstreferentiellen über ebenso weitgehend selbstreferentielle parteien erhaltenen system der repräsentativen, parlamentarischen demokratie. es ist sehr wahrscheinlich, dass islam - im sinne eines unschuldigen signals des wertekonservativismus - von allen bemüht wird bzw. auch erwartet wird. und nach außen können muslim brüder heute soetwas wie die cdu-csu repräsentieren, ich für mich betone: können, da die frage des terrors als totalitäres machtinstrument offen ist.
"..sich hinter dem militär verstecken"
falls dieser vorwurf seine berechtigung hat, sollte die dame trotzdem etwas darüber nachdenken, warum diese sich verstecken und welches schicksal ungläubigen so blühen kann
na sollen sie sich freiwillig niedermetzeln lassen, von islamisten??
Gerade die europäische – genauer gesagt – die deutsche Geschichte hat jedoch auch gezeigt, wie gefährlich es sein kann, eine totalitäre Bewegung an der Macht zu beteiligen.
Und dass der Erfolg bei Wahlen eine totalitäre Bewegung leider nicht automatisch “demokratisch“ macht:
http://aron2201sperber.wordpress.com/2011/11/2... telklasse/
So ist es. Islamismus ist ganz sicher auf Dauer nicht mit unseren Vorstellungen von demokratischen Werten vereinbar.
Wer kann es den säkularen Kräften verübeln, wenn sie lieber eine Militärdiktatur haben anstatt als "unislamisch", "abtrünnig" etc. von den Islamisten verfolgt und ermordert zu werden.
Die Menschenrechte sind universell, da gibt es nichts zu diskutieren. Da gibz es keine "kulturellen Aspekte". Dass Sie offenbar der Meinung sind man kann per Mehrheitsentscheid die Menschenrechte aushebeln und das wären dann Demokratie spricht Bände.
ich packs nicht... haben sie gesehen was das mitlitär für brutalitäten an den tag bringt... menschenrechte? ich packs nicht...universelle menschenrechte, da stimme ich ihnen zu...aber nicht so, nicht mit tränengas und gummigeschossen auf augenhöhe...Nicht so, verflucht nocheinmal!
Es handelt sich hier nicht um eine "These", sondern eine faktische historische Entwicklung hin zur Mäßigung, die in Akzeptanz der demokratischen Prozedur und Idee mündet, wenn auch andere liberale Werte nur eingeschränkt akzeptiert werden. Radikal waren Teile der ägyptischen Muslimbruderschaft in den 60ern im Gefolge Sayyid Qutbs, dessen Ideen früh zurückgewiesen wurden. Sie haben wohl die letzten 30 Jahre verschlafen.
ein déjà vu!
1988 gab es so eine wende in algerien mit vielen todesopfern. freie meinungsäusserung, freie wahlen haben zum absoluten sieg der FIS und dann kam das militär mit den sekulären dahinter, dies führte zum blutigsten bürgerkrieg in der arabischen welt.
Ich kann den Vergleich Tunesien-Ägypten nicht mehr hören. Die gemässigten "Islamisten" Tunesiens mit den ägyptischen radikalen Muslimbrüdern zu vergleichen ist in etwa so als wolle man die deutsche Wirtschaft mit der Griechenlands mit der argumentation "alles beide ist Europa" gleichsetzen.
So gesehen ist es auch kein Zufall dass im realativ forschrittlich und immer schon säkularen Tunesien die Revolution losgetreten wurde, während Ägypten nur behauptete ebenfalls eine Revolution zu haben nach dem es von Tunesien unter Zugzwang gebracht wurde. Da sie sonst den Ruf des arabischen Anführers gefährdet sahen. Letztendlich reicht ein Blick auf die heutige Situation der beiden Länder um die Unterschiede zu erkennen und Klarheit zu bekommen.
So sehr unterscheiden sich Ennahda und die MB in Ägypten nun auch wieder nicht, zumindest nicht auf Papier hinsichtlich der Akzeptanz von Rechtsstaat, Demokratie etc. Worin besteht denn der Extremismus der MB? Die ägypt. MB tritt konservativer auf, und hat auch mehr Platz für ein paar Spinner, weil der Druck von "rechts" (an-nur, Asala Partei etc) größer ist. Das äußert sich auch regional, dort wo der Druck der Salafiten (z.B. Alexandria) am größten ist, passt man sich eher an. Mag ich die MB? Nein, aber MBs als Extremisten hinzustellen ist fragwürdig.
herrschen auch in Mitteleuropa:
In Bayern die Christlich-Soziale Union,
in Deutschland die Christlich-Demokratische Union,
in Österreich die "Schwarzen"
( so benannt nach der Kleidung des Klerus ).
Warum also nicht auch in Ägypten ?
Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.