Im Vatikan kommt die päpstliche Macht zuerst

Kolumne20. November 2011, 18:42
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Nur wenn sich das nächste Konklave irrt und wie im Fall von Johannes XXIII. einen versteckten Reformer wählt, könnte sich etwas ändern

"Die Macht in der Kirche ist unteilbar", erklärte der vatikanische Regierungschef (Kardinalstaatssekretär) Tarcisio Bertone im März 2010 gegenüber der italienischen Tageszeitung Corriere della Sera. Er bezog sich dabei auf die Kritik an seiner offiziellen Position, die Missbrauchsfälle der letzten Jahrzehnte seien persönliche Fehltritte von Priestern. Eine Mitverantwortung der Kirche gebe es nicht. Wer das behaupte, untergrabe das Vertrauen in die Kirche.

Bertones Aussagen stehen völlig im Einklang mit der unter Johannes Paul II. erneut fixierten päpstlichen Zentralgewalt, die einer geistlichen Diktatur mit weltlicher Ausprägung gleicht. Ganz im Sinne des kanonischen Rechts von 1917. Darin wird dem Papst die Jurisdiktionsgewalt nicht nur über die Bischöfe, sondern auch "über alle Hirten und alle Gläubigen" übertragen. Aufweichungen durch das II. Vatikanum unter den Päpsten Roncalli und Montini wurden von Papst Wojtyla eliminiert.

Dieser autoritären Position hängt auch Benedikt XVI. (Joseph Ratzinger) an. Die Reformversuche der österreichischen Pfarrerinitiative rund um Helmut Schüller sind deshalb schon kirchenrechtlich zum Scheitern verurteilt. Denn dieses Pontifikat bewegt sich nicht, erlaubt keine Veränderung.

Die österreichische Bischofskonferenz hat daher - vor diesem Hintergrund konsequent - dem "Ungehorsam" eine brüske Absage erteilt und auch - jenseits aller Demokratie-Ansagen - eine Anpassung des Katholizismus an die moderne Gesellschaft prinzipiell verweigern müssen.

Christoph Schönborn, der Wiener Kardinal und unumstrittene Vorsitzende der Bischofskonferenz, weicht keinen Millimeter von der römischen Linie ab. Er ist loyal bis in die Knochen.

Was deshalb bemerkenswert ist, weil zwei seiner Vorfahren dieser Treue gegenüber Rom wenig abgewinnen konnten. Johann Philipp von Schönborn (Bischof von Worms um die Mitte des 17. Jahrhunderts) und Lothar Franz von Schönborn (Erzbischof von Mainz an der Wende zum 18. Jahrhundert) waren Vertreter jenes "antikurialen Reformkatholizismus" , den der Historiker Rudolf Lill in seinem jüngsten Buch Die Macht der Päpste (Verlag Butzon&Bercker) gut beschreibt.

Nicht der Papst sei unfehlbar, sondern nur die gesamte Kirche, war eine seiner zentralen Thesen. Das und die Forderung nach einer Konzentration auf Kollegialität und praktische Christlichkeit ohne römische Vorgaben fand auch in Österreich selbst immer wieder Anhänger. Zuletzt die Befürworter der Ansichten Helmut Schüllers.

Der schon erwähnte Historiker Lill fasst die römische Kirchenpolitik der Gegenwart so zusammen:"Die Macht des Vatikans wird benutzt, um die reaktionären Gruppen in der Kirche zu stärken, aus ihren Mitgliedern Bischöfe auszuwählen und alle diejenigen zu schwächen, die am letzten Konzil in vollem Sinne festhalten wollen."

Die große Mehrheit der Kardinäle stützt diesen Kurs. Nur wenn sich das nächste Konklave irrt und wie im Fall von Johannes XXIII. einen versteckten Reformer wählt, könnte sich etwas ändern. (DER STANDARD, Printausgabe, 21.11.2011)

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