Proteste blutig niedergeschlagen

20. November 2011, 18:13

Tausende Demonstranten lieferten sich in Kairo Straßenschlachten mit der Polizei, die kurz vor den Parlamentswahlen immer brutaler vorgeht

Mehrere Kandidaten haben ihre Wahlkampagne bereits eingestellt.

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Treibende Kraft war wieder einmal die Facebook-Generation, die schon die Revolution im vergangenen Jänner in Gang gesetzt hatte. Und die Szenen vom Wochenende erinnerten auch erneut an den Aufstand, der Wochen später zum Sturz von Hosni Mubarak führte: Eine wütende Menge liefert sich Straßenschlachten mit der Polizei auf dem Tahrir-Platz und in den angrenzenden Seitenstraßen von Kairo. Sicherheitskräfte prügeln, setzen Tränengas und Gummigeschoße ein; Steine fliegen, Polizeifahrzeuge gehen in Flammen auf. Es gibt fast tausend Verletzte und mindestens fünf Tote. Im Internet rufen Aktivisten wortreich auf, sich den Protesten anzuschließen.

Der aufgestaute Ärger über die zunehmende Repression des Militärs machte sich am Wochenende explosionsartig bemerkbar und erfasste auch andere Städte in Ägypten, allen voran Alexandria, Suez und Assuan.

Am Samstagmorgen hatte die Polizei ein kleines Sit-in von vielleicht 200 Angehörigen der Revolutionsopfer auf dem Tahrir-Platz mit äußerster Brutalität aufgelöst. Das war der Zündfunke für die Unruhen, nachdem eine Großdemonstration am Freitag friedlich zu Ende gegangen war.

Die anschließenden Demonstrationen waren spontan und unkoordiniert - keine der großen Parteien steckte dahinter. Diese riefen eher zu Zurückhaltung auf, wie etwa die Muslimbrüder. Sie verurteilten die Polizeiaktion aber ebenso scharf wie die Präsidentschaftsanwärter Mohammed ElBaradei und Amr Mussa.

Die Menge bezeichnete die Einsatzkräfte als Rowdies und Diebe und verlangte den Rücktritt des Militärratsvorsitzenden Feldmarschall Mohamed Hussein Tantawi. Die Forderung der Demonstranten: ein Ende der Militärregierung mit einem klaren Zeitplan für der Übergabe der Macht an eine reguläre, zivile Regierung.

Machtbewusstes Militär

Der Weg dorthin sollte über ein gewähltes Parlament führen mit Wahlen, die am 28. November beginnen. Mit einer Liste unabänderlicher Verfassungsprinzipien, die Sondervollmachten für die Armee festschreiben, schürt der Militärrat aber Zweifel, ob er tatsächlich bereit ist, sich zurückzuziehen. Er hat den Ausnahmezustand nicht aufgehoben und tausende Zivilisten vor Militärgerichten verurteilt. "Keines der Ziele der Revolution - Menschenrechte, Freiheit und Würde - ist erreicht" , begründete ein älterer Herr in einer TV-Sendung seine Anwesenheit auf dem Tahrir-Platz.

Die Jugendkoalition des 25. Jänner hat wieder Zelte aufgestellt und verkündet, man werde den Tahrir-Platz besetzen, bis ihre Forderungen erfüllt seien. Viele ihrer Kandidaten haben ihre Kampagne aber eingestellt. Andere junge Aspiranten auf einen Sitz in der Abgeordnetenkammer haben es ihnen gleichgetan - aus Furcht.

Die Regierung hat aber über das staatliche Fernsehen verlauten lassen, dass der Urnengang trotz der angespannten Sicherheitslage wie geplant am 28. November beginnen wird. (Astrid Frefel aus Kairo /DER STANDARD, Printausgabe, 21.11.2011)

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25 Postings
FANTASIE HOCH 10
11
21.11.2011, 05:52
Hat ja nicht lange gedauert bis der nächste Diktator sich an der gemacht gefunden hat

tja so viel zum Frühling der Araber der sich langsam als EISZEIT ergibt! Prost und Mahlzeit

Kottan's Erben
 
01
21.11.2011, 04:49
Das ist halt Demokratie

so richtig Obama-like.

Das ist eben so:
Jedes Haus braucht ein Fundament.
Und jede Staatsform braucht ein Fundament.

Das Dach, nämlich die Demokratie, kann ohne Fundament nicht schadlos aufgesetzt werden.
Und das Fundament einer Demokratie sind und bleiben die Menschenrechte.

Solang die Menschenrechte fehlen, regiert die Mehrheit. Und der geht die Minderheit so etwas von am A.... vorbei.

Und holla, da reicht auch schon eine nur gefühlte Mehrheit. Um das zu verifizieren, müssen wir nicht nach Ägypten schauen. Wie oft wird auch hier am Willen des Volkes vorbeiregiert - mit gefühlter Mehrheit.

Linus Tintifax
00
21.11.2011, 02:45
polizeigewalt ist inakzeptabel,

die sharia allerdings auch.
ansonsten volle zustimmung zum post bzw. link von eknaDNovember.

Moe Joe1
02
20.11.2011, 22:23
Gut so! Man kann die Ennahda in Tunesien nicht mit den Moslembrüdern vergleichen und die Revolutionäre selbst in allen drei Ländern sind aus unterschiedlichen sozialen Schichten. In Tunesien war es die ungebildete arbeitslose Jugend in den großen ...

Städten, die Ben Ali stürzten.
In Lybien waren es anfangs die sufisch-islamisch geprägten Greise, bis es alle erwischt hat, Tripolitanien war anfangs sogar bereit einer Teilung des Landes zuzustimmen, weil sie wirklich die Al-Kaida befürchtete. In Ägypten war es die säkulare gebildete Mittelschicht, die auch einen Computer besitzt, die einfach eine Werbekampagne daraus gemacht hat. Alle drei verbindet dennoch, nämlich der Ruf nach Meinungsfreiheit und Pluralität. Ich sehe es positiv, dass die Menschen wieder auf den Tahrirplatz gehen, die Militärregierung versucht mit den Wahlen einen Etikettenschwindel zu erzwingen und genau das alte System noch in letzter Sekunde zu reanimieren. Ägypten kommt noch lange nicht zur Ruh und das ist gut so..!

eknaDNovember
07
20.11.2011, 22:16
"All the cops are just workers for the one percent and they don´t even realize they´re being exploited!" (retired police captain Ray Lewis)

es spielt keine Rolle ob New York oder Ägypten, es ist überall das selbe Spiel - und dieses Spiel funktioniert nur solange es genug "Dumme" gibt, die sich benutzen lassen um einer kleinen kontroll-besessenen Minderheit zu dienen.
http://alles-schallundrauch.blogspot.com/2011/11/p... ccupy.html

Fritz Wunderlich
10
21.11.2011, 08:57

philadelphia ist nicht new york, und blöd, dass ihm das erst in der pension eingefallen ist

eknaDNovember
01
20.11.2011, 22:03

Man kann eine Bewegung verzögern (durch die Einsetzung einer Militärregierung, die ähnliche Machtstrukturen hat wie die Regierung davor) aber man kann sie nur verzögern - man kann sie nicht aufhalten!

Enrico Furioso
00
20.11.2011, 21:09

"La Révolution est comme Saturne: elle dévore ses propres enfants." - die letzten Worte des französischen Revolutionärs Pierre Victurnien Vergniaud vor seiner Hinrichtung.

Dirk W1
34
20.11.2011, 20:59
Egal wer gewählt wird, alle werden nach der Nase der Amis und NATO tanzen.

Nur das Volk will das nicht und hat das Recht dagegen zu protestieren!

NeoProgressive
00
21.11.2011, 05:02
Nichts verstanden!

Das Volk prtestiert gegen den diktatorischen Militärrat, nicht gegen USA und Nato.

Long Dong Kong
03
20.11.2011, 20:49

Der Vorabend der Machtübernahme durch die Moslembruderschaft.

Lybien, Tunesien ..... was wohl da kommen mag.

Jedenfalls dürfte der arabische Frühling doch eher Richtung Theokratie denn zu Demokratie führen.

Erich Blutaxt
11
20.11.2011, 20:45
Das sind ja so Zustände wie in New York kürzlich!

and then there was silence
30
20.11.2011, 20:42

Traurig...

Die schei.ßen so was von auf die Idee der Volksherrschaft...

http://www.youtube.com/watch?v=7tiOClGuogY

Toll wäre es, wenn ihr den Link auch euren Freunden, Verwandten und Bekannten senden könntet. (evtl. über Facebook, Mail, Twitter etc)

Thomas J Jackson
03
20.11.2011, 21:25

Und wieder spamst du jedes nur erdenkliche Forum voll!

Schon einmal daran gedacht, dass niemand dein Buch verlegen will, weil es ganz einfach nur schlecht ist? Daran werden auch die paar youtube-clicks nichts ändern, die du dir hier durch deine schwülstigen Postings erschleichst.

Erich Blutaxt
00
20.11.2011, 20:25
Das sind ja so Zustände wie in New York!

günter55
40
20.11.2011, 20:09
Journalismus vs. Objektivität

Frau Frefel
wenn Demonstranten gewalttätig werden (ich gebe zu, ich war nicht dabei), was soll dann der Staat machen. Jeder Staat - demokratisch gewählt, oder wie in Ägypten vor einer Wahl?
In Österreich wäre das gleiche (unwahrscheinlich, aber möglich) - Polizei oder Militär würde dagegen vorgehen (müssen)
Das bedeutet, dass undemokratische Bewegungen - speziell in Ägypten, wo ja gelebte Demokratie immer noch ein Fremdwort ist und noch lange bleiben wird, gerade jetzt Unruhe stiften - und da ist ja der jetzige Übergangsrat nicht wirklich schuld.
Oder zuschauen und alles kaputtschlagen lassen, was nicht eh schon kaputt ist.
Bitte nachdenken, bevor Sie als hoffentlich verantwortungsvolle Journalistin etwas schreiben!

meresi
00
21.11.2011, 04:29
na beackerst schon den boden für einen

einsatz der österreichischen polizei im falle eines zwergenaufstandes in der alpenrepublik...

Das fünfte Element
00
20.11.2011, 20:08
ist jemand überrascht?

I could lose my account for having a voice
33
20.11.2011, 20:53
Nein

Die Ägypter wollten 'Demokratie' nach westlichem Muster und das sind erste Anzeichen dafür, dass sie die auch bekommen!

Nur etwas subtiler müssen die Methoden noch werden, mit denen die Obrigkeit die Bevölkerung niederhält. Dann klappt es irgendwann auch mit dem Friedensnobelpreis.

Naomi Crawles
03
20.11.2011, 19:58
Militärs

ist es nicht so dass die Militärs immer in Ägypten geherscht haben und Mubabrak nur eine Puppe war? Vielleicht so ähnlich wie im Iran mit den Revolutionsgarden. So gesehen ist es keine Überraschung dass sich nix geändert hat...Hut ab vor den Demostranten.

Gegen Studiengebühren kämpfen!
01
20.11.2011, 19:57
Der Wahlkampf ist zwar wichtig,...

...weil um Positionen und Meinungen gestritten wird. Das Wahlsystem und die Kompetenzen des Parlaments sind jedoch eine reine Farce. 1/3 der Parlamentssitze werden durch Mehrheitswahlrecht bestimmt in Regionen, die von der ehemaligen Regime-Partei und der Moslembruderschaft kontrolliert sind, diese Sitze also für die linken und liberalen Kräfte wegfallen. 2/3 der Sitze werden durch ein Listenwahlrecht bestimmt, wobei eine Liste im günstigsten Fall 10 Kandidaten stellt, also mind. 10% erreicht werden müssen (bei weniger Kandiaten dementsprechend mehr! Zudem besitzt das Parlament keinerlei Kompetenzen, die faktische Macht ist im Obersten Militärrat konzentriert.

http://www.linkswende.org/5397/Die-... Revolution

günter55
00
20.11.2011, 20:11
Nochmals

Habne Sie konstruktive Lösungsvorschläge?
Ihre Analyse klingt nicht schlecht

Gegen Studiengebühren kämpfen!
00
20.11.2011, 20:41

Die revolutionären Kräfte befürchten, dass der Militärrat seine Macht in der sog. Übergangsperiode weiter festigen wird. Die einzige wirkliche Kompetenz des Parlaments wäre, dass es die verfassungsgebende Versammlung bestimmt. Der Militärrat versucht eben gerade, dieses letzte demokratische Mittel zu liquidieren.

Das Problem an den Wahlen und der Zeit danach ist, dass es sich um einen sehr langwierigen Prozess handelt (Übergangsperiode). Das Endergebnis der Wahlen steht frühstens im März, danach 6 Monate bis zur verfassungsgebenden Versammlung, und danach noch einmal 6 Monate.

Erste Schritte wären einmal, wenn der Militärrat Macht abgeben würde. Die revolutionären Kräfte verlangen ja bereits den Sturz Tantawis.

günter55
00
20.11.2011, 20:10
Fundierte Meinung!

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