Mahlzeit

Leserkommentar21. November 2011, 10:22
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Sage mir, was du isst, und ich sage dir, wer du bist. Für Gestresste gibt's Fast-Food-Ketten, für "Schickimickis" Nobelrestaurants, für Tierfreunde Vegetarisches, und dann noch die österreichische Küche, für wen ist die eigentlich?

Die österreichische Küche ist sehr schmackhaft, aber nicht sehr gesund. Ein robuster Körper ist also Grundvoraussetzung, vor allem eine gut funktionierende Gallenblase, da der Verdauungstrakt doch mit größeren Fettmengen konfrontiert wird. Ein anerkanntes Hilfsmittel zur Bewältigung der schweren Kost ist das Verdauungsstamperl, daher ist auch die Leber gefordert. Und viele heimische Nahrungsmittel fördern die Gasbildung, also muss der Österreicher über eine beinahe zen-buddhistische Körperbeherrschung verfügen, wenn er in Gesellschaft nicht unangenehm auffallen will. Die österreichische Küche ist auch sehr innovativ, Fleischlaberlsemmel gab es bei uns schon, als es Herrn McDonalds und andere Burger Kings noch gar nicht gegeben hat. In der heimischen Variante ist aber kein Salatblatt enthalten, was viel über unser Verhältnis zu Vitaminen aussagt.

Nationale Delikatessen

Essen ist ja das älteste Kulturgut überhaupt, und es ist die einzige Kultur, die jeder konsumiert. Daher hat jedes Land seine nationale Esskultur, auf die es stolz ist - Außer England: Als ich einmal an einer Schulung in England teilnahm, ging ein ortsansässiger Kollege jeden Abend mit uns essen. Dabei besuchten wir Lokale aus fast jedem Land des ehemaligen British Empire, nur die Küche Englands hielt er uns vor. Selbst das Frühstück war ein "Continental Breakfast". Aber das ist eine Ausnahme, alle anderen Länder sind stolz auf ihre nationalen Delikatessen.

Die Zeiten, in denen Nahrung eine Mangelware ist, sind in Europa vorbei. Beinahe jeder kann seinen Energiebedarf im Übermaß decken. Gleichzeitig wurden die Jobs immer bewegungsärmer, und schon entstand ein neues Problem: Übergewicht. Mit dem aufkommenden Problembewusstsein folgte die Gegenbewegung: der Schlankheitswahn. Und dann kam die Magersucht. Heute werden uns Models vorgeführt, die ohnehin schon dürre Skelette sind und trotzdem mittels Fotobearbeitung noch dünner gemacht werden. Alle Welt fragt sich, warum die so zickig sind, aber eigentlich ist das klar: Wenn ich immer hungere, bin ich auch grantig.

Beim Fasten bildet der Körper aber auch Opoide und versetzt sich selbst in einen Rauschzustand. Das ist wenigstens ein Drogenrausch, der ohne Dealer und Begleitkriminalität auskommt. Die Hormone beginnen zu tanzen, Serotonin, Endorphine, und alles kostenlos!

Dennoch ist Fasten keine Wunderdroge. Magersucht ist eine sehr ernste Krankheit und abseits von hormonell gesteuerten Delirien spielen gesellschaftliche Zwänge und ein irrer Wettbewerbsdruck eine große Rolle. Wir Männer haben es da leichter, wir lassen unsere Wettbewerbstriebe von Stellvertreter-Gladiatoren auf dem Fußballfeld ausleben. Vielleicht ist das ein Lösungsansatz: die Damen nehmen ein Bier aus dem Kühlschrank und schauen den Models im Fernsehen beim Dünner- werden zu.

Aber schön findet das sowieso kein normaler Mann. Also, meine Damen, macht euch keinen Stress wegen ein paar Kilos, wir lieben euch sowieso! (Leser-Kommentar, Hermann Moser, derStandard.at, 21.11.2011)

Autor

Hermann Moser, 39, ist in Oberösterreich aufgewachsen und lebt in Wien, wo er Lebensmittel- und Biotechnologie studiert hat und jetzt in einem Pharmakonzern seinen Lebensunterhalt verdient.

  • Wie innovativ ist die österreichische Küche?
    foto: regine hendrich

    Wie innovativ ist die österreichische Küche?

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