Bildung ist der Grundstock einer Demokratie

Leserkommentar22. November 2011, 09:24
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Statt den "ökonomischen Vorteil" von Bildung in den Fokus zu stellen, sollte darüber diskutiert werden, wie junge Menschen Fähigkeiten entwickeln können, die zur Herstellung einer demokratischen Gesellschaft führen

Nachdem das Bildungsvolksbegehren nun im Parlament behandelt werden muss, stellt sich die Frage: Was kann ein Bildungsvolksbegehren bringen, das aufgrund von ökonomischen Zwängen die Notwendigkeit ausruft, das Bildungssystem zu reformieren (Österreich darf nicht sitzen bleiben)?

Natürlich könnte man bei dieser Begründung von einer strategischen Finesse reden - schließlich vermag in diesem politischen Zeitalter nichts so sehr wie der ökonomische Zwang, der Politik eine Handlung abzuringen. Allerdings wäre auch der Umkehrschluss zulässig, nämlich dass die Verwendung des Bildungsbegriffes eine Finesse gewesen sein könnte, um eine breite Gesellschaftsschicht für ökonomisch günstige Maßnahmen zu gewinnen.

Aufgrund dieser aus welchen Gründen auch immer getätigten Verbindung von Bildung und ökonomischen Zwängen, will ich erörtern, was es heißt, die Gestaltung des Bildungssystems zum Zwecke ökonomischer Vorteile zu optimieren - und inwiefern diese Thematik den Grund für eine scheinbare Dauerkrise der Bildung darstellen könnte.

Bildung per se ein zeitintenisver und ineffizienter Prozess

Bildung, vor allem in dem Sinne, wie sie in den schönsten Sonntagsreden zu etwas stilisiert wird, dessen Förderung niemand offen ablehnen will, widerspricht den Grundgesetzen der globalisierten kapitalistischen Ökonomie: sie ist per se äußerst ineffizient, kostet also viel Zeit, in der unmittelbar kein Wert geschaffen wird, der durch Geld abgekauft werden könnte; sie befähigt nicht unmittelbar dazu Waren oder Dienstleistungen bereit zu stellen; sie nimmt den sich bildenden Menschen für ihre Dauer aus einer hohen Konsumierfähigkeit; ihre Effekte sind ineffizient, indem hinterfragende und reflektierende Praktiken Leistungsbereitschaft unterbrechen oder zumindest davon ablenken und womöglich die Konsumierfreudigkeit einschränken.

Es ist also eine Illusion, dass die derzeitige kapitalistische Ökonomie gut gebildete Menschen bräuchte. Sie braucht gut ausgebildete "unterbrechungslos funktionierende" Menschen. Und genau in diese Richtung, nämlich zur Ausbildung von funktionalen Menschen, wird sich ein Bildungssystem entwickeln, das zum Zwecke der Optimierung eines ökonomischen Standortvorteils gestaltet wird.

Bildung ist eine Notwendigkeit für Demokratie

Es gibt allerdings einen Grund, warum Bildung, so wie sie in den schönsten Sonntagsreden verhandelt wird, offen niemand ablehnen kann. Denn sie ist in gewisser Weise eine Notwendigkeit einer demokratischen Gesellschaft. Sie eröffnet jedem Menschen die Möglichkeit, eine Bestimmung nur dann als legitim anzusehen, wenn die Mehrheit der Betroffenen dieser Bestimmung zustimmen. Hierfür ist nämlich sowohl die Vorstellungskraft notwendig, diese Bestimmung zu verstehen und zu antizipieren, sowie die Fähigkeit geeignetere Alternativen in einem Raum zu formulieren, indem diese gehört werden. Dabei handelt es sich um zwei Vermögen, die beinahe ausschließlich durch Bildungsprozesse gefördert werden, die nicht an einer unmittelbaren Verwertbarkeit ihrer Inhalte interessiert sind.

Der Grundton, von dem die parlamentarische Behandlung des Bildungsvolksbegehrens nicht abweichen dürfte, wenn es tatsächlich um Bildung als Befähigung zu einer demokratischen Gesellschaft ginge, wäre folgender: Die Befähigung zur Herstellung einer demokratischen Gesellschaft (mitsamt der Möglichkeit diese Befähigung zu entwickeln), muss über den ökonomischen Vorteil dieser Gesellschaft gehoben werden. Hierbei ist aber der wichtigste Schritt, es tatsächlich allen jungen Menschen zu ermöglichen, solche Fähigkeiten in den Bildungseinrichtungen zu entwickeln, die für eine tagtägliche Erschaffung demokratischer Lebensbedingungen erforderlich sind. Ein Schritt, der eben nicht bloß einer Reform der Bildungsanstalten bedarf, sondern besonders und zu aller erst die Situation der jungen Menschen in den Blick nehmen müsste, da sich hier entscheidet, inwiefern die bereitgestellten Möglichkeiten tatsächlich in Anspruch genommen werden können.

Was die anstehende parlamentarische Behandlung also im besten Falle bringen kann, wäre ein Raum, indem diese Umstände und Spannungen mit Aufmerksamkeit verhandelt werden können - um zu sehen, in welchem Ausmaß Österreich einer jungen Generation die tagtägliche Errichtung von Demokratie ermöglichen und sie dabei unterstützen will. (Leser-Kommentar, Johannes Bartosch, derStandard.at, 22.11.2011)

Autor

Johannes Bartosch, studiert an der Universität Wien Philosophie und schreibt gerade an seiner Diplomarbeit.

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