Unruhe in der Einsamkeit

20. November 2011, 17:31
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Arthur Schnitzlers "Der einsame Weg"

Wien - Peter Turrini, der sich jüngst über die Verunstaltung von Theaterstücken durch "Hinein- und Umschreiberei" erregt hat, hätte diese Inszenierung gefallen. Der 32-jährige deutsche Regisseur Alexander Nerlich belässt die wirkmächtige Sprache in Arthur Schnitzlers Der einsame Weg in ihrer Originalität. Am Wiener Volkstheater gibt es keine Anspielungen auf gegenwärtige gesellschaftspolitische Zustände. In die Jetztzeit ragen die Themen des 1904 uraufgeführten Gesellschaftsdramas dennoch: Sie zeigen das gegenseitige Unverständnis der Generationen, kreisen um Illusionen, Egoismus, Entfremdung und Tod.

Die Figuren scheinen anfänglich ausgeglichen zu sein. Professor Wegrat (Erwin Ebenbauer), ein fürsorglicher Kunstbeamter an der Akademie, heiratete einst Gabriele (Claudia Sabitzer), die zur selben Zeit vom Maler Julian Fichtner (Günter Franzmeier) geschwängert und sitzengelassen wurde. Seine Geliebte Irene Herms (Heike Kretschmer) hätte sich wegen ihm fast umgebracht.

Zwanzig Jahre danach führt die Enthüllung eines Geheimnisses zur Erschütterung der Existenzen. Der Maler sucht die Nähe zu seinem Sohn Felix (Simon Mantei), der erst jetzt von seinem biologischen Vater erfährt. Seine Schwester Johanna (Nanette Waidmann) sehnt sich ob ihres hoffnungslosen Wissens vom Ende in die Ferne und klammert sich an den todkranken Schriftsteller und Weltenbummler Stephan von Sala (Denis Petkovic).

Unruhig, aber ernst

Erinnerungen bestimmen die Gespräche, Lügengebäude bröckeln. Schnitzlers Fünfakter erweckt beim Lesen den Eindruck einer tieftraurigen Ruhe - Nerlich hat dem Stück diese Grundstimmung genommen: Der einsame Weg in den Orkus erweist sich als unruhig und aufgedreht, bewahrt aber in der Übertreibung die Ernsthaftigkeit. Das macht seine Deutung spannend, so verschwinden auch die Pausen aus der Vorlage. Ob die oft abrupten Übergänge der Szenen postmoderne Beschleunigung sein soll, sei dahingestellt. Eine Zeitraffung an diesen Stellen ist trotz knapp dreistündiger Spieldauer fraglich. Auf der Drehbühne ist die Einrichtung sparsam. Eine Neonleuchttafel, ein Kamin, ein Gewächshaus, Gartensessel und ein surrealer Löwe, der den Sprung aus dem Naturhistorischen Museum gewagt hat. Die Ästhetik ist gelungen, auch die grelle Kostümierung (Amit Epstein). Felix' Tarnkampfrüstung aus dem Army-Shop ist so skurril wie Salas orange-rosa Gewandung. Die roten Locken der Johanna im Harlekin-Kleid weisen auf ihr widersprüchliches Wesen hin. Der Brückenschlag zum Heute gelingt durch Retroschick und Trash. Mit dieser Produktion wirkt das Volkstheater seinem Image als seichte Komödienstätte entgegen und erntete Bravo-Rufe.
 (Sebastian Gilli/DER STANDARD, Printausgabe, 21. 11. 2011)

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