Aktion scharf gegen Markt­missbrauch

20. November 2011, 17:13
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Zehn Jahre nach Liberalisierung der EU-Energiemärkte sollen Manipulationsversuche im Keim erstickt werden

Zehn Jahre nach Liberalisierung der EU-Energiemärkte sollen Manipulationsversuche beim Handeln mit Strom und Gas im Keim erstickt werden - durch verpflichtende Meldung sämtlicher Transaktionen ab kommendem Jahr.

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Wien - Im Einzelfall geht es oft nur um Centbeträge, in Summe wahrscheinlich um hunderte Millionen Euro, die von Energiehändlern durch Preismanipulation Jahr für Jahr abgeschöpft werden - zulasten der Verbraucher. Das zumindest vermuten mit der Branche vertraute Personen. Ganz genau weiß es freilich niemand. Das wird sich ab 2012 ändern.

"In Zukunft muss jede Transaktion an eine zentrale Stelle in Ljubljana gemeldet werden", sagte der Chef der österreichischen Regulierungsbehörde E-Control, Walter Boltz, dem Standard. "Dadurch wird das Vertrauen in die Preisbildung am Strom- und Gasmarkt steigen. Erstmals wird es einen wirklich fairen Preis geben."

Details noch zu klären

EU-Energiekommissar Günther Oettinger schlägt in dieselbe Kerbe: "Mit den neuen Vorschriften wird der Wettbewerb gefördert, Verbraucher können davon ausgehen, stets das günstigste Angebot zu erhalten", sagte Oettinger bei der Vorstellung des Projekts.

Nach eineinhalb Jahren Diskussion wurden die neuen Vorschriften für den Großhandel mit Strom und Gas vor wenigen Wochen auf den Weg gebracht. Details wie die Frage, was Marktmissbrauch ist, was ein Insidergeschäft, aber auch die Höhe des Bußgelds sind noch auszuhandeln. Darum wird sich die EU-Kommission zusammen mit den Regulatoren kümmern.

"Die Händler sind ein vifes Völkchen; man kann davon ausgehen, dass sie im Laufe der Zeit ihr Verhalten ändern", sagte Boltz. "Deshalb ist es wichtig, dass man darauf flexibel reagieren kann."

Bis dato werden Marktmanipulationen im Strom- und Gasbereich so gut wie nicht sanktioniert. So kann ein Händler den Börsenpreis in die Höhe treiben, indem er über einen Broker ein und dieselbe Strommenge zwischen Deutschland und Holland im Kreis schickt, immer etwas teurer.

In der Finanzbranche sind sogenannte Wash Trades verboten; im Energiebereich aber sind sie erstens selten erkennbar, weil nur 15 bis maximal 20 Prozent des Stromhandels über die Börsen läuft. Der Großteil der Energie wird über Broker oder bilateral gehandelt. Zweitens waren Wash Trades auf der auch für Österreich maßgeblichen Strombörse EEX in Leipzig, anders als etwas in Skandinavien, nicht verboten.

Künftig kann nur handeln, wer registriert ist. Preis, Volumen, Datum und Zeitpunkt der Transaktion müssen ebenso gemeldet werden wie Verkäufer, Käufer und Begünstigte. Die Daten müssen eine Viertel- bis halbe Stunde nach Abschluss der Transaktion elektronisch nach Laibach gemeldet werden. Die dort installierte Datenbank wird von Acer, der Agentur für die Zusammenarbeit der Energieregulierungsbehörden (siehe Wissen) betrieben. Boltz, der an der Etablierung der Datenbank führend mitgewirkt hat, schätzt die Zahl der Transaktionen bei Strom auf zwei bis drei Mio., bei Gas auf 1,5 bis zwei Mio. pro Jahr.

Den größten Widerstand gegen die Datenbank habe es nicht von Händlern, sondern von der Finanzaufsicht gegeben. "Die wollten nicht, dass wir in ihrem Tümpel fischen", sagte Boltz. "Jetzt haben die aber anderes zu tun als darauf zu achten, dass beim Handel mit Strom und Gas alles korrekt zugeht". (Günther Strobl, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21.11.2011)

Der Energiemarkt funktiert noch immer so wie ein alter Sicherungskasten: drehen, wenn es Dunkel ist. Foto: APA

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    Der Energiemarkt funktiert noch immer so wie ein alter Sicherungskasten: drehen, wenn es Dunkel ist.

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