Sex and Schmus and Rock 'n' Roll

20. November 2011, 17:06
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Der US-amerikanische Retro-Rocker Lenny Kravitz brachte in der Wiener Stadthalle Bewegung in die Fransenjacken seiner Fans - Rock 'n' Roll als routiniertes Heilsversprechen von vorgestern

Wien - Lenny Kravitz kommt langsam ins Lovely-Days-Alter. Lovely Days nennt sich ein Sommerfestival im burgenländischen Wiesen, bei dem rüstige und weniger rüstige Rock- und Pop-Rentner die Weltjugend von vorgestern an die Zeit ohne Viagra erinnern, als die Uhr noch nicht nachgestellt wurde, wenn sie Ten Years After anzeigte. Zwar trennen diesen in Paris lebenden Amerikaner mit seinen 47 Jahren rein rechnerisch noch einige Jährchen von derlei Nostalgie-Veranstaltungen, doch seine Musik ist dort längst schon angekommen.

Nun ist alte Musik nicht per se schlecht, aber in dem Moment, in dem egal welcher Sound angestaubt wirkt, wird es für den Ausführenden problematisch. Selbst da gibt es für Retro-Rocker Kravitz noch eine Gnadenfrist - zumindest wenn man die Publikumsreaktionen bei seinem Wienkonzert am Wochenende in der halb gefüllten Stadthalle betrachtete: So grobklotzig konnte er gar nicht holzen, um nicht jede Menge bedruckte Jeans- und Lederjacken mit Fransen in Bewegung zu versetzen und so unfreiwillig daran zu erinnern, dass der weiße Mann nicht tanzen kann.

Im vor Weisheit übergehenden It Ain't Over 'Til It's Over küsste er den Prince in sich wach, um zu kuschelrocken, und prompt wurde im Saal drauflosgeschmust. Sex and Schmus and Rock 'n' Roll, Drogen sind böse, nur Bier net deppert.

Lenny stand dazu breitbeinig auf der Bühne und simulierte am Gitarrenhals Eigenliebe für die Massen, ließ leicht bekleidete Damen auf der Videowall hinter sich Bereitschaft zum Rocken vermitteln und lieferte sich Schaukämpfe mit seinen Gitarristen, die er um ein Solo nicht extra bitten musste, wie fast jedes Lied über die Grenzen der Redundanz hinaus belegte.

Sogar an der Songauswahl war abzulesen, dass Kravitz lieber im Gestern als im Heute sein Heil sucht. Er nahm kaum Stücke seines aktuellen Albums ins Programm - Black and White America heißt das, und darauf rittert Lenny mit naiver Poesie gegen das viele Unrecht in der Welt. Vielmehr setzte der sonnenbebrillte Muskelmann auf ein abgesichertes Best-of-Programm, das keine Überraschungen bot. Zwischen derbem Funk und angetäuschtem Soul dominierten die für seine Musik typischen Dinosaurier-Riffs aus der hohen Zeit von Led Zeppelin und Co; versetzt mit nicht immer passend eingesetzten Bläsersätzen.

So marschierte Kravitz durch Auszüge seiner neun Alben umfassenden Diskografie, ließ die American Woman hochleben, berichtete vom Rock Star City Life oder stellte in Are You Gonna Go My Way die Grundsatzfrage. Dabei klang alles ein bisschen austauschbar, dargereicht mit der Routine einer laufenden Tour, samt den üblichen Komplimenten für "the beautiful city of Vienna". Danke, wer hätte das gedacht?

Routine auf sympathisch

Nichts einzuwenden gab es gegen den schnörkel- und solofrei abgelieferten Song Mr. Cab Driver. Aber eine Show ist eine Show, also muss man ein bisserl Action bieten, gerade wenn das Programm schon vor zehn Jahren nicht viel anders geklungen hat. Also runter ins Publikum und den Fans auf Augenhöhe begegnen - immerhin eine sympathische Form der Routine.

Der Saal jubilierte, der Lenny war ein Bursch. Dass mittlerweile sogar sein Retro-Sound alt klingt, ging dabei unter. Noch einmal Schwein gehabt. (Karl Fluch/DER STANDARD, Printausgabe, 21. 11. 2011)

  • Schaukämpfe in der Retro-Rock-Arena. Lenny Kravitz, dessen Sonnenbrille 
nur verrutscht, wenn er es wirklich will, gab in Wien routiniert den 
wilden Hund.
    foto: christian fischer

    Schaukämpfe in der Retro-Rock-Arena. Lenny Kravitz, dessen Sonnenbrille nur verrutscht, wenn er es wirklich will, gab in Wien routiniert den wilden Hund.

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