Die Schlechtigkeit der Verhältnisse

20. November 2011, 17:01
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Halbherzige Inszenierung der "Dreigroschenoper" am Grazer Schauspielhaus

Graz - In Graz gibt es Bettler nur noch im Theater. Denn in der Steiermark ist das Bitten um Almosen seit Mai mit dem bundesweit strengsten Bettelverbot untersagt. Geben ist an der Mur nun auch nicht mehr seliger denn Nehmen. Auch wer Almosen im öffentlichen Raum gibt, steht nun mit einem Fuß im Kriminal, wegen eines nie bewiesenen Verdachtes, die Bettler seien eine kriminelle Organisation. So gesehen ein Glück, dass es noch Banken gibt in Graz.

Ein idealer Ort, könnte man meinen, um die Dreigroschenoper von Bertolt Brecht und Kurt Weill aus den 1920er-Jahren aufzuführen, in der es um Kleinkriminelle geht. Seit Samstagabend regiert Bettlerkönig Peachum, dessen Tochter gegen seinen Willen den Banditen Macheath ehelicht, am Schauspielhaus Graz.

Franz Xaver Zach gibt Peachum überzeugend als einen von der Schlechtigkeit der Verhältnisse überzeugten Schurken. Die Musiker unter der Leitung von Bernhard Neumaier überzeugen ebenso. Doch das war es leider schon mit dem Überzeugungspotenzial der Inszenierung von Anna-Sophie Mahler. Dass Mahler Assistentin bei Christoph Marthaler und Christoph Schlingensief war, würde man nicht erraten.

Unentschlossene Inbrunst

Durch den Abend zieht sich eine Unentschlossenheit zwischen ernst gemeintem epischem Theater und einem Augenzwinkern, von dem man nicht weiß, wem es gilt. Da werden zwar Lieder voll Inbrunst an der Rampe gesungen oder, je nach Gesangstalent, gebrüllt und die Liedtexte auf die Bühne von Sophie Krayer projiziert. Doch alles bleibt Pose.

Daran können die routinierte Steffi Krautz als Frau Peachum und die von Viktor Bodó aus Budapest nach Graz gewechselte Kata Petö als Peachums Tochter Polly auch nichts ändern. Dort und da ein halbherziger Seitenhieb auf Banker reicht nicht. Dem dynamisch-dämonischen Macheath von Florian Köhler geht bis zur gestoppten Hinrichtung die Luft aus. Die Huren, die ihn verraten, schauen vor allem verrucht drein.

In der Pause keimt Hoffnung auf: Das gutbürgerliche Premierenpublikum wird im Foyer mit Bettlerdemo-Tafeln bestückt. Polizeichef Tiger-Brown, den Rahul Chakraborty mehr als Schulbuben, denn als korrupten Bullen gibt, und Jan Thümer als sein Gehilfe drohen, hart durchzugreifen. Es bleibt bei der Drohung. Nachher haben sich die Reihen gelichtet. Wer blieb, applaudierte höflich. (Colette M. Schmidt/DER STANDARD, Printausgabe, 21. 11. 2011)


Nächste Aufführung: 23. 11.

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