"Manche erwischt es eben öfter"

20. November 2011, 17:05
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Zum vierten Mal in seiner Karriere gibt Mario Scheiber ein Comeback nach Verletzung. Er findet, dass es höchste Zeit ist für den ersten Sieg. Gelegenheiten bieten sich am Wochenende in Lake Louise

Wien / Lake Louise - Vor einem Jahr, als Michael Walchhofer seine finale Saison mit dem Abfahrtssieg in Lake Louise eröffnete, landete Mario Scheiber wieder einmal auf dem zweiten Platz. Walchhofer ging nach der Saison als Rennfahrer in Pension. Und Scheiber stürzte wieder einmal ins Unglück. Es passierte am 27. Jänner dieses Jahres beim Abfahrtstraining in Chamonix. Der Osttiroler aus St. Jakob im Defereggental brach sich das Schlüsselbein und die Nase, erlitt eine Gehirnerschütterung und verpasste den Rest der Saison samt WM in Garmisch.

"Seit ich im Weltcup bin, war ich öfter im Krankenhaus als auf der Strecke. Ich bin noch nie zwei Saisonen durchgefahren, jede zweite Saison war für mich eigentlich eine Comeback-Saison. Das ist mental sehr schwer zu verarbeiten", sagte Scheiber damals. "Ich habe wochenlang gezweifelt", sagt er jetzt, da er die Zweifel, ob er sich den Skirennsport überhaupt noch einmal antun soll, überwunden hat.

"Meine Freundin hat mich sehr motiviert. Aber im Endeffekt waren nicht die Gespräche entscheidend, sondern das Gefühl, das ich gehabt habe, als ich wieder auf den Skiern stand. Und das war gut. Vor allem ist mir etwas abgegangen. Ich bin schon so oft wieder aufgestanden. Also stehe ich jetzt auch auf. Wir alle wissen, dass unser Sport sehr gefährlich ist. Manche erwischt es eben öfter und manche nie."

Am Samstag steigt traditionell in Lake Louise, Kanada, die erste Abfahrt der Saison, am Sonntag folgt der Super-G. Und Scheiber jagt bei seinem mittlerweile vierten Comeback nach einer längeren Verletzungspause, was er seit 2003, seit seinem Einstieg in den Weltcup, vergeblich gejagt hat, seinen ersten Sieg.

Der Absolvent des Skigymnasiums Stams brachte es auf neun zweite und vier dritte Plätze, dazu passen gewissermaßen auch der vierte Platz bei der Olympia-Abfahrt 2010 in Vancouver und der vierte Platz im Super-G-Weltcup 2007. Die Goldene, errungen bei der Junioren-WM im Riesenslalom, fällt quasi aus dem Rahmen. Scheiber hatte sie übrigens zeitgleich mit dem Schweizer Daniel Albrecht gewonnen, der 2009 auf der Kitzbüheler Streif ins Koma stürzte und seit einem Jahr wieder Rennen fährt.

Und alles wird einfach

"Es wäre schön, wenn ich ihn endlich hätte, den ersten Weltcupsieg. Ich stelle mir vor, dass es dann viel einfacher wird. Ich war ja ein paarmal wirklich knapp dran. Und viele Chancen habe ich wegen Verletzungen auslassen müssen." Zum Beispiel wegen eines Kreuzbandrisses, einer lädierten Schulter, eines Schienbeinkopfbruchs, eines Knorpelschadens, eines kaputten Meniskus und so weiter und so fort. Im Frühjahr 2008 war er nicht einmal mit Krücken gehfähig, saß wochenlang im Rollstuhl. Das heurige Sommertrainingslager in Chile verpasste er wegen einer starken Verkühlung. Zuletzt bereiteten sich die Österreicher in Colorado auf den Weltcup vor. Scheiber musste wegen leichter Rückenprobleme eine kurze Pause einlegen. Am Mittwoch wird in Lake Louise erstmals offiziell trainiert.

Scheiber ist erst 28 Jahre alt. Und genau das macht ihm Mut. Schließlich begannen nicht wenige seiner Kollegen erst im vergleichsweise reifen Rennfahreralter mit dem Siegen. Walchhofer ging 35-jährig in Pension.

Seit vergangenem Sommer ist Scheiber Vater einer Tochter. Und die beschert ihm "das schönste Gefühl, das man haben kann. Ich habe eine Familie zu versorgen und muss schauen, dass ich im Job alles hundertprozentig mache. Aber nicht langsam, sondern schnell, damit ich vorne dabei bin. Passieren kann immer etwas." (DER STANDARD-Printausgabe, 21.11. 2011)

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    Mario Scheiber auf dem geliebten Arbeitsplatz, der Rennpiste, auf der ihm schon so viel widerfuhr.

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