3000 Noten für den perfekten Klang im Hinterland

20. November 2011, 16:05
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Immer der Nase nach: In Grasse können sich Urlauber ihr eigenes Parfum kreieren

Ihre Großeltern besaßen Rosenfelder im Hinterland der Côte d'Azur und Lavendeläcker an den Hängen der Seealpen. Sie ist als Kind durch dieses provenzalische Farbenmeer getobt, hat an abertausenden Blüten geschnuppert, bei der Ernte mitgeholfen - und irgendwann ihre Nase zum Beruf gemacht.

Dafür musste sie nur ein paar Orte weiterziehen: Heute erfindet Céline Reinard-Demets in der Parfummetropole Grasse im Hinterland von Nizza betörende Düfte, mixt Essenzen und kreiert in monatelanger Feinarbeit neue Parfums. Sie alle riechen nach Südfrankreich, nach der beson-deren Leichtigkeit der Provence, nach dem Wechselspiel aus Gebirge und Meer - und immer ein bisschen nach ewigem Frühling.

"Jedes Mal sind mindestens ein paar Tropfen Rosen- und Lavendelessenz dabei", sagt sie und lächelt, als ob beim Mischen und Schnuppern die Bilder aus ihrer Kindheit vorm inneren Auge abliefen. Maximal vier Stunden am Tag hält eine geschulte Nase diesen Job durch - danach verschwimmen die Gerüche.

Rund 900 Kilo Lavendel müssen sich die Parfumhersteller in Grasse von den Bauern der Umgebung liefern lassen, um in einem komplizierten Destillationsverfahren einen Liter der kostbaren und stark duftenden Essenz zu gewinnen, die Grundstoff vieler Parfums ist. Bei den Rosen sind es bis zu vier Tonnen Blütenblätter, die für einen Liter der Flüssigkeit in erstklassiger Qualität nötig sind. "Diese Blüten der stark duftenden Mairose Centifolia sollten am besten morgens geerntet werden, wenn sie sich gerade geöffnet haben. Und sie müssen binnen einer Stunde verarbeitet werden, damit der Duft seine Intensität nicht verliert."

Céline Reinard-Demets arbeitet für Molinard, neben Galimard und Fragonard einer der großen Namen von Grasse - und sie führt Interessierte in die Kunst der Parfümeurmeister ein. Unter ihrer Anleitung können sich Urlauber mit Pipetten aus 80 verschiedenen Essenzen von Jasmin bis Rosmarin, von Vanille bis Mandarine, den eigenen Traumduft mixen und den Flacon mit nach Hause nehmen.

Über die Formel wird millilitergenau Buch geführt, sodass die Eigenkreation auf Wunsch später sogar nachbestellbar ist. Den Namen des Dufts kann jeder gleich miterfinden: Ob "Nizza bei Nacht" oder "Côte de Rose" - der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. "Normalerweise dauert es ein Jahr, ein neues Parfum bis ins Detail zu entwickeln." Wieder lacht sie: "Aber so viel Zeit haben die meisten Leute im Urlaub nicht."

Harmonische Kombination

Die hauptberuflichen Schöpfer der Düfte sehen sich als Künstler gleichauf mit Komponisten und Malern. Ihre Tonleiter besteht aus Gerüchen - und erprobte Nasen können 3000 Noten unterscheiden. Die Kunst besteht darin, diese "Klänge" harmonisch zusammenzustellen.

Die Parfumeure waren es, die der Stadt Grasse vom 16. Jahrhundert an Wohlstand beschert haben. Im Labyrinth der mittelalterlichen Gassen hatten sie ihre Werkstätten und Geschäfte, versahen zunächst das Leder von Taschen, Westen und Handschuhen für Adelige mit wohligen Duft- noten. Als sich die Bauern der Umgebung gezielt auf den Bedarf der Parfumeure einstellten, kam der große Durchbruch: Das milde Klima eignet sich bestens dafür, Pflanzen auch aus fernen Ländern auf den Böden der Provence zu kultivieren und direkt vor der Haustür anzubauen, was die Erfinder immer neuer Düfte in Grasse brauchen. Die Centifolia steht ab Anfang Mai in voller Pracht, und die 16.000 Hektar provenzalischer Lavendelfelder folgen von Juli bis September.

Außerhalb der Saison scheint die Luft klarer, der Himmel blauer und scheinen alle Farben intensiver zu sein. Es ist die Zeit, die die Künstler der Provence besonders liebten: Renoir und Cézanne, Matisse und Picasso, der jahrzehntelang nur ein paar Kilometer von Grasse entfernt lebte und arbeitete. Oder Marc Chagall, der im alten Festungsdorf Saint-Paul-de-Vence zu Hause war. Bei Henri Matisse hielt die Begeisterung ein Leben lang an: "Als ich begriff, dass ich jeden Morgen dieses Licht wiedersehen würde, konnte ich mein Glück kaum fassen", hat er in Nizza gesagt. Sie alle ließen sich von der besonderen Intensität der Farben inspirieren - und von den Düften. Und fast alle zogen sie das Hinterland den Küstenorten vor.

Auch heute wendet sich der Blick wieder mehr und mehr Richtung Binnenland - auch der von Prominenten. Mika Häkkinnen hat ein Ferienhaus bei Fayence, eine halbe Fahrstunde nördlich von Saint-Tropez, Sean Connery kommt regelmäßig zum Golfspielen ins benachbarte Terre-Blanche. Das Gelände hat ihm einmal gehört. Vor sechs Jahren hat er es an einen deutschen Multimillionär verkauft, der den Golfplatz bauen ließ.

Morgens ist es der Geruch nach Croissants und Café au Lait, der über den Gassen von Grasse liegt. Die Kellner decken ihre schmalen Tischchen noch immer im Freien ein. Die klare Luft schmeckt nach Herbst. Auf fast zwanzig Grad wird das Thermometer diesen Vormittag klettern. Flaneure haben die dicken Jacken zuhause gelassen, haben allenfalls noch einen leichten Schal um den Hals, und über dem Land liegt ein Lächeln. "Es ist diese besondere Stimmung. Danach muss ein Parfum duften, wenn es in der Provence entsteht", sagt Céline Reinard-Demets. "Und erst recht, wenn seine Bestandteile hier gedeihen." (Helge Sobik/DER STANDARD/Printausgabe/19.11.2011)

Informationen: www.franceguide.com

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