Im Wandel der Zeit

20. November 2011, 16:56
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Was hat sich in den letzten 40, 50 Jahren im Automobilbau getan? Wir vergleichen den Ur-911 mit dem aktuellen Basismodell und den ersten Escort mit dem Focus

Als im Herbst 1963 der Ur-Elfer, der erste Porsche 911, auf der IAA in Frankfurt präsentiert wird, bekommt das Sportwagen-Segment einen neuen Fixstern. Der 911er ist der Nachfolger des 356, wiegt 1080 Kilogramm und hebt aus seinem 2-Liter großen 6-Zylinder-Boxer 130 PS. Ganz billig war der erste 911er schon damals nicht. Vier Käfer und ordentlich Sprit dafür bekam man um das gleiche Geld. Apropos Sprit: Zwischen 18 und 20 Liter genehmigte sich der 911er seinerzeit, erzählt man sich, schaffte damit aber schon eine Spitzengeschwindigkeit von 210 km/h.

Stellen wir zum Vergleich den aktuellen 911er dazu, sieht man schnell, was sich im Automobilbau in den letzten fast 50 Jahren getan hat. Der neue 911er ist deutlich länger und breiter, um 320 Kilogramm schwerer, aber um zwei Zentimeter niedriger. Und er ist stärker. Schon das Basismodell wird von 350 Pferden angeschoben – was je nach Getriebe, für 4,4 bis 4,8 Sekunden von 0 auf 100 km/h gut ist. Dabei braucht der 911er jetzt laut Normverbrauch nur mehr 9 Liter Sprit.

Stärker, sicherer und umweltfreundlicher

Doch der Schluss ist gar nicht so einfach, wie es auf den ersten Blick aussieht. Zwar holen die aktuellen Motoren weit mehr Leistung aus jedem Tropfen Sprit, und die Fahrzeuge sind heute weitaus sicherer als damals – was sich eben im Gewicht niederschlägt. Aber dafür wird, um das Gewicht zu drücken, im 911er viel Aluminium verwendet, das in seiner Erzeugung jede Menge Energie frisst. Im Gegensatz dazu rostet es nicht und ist wiederverwertbar.

Das ist besonders interessant, wenn man an 2015 denkt. Ab dann, gibt die EU-Altfahrzeugrichtlinie vor, muss die Recyclingquote von Fahrzeugen bei mindestens 95 Gewichtsprozent liegen. Davon war Mitte der 1960er-Jahre noch keine Rede. Aber es ist auch kein Wunder, dass die exklusive Spitze des Automobilbaus hier eine Vorreiterrolle einnimmt. Darum werfen wir auch einen Blick in die Mittelklasse.

Der Hundeknochen gegen den Focus

In England übertraf der Ford Escort schon kurz nach seinem Produktionsstart 1968 alle Verkaufserwartungen. Ganz anders schaute das in Österreich und Deutschland aus. "Auch einem argen Feind möchte ich keine Testfahrt mit dem Escort auf schlechter Wegstrecke wünschen", schreibt damals ein Auto-Journalist. Mit der Starrache und den Blattfedern fühlt man sich wie die Prinzessin auf der Erbse. Jeden Stein auf der Fahrbahn spürt man bis in die Bandscheiben. Erschwert wird des Escorts Erfolg hierzulande auch dadurch, weil er genau auf den englischen Markt hingebaut wurde. Die Kölner hatten letzten Endes nur beim Namen etwas mitzureden. Dann war da noch der Käfer, gegen den der Escort antrat, und der B-Kadett, der ihm ebenfalls die Schneid abkaufte. Und als ob das alles nicht reichte, nagte auch noch die Ölkrise am Hundeknochen.

Wenn Besitzer eines 1300er Escort MK1 heute angeben, dass der Wagen rund 9 Liter Sprit braucht, dann darf man davon ausgehen, dass sie damit den Sprint von 0 auf 100 km/h nicht in den vom Werk damals angegebenen 21 Sekunden schaffen. Bei 135 km/h war dann sowieso das Ende der Fahnenstange erreicht. Dafür wog der Hundeknochen damals gerade einmal 850 Kilogramm. Was beim Gewicht sparen half: Er hatte kein Autoradio, keinen Drehzahlmesser, kein Garnix. Ein Tachometer und eine Benzinuhr erfüllten das Fahrerauge mit zweifelhafter Eleganz.

Das Vorzeige-Auto wenn es um Sicherheit in der Mittelklasse geht

Mehr als 40 Jahre später bringt Ford 2011 einen neuen Focus auf den Markt und damit einen direkten Nachfahren des Hundeknochen-Escorts. Mit dem Focus will sich Ford einen Namen als Autobauer machen, der auf Sicherheit Wert legt. Assistenzsysteme, die bisher der Ober- und Luxusklasse vorbehalten waren, schlüpfen ins Blechkleid der Mittelklasse. Außerdem ist Ford inzwischen für seine traumhaften Fahrwerke bekannt. Dafür ist der Focus auch um etwa die Hälfte schwerer als der Escort. 1270 Kilogramm wiegt er mit dem 105 PS starken 1,6 Liter Benziner, 1461 Kilogramm gar mit dem 163 PS starken Turbodiesel. Dafür sprintet sogar der kleinste Benziner in 12,5 Sekunden von 0 auf 100 km/h, 8,4 Sekunden reichen dem 2,0 TDCi. Und das bei einem Verbrauch zwischen 4,2 Liter beim kleinsten Diesel, bis zu 6 Liter Super beim 182 PS starken Turbo-Benziner.

Es hat sich also einiges getan im Automobilbau: In Sachen Unfallschutz, vom Airbag über Assistenzsysteme bis hin zur Fußgängererkennung. Bei den Spritsparmethoden, vom Downsizing über Stopp-Start-Automaten bis hin zu Hybriden. Bei den verwendeten Materialien. Denn auch wenn es auf den ersten Blick anders aussieht: Die meisten Autobauer sind sehr darum bemüht, ihre Fahrzeuge so leicht wie möglich zu machen. Und der Anteil der Autoteile, die wiederverwertet werden können, steigt in den letzten Jahren ebenfalls. "Weil bei Autos aus den 1960er-Jahren fast alles aus Metall war", erklärt Christoph Schmalzl, Autoverwerter aus Niederösterreich, „konnte sehr viel wiederverwendet werden." Problemstoffe waren aber etwa das glykolhältige Kühlermittel oder die Bremsflüssigkeit. "Durch den Einsatz von immer mehr Kunststoffen sank diese Quote – vor allem weil es damals noch keine Methoden gab, diese Kunststoffe wiederzuverwerten." Der Weg, der noch zu gehen ist, ist weit: Bei knapp 100 Prozent soll 2025 die Verwertungsquote laut EU-Vorstellung liegen.

  • 1963 brachte Porsche den Ur-911er als Nachfolger des 356.
    foto: porsche

    1963 brachte Porsche den Ur-911er als Nachfolger des 356.

  • Ein Sechszylinder mit 130 PS trieb den Ur-911 an.
    foto: porsche

    Ein Sechszylinder mit 130 PS trieb den Ur-911 an.

  • Die aktuelle Basisversion des 911er leistet 350 PS und ist deutlich sparsamer als sein Ahne aus Anfang der 1960er-Jahre.
    foto: porsche

    Die aktuelle Basisversion des 911er leistet 350 PS und ist deutlich sparsamer als sein Ahne aus Anfang der 1960er-Jahre.

  • "Hundeknochen" war der Kosename des Escort MK1. Verantwortlich dafür war sein Kühlergrill.
    foto: ford

    "Hundeknochen" war der Kosename des Escort MK1. Verantwortlich dafür war sein Kühlergrill.

  • In England ein Renner, wurde der Hundeknochen bei uns nicht ganz so begeistert aufgenommen. Wegen seiner Rennerfolge ist er heute aber heiß begehrt.
    foto: ford

    In England ein Renner, wurde der Hundeknochen bei uns nicht ganz so begeistert aufgenommen. Wegen seiner Rennerfolge ist er heute aber heiß begehrt.

  • In den aktuellen Focus steckt Ford alle Sicherheitsfeatures in die Mittelklasse, die bis dahin nur in deutlich teureren Fahrzeugen erhältlich waren.
    foto: ford

    In den aktuellen Focus steckt Ford alle Sicherheitsfeatures in die Mittelklasse, die bis dahin nur in deutlich teureren Fahrzeugen erhältlich waren.

  • Dafür ist der Focus deutlich schwerer als der erste Escort. Trotzdem braucht er viel weniger Sprit.
    foto: ford

    Dafür ist der Focus deutlich schwerer als der erste Escort. Trotzdem braucht er viel weniger Sprit.

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