"Schöne Weihnachten" - ohne arme Menschen

Blog19. November 2011, 17:45
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Von Christkindlmarktverboten und der falschen Unterscheidung zwischen "anständigen" und "unanständigen" Bedürftigen

Am Samstag mischten sich DemonstrantInnen unter die vor-vorweihnachtlichen Besucherscharen, erst auf dem Christkindlmarkt am Wiener Rathaus-, dann jenem am Maria-Theresienplatz. "Die Armut bekämpfen und nicht die Armen!" "Plätze gehören allen und niemanden!" "Occupy Rathausplatz!" stand auf mitgebrachten Transparenten. Die Kungebungen von rund 200 Personen, unter ihnen rund ein Zehntel Verkäuferinnen der Wiener Straßenzeitung "Augustin", verliefen friedlich: Keine Security- oder auch Polizei-Versuche, die Nicht-KonsumentInnen abzudrängen oder zu verjagen. 

Es war ein Protest gegen den Ausschluss Armer von öffentlichen Orten, auf denen sie als "unpassend" gelten: Vor zwei Tagen war bekannt geworden, dass StraßenzeitungsverkäuferInnen, SpendensammlerInnen und BettlerInnen heuer auf acht Wiener Christkindlmärkten unerwünscht sind. Der Kundschaft an den vorweihnachtlichen Glimmer-Marktständen könnten sie lästig fallen, begründete dies Hannes-Mario Dejaco von der Eventagentur MagMag, die unter anderem den Adventmarkt in Alten AKH ausrichtet.

Dort war VerkäuferInnen des "Augustin" schon in den vergangenen Jahren ein rauherer Ton entgegengeweht. Vielleicht ja nicht nur aus so genannten Lästigkeitsgründen, sondern auch aus Futterneid: Vom Standpunkt eines Veranstalters, der in Marktständen denkt, sind Einzelverkäufer nicht zuletzt auch Geschäftskonkurrenten: Es könnte sein, dass jemand seine 2,50 Euro lieber in gedruckte Hirnnahrung als in (die Hälfte eines) weiteren Glases Weihnachtspunsch investiert, welches bekanntlich andere Körperorgane als jenes, das sich auch zum Denken eignet, mit Beschlag belegt.

Hirn einschalten

Zum Hirn einschalten aber sollte der "Geist der Zeit", der sich in dieser neuerlichen Arme-Leute-Verbotsdiskussion äußert, allemal führen. Was bringt vorweihnachtliche Marktausrichter zu derartigen, der vorweihnachtlichen Einstimmung auf "Nächstenliebe" völlig widersprechenden Ausschlussaktionen? Merken sie, abgesehen von ihrer anlassbezogenen Unmenschlichkeit, den Stilbruch nicht? Offenbar schlägt hier die "Stille Nacht"-Heuchelei endgültig in soziale Selektion um. Christkindlmarkt nur für Zahler! Auch im Advent werden die Zeiten härter: Da besteht für Toleranzen jeder Art keine Marge mehr. In finanzpolitischen und wirtschaftlichen Zusammenhängen hören letzteres ja inzwischen alle täglich dutzende Mal, werden darauf eingestimmt, bis es wirklich stimmt.

Auf einen zweiten Wiener Christlkindlmarkt-Großorganisator hatte die Berichterstattung über den ZeitungsverkäuferInnen- und Co.-Ausschluss indes eine mildernde Wirkung: Akan Keskin vom Verein zur Förderung des Marktgewerbes, verantwortlich unter anderem für die Jingle-Bell-Attacken auf dem Rathausplatz, lenkte ein: Ein bis zwei echte "Augustin"-VerkäuferInnen mit echten "Augustin"-VerkäuferInnen-Ausweisen seien am Markt durchaus willkommen, sagte er. Aber nur sie - keine anderen.

Also zum Beispiel nicht jene, die sich am Grat zwischen Zeitungseinzelhandel und Betteln dahinbewegen: In Wien inzwischen eine ganze Reihe Menschen, vor allem Roma aus östlichen Nachbarstaaten, die sich unter anderem vor Supermärkten die Beine in den Bauch stehen. Die, realistisch betrachtet, eher betteln als verkaufen, aber ersteres wegen einer Reihe Verbote eigentlich gar nicht mehr dürfen. Die das im reicheren Westen tun, weil es für sie eine der wenigen Einkunftsmöglichkeiten ist.

Markenrechtliche Frage 

Um diese wirtschaftlich noch unterhalb "echter" "Augustin"-HändlerInnen stehenden Personen ist im Zuge der Diskussionen über das Christkindlmarkt-Verbot - etwa den Postings unter dem entsprechenden Standard-Artikel - ein argumentatorisches Hin und Her entstanden: Einzelne Poster äußerten sich ablehnend: Wer wisse denn, wo diese Leute die "Augustins" her hätten, vielleicht hätten sie sie ja gestohlen! Vielleicht seien es gefälschte Exemplare, so wie schon im September, als in der Slowakei angefertigte Raubdrucke kursierten! 

Letzteres ist ein markenrechtliches Problem für die "Augustin"-MacherInnen, gegen das sie sich unter Umständen juristisch zur Wehr setzen werden. Derzeit wird die Druckerei gesucht, in der die Fake-"Augustins" produziert wurden. Doch abgesehen davon ist die Unterscheidung zwischen "anständigen" und "unanständigen" Armen, dieses §ich bin ja tolerant, aber DAS ist zuviel"-Gerede nur eines: ein Skandal. Fakt ist, dass wohl keine/r aus Lust an der Sache mit einigen zerfledderten Straßenzeitungen in der Hand schwerbeladene Samstagseinkäufer vor Supermarktfilialen abpasst oder Beschwipste auf Weihnachtsmärkten abklappert. Sondern aus Bedürftigkeit. Wer das nicht wahrhaben will, steckt den Kopf in den Sand. (Irene Brickner, derStandard.at, 19.11.2011)

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    "Occupy Rathausplatz!" war das Motto bei der Demo am Christkindlmarkt am Wiener Rathausplatz.

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