Verbrechen der Militärdiktatur werden aufgearbeitet

18. November 2011, 21:31

Präsidentin Dilma: "Entscheidender Schritt zur Konsolidierung der Demokratie"

Brasilia - In Brasilien sollen Menschenrechtsverbrechen während der Militärdiktatur (1964-1985) aufgearbeitet und der Zugang zu bisher geheimen Akten erleichtert werden. Präsidentin Dilma Rousseff unterzeichnete am Freitag abschließend zwei Gesetze. Eines betrifft die Einrichtung einer Wahrheitskommission, die Verbrechen und Vergehen des Staates von 1946 bis 1988 untersucht, also auch aus der Zeit der Diktatur. Zum anderen werden Verschlussfristen für Akten mit der Klassifizierung "Streng geheim" auf höchstens 50 Jahre beschränkt.

Rousseff sprach von einem "entscheidenden Schritt zur Konsolidierung der brasilianischen Demokratie". Die Politikerin selbst war während der Diktatur aktiv im Widerstand und Anfang der 1970er Jahre inhaftiert und gefoltert worden.

Der Kommission sollen sieben Mitglieder angehören. Öffentliche Einrichtungen und Behörden sind zur Zusammenarbeit verpflichtet und müssen auf Wunsch auch bisher geheim gehaltene Dokumente zur Verfügung stellen. Der Auftrag lautet unter anderem Folterungen und Morde aufzuarbeiten, die im Namen des Staates begangen wurden.

Streit mit Armeeführung

Das Gremium hat keine Strafvollmachten, wenn Taten verjährt sind oder unter die politische Amnestie fallen, die der letzte Präsident der Militärregierung, General Joao Figueiredo, 1979 erlassen hatte. Die Kommission hatte lange für Streit mit der Streitkräfteführung gesorgt, die Vergeltung oppositioneller Gruppen befürchtete.

Brasilien ist das einzige Land Lateinamerikas, das bisher weder die Verbrechen der Militärdiktatur aufgearbeitet, noch die Täter zur Verantwortung gezogen hat. Nach offiziellen Angaben wurden damals 400 Menschen getötet - gegenüber 30.000 in Argentinien und 3200 in Chile. Die Ende Oktober gebildete Wahrheitskommission soll nun sämtliche Entführungen und Verbrechen des Militärs zwischen 1946 und 1988 untersuchen.

Da jedoch die 1979 erklärte Amnestie bestehen bleibt, ist es auch weiter nicht möglich, die Täter vor Gericht zu bringen. Der Interamerikanische Gerichtshof für Menschenrechte hatte die Amnestie vergangenes Jahr als "juristisch wertlos" bezeichnet, doch Brasiliens Oberstes Gericht hatte sie erneut bestätigt. Angehörige von Opfern halten die neuen Maßnahmen für unzureichend. "In Argentinien gab es tausende von Prozesse, in Uruguay wurde das Amnestiegesetz aufgehoben. Brasilien liegt da zurück", sagte die Direktorin der Organisation Nie Wieder Folter, Vitoria Grabois.  (APA)

Theo56
00
19.11.2011, 14:45
ich bin neugierig wie lange es noch dauert, bis die Verbrechen der G.W. Bush Regierung nach dem Beispiel der Nürnberger Prozesse geahndet werden

Beispiele der Delikte:
* angeordnete Entführungen & Folter
* Angriffskrieg gegen den Irak mit erfundenen angeblichen Massenvernichtungsmitteln

Ernst Guevara
01
19.11.2011, 12:21
"Brasilien ist das einzige Land Lateinamerikas, das bisher weder die Verbrechen der Militärdiktatur aufgearbeitet, noch die Täter zur Verantwortung gezogen hat."

das entspricht nicht der wahrheit. in guatemala wurde zb vor kurzem einer der massenmörder aus den 80er jahren zum präsidenten gewählt. also hinkt die strafverfolgung auch in anderen ländern lateinamerikas noch nach.

NONE
00
19.11.2011, 02:27

Eine Amnestie darf es niemals für Mörder geben.

Jeder Rechtsstaat der so argumentiert verdient es nicht als "Rechtsstaat" bezeichnet zu werden.

Keli Orange
 
00
19.11.2011, 12:41

Das Problem ist: die Militärdiktatur dankt nur mit Amnestie ab.

Die Frage ist: lieber weiter vom Militär heruntergewirtschaftet, unterdrückt und geknechtet zu werden oder eine Demokratie, die eben ihre Augen gegenüber dem Unrecht der Diktaturzeit geschlossen halten muß.

Ein anderer Fall ist, wenn eine Volksrevolte das Regime zu Fall bringt, so wie in Osteuropa zB. Da kann man über irgendwelche Amnestiegesetze hinwegsehen.

Animation
 
12
18.11.2011, 22:11
wird bei uns in österreich nie passieren

SterzinOz
00
19.11.2011, 02:56
Da muss mir wohl was entgangen sein.

In Österreich gab es also bis 1985 auch eine Militärdikatur? Und das hat Sie zu Ihrem intelligenten Vergleich mit Brasilien angeregt?

roll initiative
10
19.11.2011, 17:22

naja ... der verbrecherführer der letzten rein österreichischen diktatur hängt immerhin noch in den klubräumen einer parlamentspartei ... und da wären ein paar jahrzehnte mehr zeit gewesen das mal aufzuarbeiten oder sich zu distanzieren.

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