Heute wählt Spanien

"Es ist Zeit, die Tortilla umzudrehen"

20. November 2011, 09:46

Heute wählen die Spanier ein neues Parlament - Der Partido Popular liegt laut Umfragen weit vorn

Unter dem Druck einer sich dramatisch zuspitzenden Wirtschaftskrise haben heute um 09.00 Uhr die vorgezogenen Parlamentswahlen in Spanien begonnen. Rund 35,7 Millionen Spanier sind aufgerufen, 350 neue Parlamentsabgeordnete und 208 Senatoren zu wählen. Als großer Favorit wird der bisherige Oppositionsführer Mariano Rajoy von der konservativen Volkspartei (PP) gehandelt. Letzte Umfragen verschiedener spanischer Tageszeitungen stellen dem Konservativen mit bis zu 198 Mandaten sogar eine absolute Parlamentsmehrheit in Aussicht. (APA)

*****

Esperanza Encabo wohnt im Hotel. Es ist nicht irgendein Hotel, und auch der Aufenthalt ist nicht ganz freiwillig. Das Haus liegt im Zentrum Madrids, nur wenige Meter von der Puerta del Sol entfernt, wo bei den spanischen Gemeinderats- und Regionalwahlen im Mai Hunderte ihr Protestcamp errichtet hatten. "Wir haben das leerstehende Gebäude nach den weltweiten Mobilisierungen am 15. Oktober besetzt" , erklärt Encabo. Sie selbst wurde aus ihrer Wohnung in einem kleinen Dorf 100 Kilometer westlich von Madrid geklagt.

In den letzten fünf Jahren wurden in Spanien 500.000 Wohnungen zwangsgeräumt. Ganze Familien landeten auf der Straße. Das "Befreite Hotel Madrid" will ihnen vorübergehend eine Bleibe geben. Das Gebäude mit seinen fünf Stockwerken, Küchen, dem Restaurant und den Versammlungsräumen stand seit Jahren leer. Es gehört einer spekulationsfreudigen Immobilienagentur. Im Jänner 2010 erklärte sich die Agentur für zahlungsunfähig. Für die Besetzer sind Unternehmen wie die Agentur "für die Politik mitverantwortlich, die das Land in die schwierige wirtschaftliche Lage gebracht hat" . Spanien boomte über ein Jahrzehnt dank der Immobilienspekulation, dann platzte die Blase. Fünf Millionen der 47 Millionen Spanier sind ohne Arbeit. Die Jugendarbeitslosigkeit ist doppelt so hoch.

Spanien führt damit die Statistiken in Europa an. Das Hotel ist zum Symbol der Bewegung der Empörten geworden.

Esperanza Encabo sieht sich als Aktivistin der "15M" , wie sie sich nennen. Der Name bezieht sich auf den 15. Mai, als alles mit einer Demonstration gegen Korruption, Jugendarbeitslosigkeit und das Wahlsystem begann. Dabei will Encabo gar nicht so recht in dieses Schema passen.

Alte und Junge

Mit 75 Jahren ist sie eigentlich zu alt für die Proteste der unzufriedenen Jugend. "Ohne die jungen Leute vom 15M wäre ich aber auf der Straße" , erklärt sie, die sich bis zur Pension mit Jobs in Spanien, Deutschland, Frankreich und Belgien durchschlug.

Neben dem Hotel, auf der Puerta del Sol, findet Wahlkampf statt. Ob es der konservative Partido Popular (PP) ist, dem Umfragen eine absolute Mehrheit vorhersagen, oder der PSOE des noch regierenden Sozialisten José Luis Rodríguez Zapatero oder kleinere Parteien: Alle legen einen Zwischenstopp im Herzen der Hauptstadt ein. Sie versprechen und versprechen - Encabo lässt das kalt. "Es ist Zeit, die Tortilla umzudrehen" , bemüht sie ein Sprichwort.

Bisher habe sie immer die Sozialisten gewählt. Nach der Krisenpolitik mit Sozialkürzungen wandte sie sich von der Partei Zapateros und dessen Nachfolger als Spitzenkandidat, Alfredo Pérez Rubalcaba, ab. "Ich werde dieses Mal einer kleinen Partei meine Stimme geben" , sagt Encabo. Sie sympathisiert mit der neuen Grünen Partei Equo.

Im Mai bei den Wahlen lautete der Slogan der Empörten "Wähl sie nicht!" oder "Sie vertreten uns nicht!" Die Stimmenthaltung stieg wie die ungültigen Stimmen. Der PP gewann haushoch. Dies führte zu Diskussionen in Encabos Hotel. "Wer nicht wählt, legitimiert damit das Zwei-Parteien-System" , erklärt Fernando Rodríguez, ein 37-jähriger Berufsschullehrer. Die Umfragen zeigen: Die postkommunistische Vereinigte Linke, die Zentrumspartei UpyD und die Equo dürfen sich Hoffnungen auf Stimmen aus den Reihen derer machen, die dem System den Rücken kehren. Rodríguez schwankt zwischen Equo und linksradikalen "Anticapitalistas" . Der 26-jährige arbeitslose Jurist Fabio Gándara ist trotz des bevorstehenden Sieges der Konservativen optimistisch. Er glaubt an den Beginn vom Ende des Zwei-Parteien-System: "Das Parlament wird so viele Parteien aufnehmen wie nie zuvor." (Reiner Wandler aus Madrid /DER STANDARD, Printausgabe, 19.11.2011)

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Posting 1 bis 25 von 95
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Arbeiter
11
20.11.2011, 17:35
Was heißt denn "sozialistisch" oder "sozialdemokratisch"?

Land mit einem Spekulationssystem in den Abgrund geführt? - passt doch eher auf Kapitalisten? Was führt zu Frieden und Wohlstand? Vielleicht elementare Bildung (Lesen, Schreiben, Rechnen), Fleiß, Sparsamkeit, Erfindungsgeist, Sozialstaat im wesentlichen auf die Kinder, die Alten und die Kranken beschränkt. Staats- und private Finanzen ausgeglichen. Rechtsstaatlichkeit. Erträgliche Steuerquote, aber Steuern tatsächlich gezahlt bzw. eingetrieben. Kaufmännische Sorgfalt. Mehr Facharbeiter als AkademikerInnen der Sozilologie u. dgl. Könnte es sein, dass so ein konservativ-langweiliges-altmodisches Konzept eher erfolgversprechend ist, als was wir zwischen ÖBB und Londoner City haben?

General Cornwell
02
20.11.2011, 16:49
Zapatero

wie oft haben wir diese Geschichte schon gesehen:

es kommt ein Hoffnungsträger ins Amt. Hoffnungsträger zumeist deswegen, weil er das Blaue vom Himmel verspricht - ab jetzt gibt es angeblich Wohlstand ohne Gegenleistung, ohne Schmerzen, einfach so, zum Nulltarif.
Spätestens ein paar Jahre später gibt es Schulden, Arbeitslosigkeit und doch nicht das versprochene soziale Paradies. Die Menschen wenden sich enttäuscht ab.

Wie wurde Zapatero nicht in den Himmel gelobt bei seinem Amtsantritt. Er soetwas wie ein vorweggenommener Obama.
Dieser befindet sich ja übrigens in ähnlicher Lage und wird vor seinem Elektorat auch noch Zeugnis ablegen müssen...

Arbeiter
21
20.11.2011, 16:20
Schade um die spanischen Sozialisten, die doch Europa vor der schwarzblauen Wende in den Nationalsozialismus bewahrt haben!

Die Verdienste Zapateros um die Sanktionen gegen Österreich im Jahr 2000 sollten wir nicht vergessen. Aber im rechtsradikal geneigten Österreich haben wir noch Industrie- und Gewerbebetriebe, die fast alle Jugendlichen beschäftigen.

Peter Hammer 06
01
20.11.2011, 22:00
Lügen haben kurze Beine...

...der spanische Senor, der die Sanktionen 2000 unterstützt hatte war AZNAR von der PP (Volkspartei).
Sie sollten nicht so unverschämt lügen....

Arbeiter
00
21.11.2011, 08:37
Geirrt, nicht gelogen, Peter Hammer, habe ich mich.

es waren also andere Spanier, die an der Spitze der Europäischen Wertegemeinschaft gegen Schwarzblau in Ö gekämpft haben. Aber wahr ist schon, dass einige dieser KämpferInnen ein unrühmliches Ende genommen haben. Und das sosehr diffamierte Österreich ziemlich gut dasteht.

DuesselDoofer
00
18.12.2011, 16:34
haha, "geirrt".....

du hast schlicht keine Ahnung - das ist der Punkt.

lg

Peter Hammer 06
00
21.11.2011, 09:56
Wer hat von "Verdiensten" Zapateros gefaselt?...

...Es war der Konservative AZNAR der gegen den konservativen "oppositionellen Regierungschef " Schüssel und sein Beiwagerl Sanktionen unterstützte.
Und er war nicht der einzige konservative Regierungschef der VIERZEHN REGIERUNGEN,der das damals tat.

Gegenflieger
00
20.11.2011, 16:14

Das Problem in Spanien ist,das sie anders als in Österreich, sie in verkrusteten Strukturen feststecken,
wo jeder versuch einer Reform augenblicklich im Keim erstickt wird.

Raymond Domenech
22
20.11.2011, 15:21
Unfaßbar, daß man ein Land innerhalb von 20 Jahren frohen Mutes gegen die Wand fahren kann/läßt

ein Glück, daß das in Österreich nicht passieren kann - wir haben ja Werner, Laura, Dorli und Norpsi.

py rx
21
20.11.2011, 15:08

egal wer gewählt wird, die regierung wird sparen auf kosten der ärmsten und umverteilen zu den reichen und banken. deshalb: revoltieren statt wählen, die stimme behalten und den aufstand vorbereiten!

General Cornwell
00
20.11.2011, 16:51
Die Ärmsten

haben ganz sicher etwas von einem Schuldencrash, die profitieren dann alle...

Österreicher_im_Kriesengebiet
11
20.11.2011, 16:00
aha...

...kann man nur eines dazu sagen: Völliger Unsinn dieser Kommentar. NNur eines ist klar - es sind VIELE Anpassungen nötig um den europäischen Markt zu schützen... aber speziell in EUROPA muss man neue Regeln schaffen, damit gegen Abbau von Arbeitsplätzen zu gunsten von Gewinnsteigerung und der Produktionsflucht in Billigländer eine Bremse gezogen wird. Kann nicht angehen dass über 50% der Waren die wir kaufen in Asien hergestellt werden, wenngleich früher zumindest 80% dieser Artikel noch in EUROPA erzeugt wurden... HIER liegt das Problem - in EUROPA. Solange dies nicht geregelt wird... sollten zumindest jene ans Werk die Arbeitsplätze schaffen... oder sind sie hier etwa anderer Meinung? Wenn ja - ist ihnen wirklich nicht zu helfen.

py rx
00
21.11.2011, 13:52

ich bin für die abschaffung von ganz vielen arbeitsplätzen; in der waffen- auto- und unnötige lebensmittel-industrie, für die vollautomatisierung von supermarktkassen u.s.w. - um dann, ja genau, entsprechend des standes der produktivität die verbleibende arbeit auf alle menschen zu verteilen. dann müssten wir wahrscheinlich rund 15 stunden in der woche arbeiten ... ach ja, und mehr bin auch ich seit langem nicht bereit zu hackln. es lebe der aufstand - und der kommunismus!

ghostworld
00
20.11.2011, 16:40

py rx ist halt eher der Praktiker, während Du Dich theoretisch mit dem Thema auseinandersetzst. Mit lustigen Postings wirst Du aber nichts verändern in der realen Welt ... oder ist genau das gerade Dein Plan? Was soll das heißen: "MAN muss Regeln schaffen"? Wer genau soll das Deiner Meinung nach tun und wie willst Du diese Leute dazu bringen? Vielleicht hat ja py xr die gleiche "Agenda" wie Du selbst und nur eine andere Idee davon, wie man sie umsetzen soll.

proto
10
20.11.2011, 12:03

Die Apparatchiks hier sind natürlich traurig und erbost das ihre genossen abgewählt sind.
Aber ich möchte den Spaniern gratulieren für ihre demokratische Entscheidung.

rud L
00
20.11.2011, 14:28

/kleinlaut/ alles gute silvio

byron sully
01
20.11.2011, 14:26

nur ein sieg der PP ist für sie also eine demokratische entscheidung?

warp.faktor
38
20.11.2011, 11:07
Der "freie Kapitalverkehr" ...

... der EU hat dazu geführt, dass sich alle Regierungsparteien den Interessen der Reichen kritiklos unterwerfen. Konservative sind nicht mehr konservativ, Sozialisten sind nicht mehr sozial. Beide sind käuflich bzw. erpressbar.

Ich hoffe, dass die BürgerInnen in allen Staaten rasch begreifen, dass beide Parteien in Wirklichkeit keine Wahl darstellen, sondern nur Masken ein- und dieselbe Diktatur sind

Wenn es "keine Alternative zum Sparkurs" gibt, dann gibt es auch keine Demokratie!

General Cornwell
02
20.11.2011, 16:52
Es gibt eh Alternativen zum Sparkurs:

gesamte Volkswirtschaften gegen die Wand fahren lassen. Wenn Sie das wollen, dann stimmen Sie dafür.

Es gibt sogar politische Fürsprecher, die das unterstützen. Einfach mal bei Foglar nachfragen...

flotter denker
22
20.11.2011, 15:50
Man kann nix machen

das find ich ja so grossartig, dass linke Socken wie Du nicht den Funken einer Chance haben.

Sneef
00
20.11.2011, 16:42
jaja

Und die "alternativlos" Prediger haben ja soooo recht.
GSD wissen DIE wie man die Krise löst.

DThl
01
20.11.2011, 15:47

Ich hasse die Schwerkraft! Schaffen wir sie ab :)

warp.faktor
01
20.11.2011, 19:20
Der "freie Markt" ist eine Ideologie, kein Naturgesetz!

luquas
06
20.11.2011, 11:02

Es ist völlig Wurscht, wen die Spanier (oder auch jedes ander Volk in Europa) wählen, den Leichenfledderern der Banken und der Industrie sind wir ausgeliefert. Ob wir wollen oder nicht.
Es gibt zur Zeit kein Anzeichen, dass uns unsere Politiker jeglicher Couleur aus dem Würgegriff befreien wollten.
Leider...

byron sully
05
20.11.2011, 14:28

jein. wirtschaftspolitisch ist es echt wurscht, sowohl konservative als auch sozialdemokraten betreiben von den finanzmärkten diktierte radikalkapitalistische politik. da bin ich bei ihnen.
aber gesellschaftspolitisch ist es grad in spanien nicht wurscht. da unterscheiden sich die beiden großparteien stärker als in den meisten anderen europäischen staaten. zapatero hat viele reformen umgesetzt, die mit einem wahlsieg der PP bedroht sind (ob homo-ehe, abtreibungsrecht oder cannabis-legalisierung). hier macht es sehr wohl einen unterschied.

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