Belgien

Wozu Regierungen?

Kommentar der anderen | 18. November 2011, 18:53

Was EU-Krisenmanagern zu denken geben sollte - Von Rainer Bonhorst

Nachdem die Belgier seit mittlerweile fast eineinhalb Jahren ohne ausgekommen sind, hat dort das Wort "Regierungsbildung" in den Ohren seiner Bürger einen anderen, nachgerade bedrohlichen Klang ...

*****

Weihnachten steht vor der Tür und damit droht den Belgiern eine schwere Regierungskrise - im Wortsinne. Nach eineinhalb Jahren ohne Regierung sind die zerstrittenen Parteien dabei, sich zusammenzuraufen. "Sie sind offenbar fest entschlossen, bis Weihnachten eine Regierung zu bilden," klagt ein Brüsseler, der seinen Namen nicht genannt haben möchte. "Das ist das Ende der guten Zeiten."

Tatsächlich haben die Belgier als erstes europäischen Land erfahren, wie gut es sich ohne Regierung leben lässt. Die eineinhalb Jahre ohne Einmischung von Ministern und Parteifunktionären würden, so ein Geschäftsmann in Knokke, als "das goldene Zeitalter" in die Geschichte des Landes eingehen. Eine Hausfrau in Brügge: "Wir haben einfach getan, was wir für vernünftig halten. Es war wunderbar." - Jetzt, da im Ernst wieder eine Regierungsbildung droht, macht sich im ganzen Land eine unverkennbare Nervosität breit. Ein Beobachter: "Wo die Menschen bisher reibungslos miteinander umgingen, handelt man jetzt nach dem Motto: Rette, was du retten kannst." Die Atmosphäre wirkt zunehmend vergiftet. Es kommt zu Beschimpfungen auf offener Straße, hier und da sogar zu handgreiflichen Auseinandersetzungen. Ein Betroffener, der mit einem allerdings sehr blauen Auge davongekommen ist: "Alles lief wie geschmiert. Und jetzt soll es auf einmal wieder eine Regierung geben. Es ist tragisch. Womit haben wir das verdient?"

In Belgien heißt es, die Regierung werde nicht aus freien Stücken sondern auf massiven Druck der europäischen Nachbarn gebildet. Vor allem in Deutschland und Frankreich werde die belgische Regierungsfreiheit als gefährlicher Präzedenzfall betrachtet. In Berlin habe man dem belgischen Botschafter offen klargemacht: "So wie die Dinge in Belgien laufen, besteht die Gefahr, dass auch die Bürger Deutschlands auf die Idee kommen, es mal mit Regierungslosigkeit zu versuchen."

Die Hoffnung lebt

Tatsächlich schrieb bereits ein Blogger: "Schlechter als mit der Regierung kann es ohne gar nicht laufen. Wir sollten alle Belgier werden." Ganz ähnliche Töne soll es auch in Frankreich gegeben haben. Nicolas Sarkozy soll einem guten, wenn auch geschwätzigen Freund anvertraut haben: "Meine Frau hat mich schon gefragt, was sie zur Abschaffung der Regierung anziehen soll."

In Belgien sieht man ein, dass es unmöglich ist, diesem Druck der Nachbarn auf Dauer zu widerstehen. Als einzige Hoffnung verbleibe die altbewährte Streitlust der beiden großen Landsmannschaften. Ein Kenner der Szene: "Wenn sich die gegenseitige Abneigung der Flamen und Wallonen als stärker erweist als die Angst vor Deutschland und Frankreich, könnte die Regierungsbildung im letzten Moment noch scheitern. Dann wäre Belgien gerettet." (DER STANDARD, Printausgabe, 19.11.2011)

RAINER BONHORST ist ehemaliger Chefredakteur der "Augsburger Allgemeinen" und bloggt im Online-Forum "Achse des Guten", auf dem dieser Beitrag zuerst erschienen ist.

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Posting 1 bis 25 von 38
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michikklas
04
20.11.2011, 11:43

Der ganze Artikel hat nur einen Haken. Belgien hat eine Regierung! Zwar nur eine geschäftsführende, aber mal Hand aufs Herz, wo ist denn da der Unterschied zu unseren Großen Koalition?

PS: Bedauerlich, dass mehrere Jahrhunderte politischer Entwicklung einfach so spurlos an einem Journalisten vorbeigehen. Ein Politikkommentator sollte schon ein bisserl eine Ahnung vom Thema haben und sich nicht nur auf billige Polemik abstützen.

...and miles to go before I scream
00
20.11.2011, 15:12

Das ist kein Kommentar, das ist eine Glosse.

Tschisl1
00
20.11.2011, 14:32
DANKE!

M. C. Escher
04
20.11.2011, 11:30
der Souveren sitzt heute wo anders!

wie wird heute regiert?
Nun, die angeblichen Machthaber fassen Beschlüsse, machen Ankündigungen seien es Finanzpläne oder Volksabstimmungen und setzen diese dann "den Märkten" zur Abstimmung vor. Diese stimmen dann einen Tag später an den Börsen ab: "das war Sch...e, Herr Papandreou!", "Atomausstieg Frau Merkel? Nicht mit uns!", "Kapital/Finanztransaktionssteuer? Nichts wie raus hier!", "Geld für Soziales? SEID IHR WAHNSINNIG?"

am nächsten Tag hört man dann Sachen wie: "die Märkte spielen nicht mit", "die Märkte sind dagegen", "...die Märkte beruhigen", "... den Märkten in den A...." - nein, das wohl nicht.

"die Märkte", der perfekte Nebelwerfer und Sündenbock und DAS Unwort des Jahres 2011! Eine Kapitulation.

Yashi Oshkosh
01
20.11.2011, 10:46

Belgien und keine Regierung, da lach ich doch drüber!

Alt, aber gut:
http://www.vimeo.com/15049808

Bertel Mann
00
20.11.2011, 09:27
Ein Demokratiegegner der mit seinem primitiven Regierungsbashing jedem Stammtisch Ehre machen würde

Aber "Achse des Guten" erklärt alles.

P.S.: Dieser Artikel widerspricht eigentlich der offiziellen Leitlinie des Online-Standard. Der inoffiziellen entspricht er allerdings genau, wie wir seit den antidemokratischen Kommentaren anlässlich der vorgeschlagenen griechischen Volksabstimmung wissen.

mumbaikista
00
20.11.2011, 03:46

wie kommen D/F dazu auf Belgien Druck auszuueben frag ich mich da..... das ist den Belgiern ihre Sache, und wenn sie gut damit fahren sollten sie es so lassen, warum nicht eine basisdemokratische Abstimmung? Wenn die Belgier echt so happy sind mit der Regierungslosigkeit wie in dem Artikel beschrieben dann muesste so eine Abstimmung haushoch fuer das beibehalten des jetzigen Zustandes ausgehn, und die Parteien koennen sich brausen gehn....und das ist wahrscheinlich genau das wovor man in anderen EU Laendern Angst hat... d.h. Politiker in anderen EU Laendern. Wo kommen wir den hin wenn ploetzlich per Hausverstand und im Interesse des Volkes regiert wird, ohne Parteien...schreckliche Vorstellung fuer die herrschende politische Klasse.

Ph Gudenus
00
20.11.2011, 08:23
Richtig

Man spare wo man kann! Etwa an Regierungsvorsitzenden samt Mitgliedern. Wazu gibt es Herrn NULL, der unter der Funktion Ministerialrat schjlecht bei Fuss herumwackelt

chezgarando
00
20.11.2011, 02:11
hier den artikel loben

und bei uns regen sie sich wieder auf dass rot-schwarz nix macht

was solls jetzt sein bitte? *g*

notanickname
00
19.11.2011, 20:58

dh. in belgien wird anarchie in ihrem urprünglichem sinne praktisch umgesetzt, wäre interessant wie sich das langfristig weiterentwickeln würde.
Mit der demokratie ist es ja leider so, daß sie (in der heutigen form) nur bedingt funktioniert.

>t<
00
20.11.2011, 03:38
anarchie gibs net

Andreas Prucha
00
20.11.2011, 00:01

Najo, das setzt aber eben bereits halbwegs funktionierende Gesetze voraus. Und ausserdem gibts ohne Regierung trotzdem ein Parlament.

Vielleicht zeigt das nur, dass man den Parlamentarismus stärken muss. In Österreich sind die Parlamentarier letztendlich nur Erfüllungsgehilfen der Regierung.

Bissl mehr parlamentarische Demokratie auf EU-Ebene wär auch nicht schlecht.

Reich sein muss sich lohnen!
00
19.11.2011, 22:16

Nicht die Demokratie ist das Problem.
Demokratie kann man auch ohne Regierung haben.

Ein System das gut funktioniert braucht in der Regel nur selten Änderungen. Sollten Änderungen notwendig sein, so kann man diese auch basisdemokratisch umsetzen.

gracilis
00
19.11.2011, 17:04
Welch wunderbarer Artikel

Dafür haben wir hier in Österreich einen Faymann und seinen Spindelegger. Da drängt sich schon die Frage auf wieviel Regierung ein Land wirklich benötigt.

Anders Dänken
 
00
20.11.2011, 00:44

Oder: Mit wieviel "Regierung" ein Land wirklich gestraft werden kann ...

byron sully
00
19.11.2011, 16:11

es mag praktisch gutgegangen sein, demokratiepolitisch gesehen halte ich einen derartigen zustand aber für untragbar. außer, man schafft regierungen generell ab. das problem seh ich darin, daß die vorige regierung eigentlich ohne irgendeine frist unbegrenzt als übergangsregierung weiterregieren darf.

EUphoriker
00
19.11.2011, 18:35
ich denke es ist erwähnenswert, dass

das belgische parlament seit 1 1/2 jahren arbeitet, trotz fehlender regierungsmehrheit. woanders hätte man längst wieder wählen lassen. natürlich ist es ein großartiger zustand, wenn der parlamentarismus funktioniert, obwohl eine regierungsbildung nicht möglich ist.

byron sully
00
20.11.2011, 14:03

ja. aber stellen sie sich mal vor, es wäre nicht belgien, sondern eine weniger stabile demokratie...

Trismegisto
 
00
19.11.2011, 14:58

eineinhalb Jahre ohne Regierung und ein paar Stimmen die das gut finden - das ist schon sehr überzeugend!

Johannes99
00
20.11.2011, 07:15
eine bescheidene Sicht der Dinge,

vor allem für einen Ex-Chefredakteur: Lauter "soll" im Artikel, kein einziges Zitat. Tja ...
Während die Bürger brav arbeiten, sitzen die Parlamentarier da und beschließen Dinge, falls es unbedingt notwendig ist und sich eine Mehrheit dafür findet. Wer ist ein kompetenter Ansprechpartner in Belgien? Brauch ma net.
Mich wundert nicht, dass er "Ex" ist. Wie auch nicht biem Ex-Chef der Wiener Zeitung, der ebenfalls über Blog unsere Luft vergiftet ...

QUANTUM
00
20.11.2011, 15:19

ach, sie gehen zum spindelleger und haben den kompetenten ansprechpartner? hehe

grimsvotn eyjafjallajökull
00
19.11.2011, 14:53

Beim Volk regiert der Hausverstand, mit Regierung der Unverstand.

maggo22
00
19.11.2011, 14:37

Wer hat gestern die Siebtelbauern auf ORF 3 gesehen? Da war das Problem mit den eingesessenen reichen Bauern auch daß es ohne Sie besser geht.

Chien de Pique
00
19.11.2011, 13:24

Sehr erfrischende Sichtweise!

einerausdemvolk
04
19.11.2011, 12:18
Was EU-Krisenmanagern zu denken geben sollte

Belgiens Volk lebt scheinbar recht gut damit, es kann mit der Situation recht gut umgehen u es lebt offensichtlich friedlicher zusammen als in der Vergangenheit.
Die Regierung ist dazu da die Gesetze zu vollziehen u das macht sie scheinbar recht gut.
Warum haben die Nachbarn Anst?
Verlieren einzelne Machtgierige an Einfluss?
Strebt jemand die EU Herrschaft od. sonstwas an?
Warum hat D. u. F. Angst?
Warum soll etwas was gut läuft verändert werden?
Soll vielleicht von aussen ( EU? ) über Regierungen Einfluss auf Länder und Völker ausgeübt werden?
Kann man Macht u. Geldgier nicht mehr so einfach steuern?
Haben Nationale Regierungen noch was zu sagen, od. sind es nur mehr Handlanger, die daß Volk ausbluten lassen.
Ende der Demokratie?

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