Mit Nyx runter zum Styx

18. November 2011, 18:38
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Das Mumok zeigt drei filmische Arbeiten der jungen Londoner Künstlerin Claire Hooper. Mit "Nyx" einem mythologisch verbrämten Kulturendiskurs gewann sie im Vorjahr den Baloise Kunstpreis

Wien - Gnade dem, der zum Spielball der Götter wird. Furat, ein junger Berliner Nachtschwärmer, Nachfahre kurdischer Einwanderer, gerät nach einer Party spätnachts auf der U-Bahn-Linie 7 in die Fänge von Thanatos und dessen Zwillingsbruder Hypnos sowie des Hypnos' Gattin Pasithea - den Göttern des Todes, des Schlafes und der Halluzination.

Es kommt wie es kommen muss: Die Frau kriegt ihren Willen. Statt friedlichen Schlummerns wird es also eher eine Horror-Odyssee für den jungen Helden: "Oh, er hat sich sicherlich wie ein Gott gefühlt. Und nun kommt diese mörderische Landung, ein Herunterkommen. Was für eine Wirkung das haben wird", wischt Pasithea jegliche Mahnung zur Milde weg. Kurats Albtraum kann beginnen. Der hieße im übrigen - bliebe man der griechischen Mythologie treu - Euphrat. Da die Geschichte allerdings im kulturellen Schmelztiegel Berlins spielt, genauer in Kreuzberg, wo sich in den 1970er- und 1980er-Jahren viele kurdische Immigranten niederließen, trägt der Neo-Odysseus den arabischen Namen dieses Flusses: also Furat. Und langsam beginnt man zu ahnen, welche Häfen des Hades, Nyx, die Göttin der Nacht, in dem nach ihr benannten Film ansteuern wird.

Fährfrau der Unterwelt

Die eigentliche Fährfrau auf den Flüssen der nächtlichen Unterwelt (Acheron, Styx und Lethe) ist aber die 33-jährige Londoner Künstlerin Claire Hooper. Für Nyx erhielt sie im Vorjahr den Baloise Kunstpreis. Neben diesem mythologisch verbrämten Kulturendiskurs von 2010 zeigt sie noch zwei weitere, 2011 entstandene Kurzfilme: Aoide, nach einer der sogenannten titanischen Musen, und Eris, nach der Göttin der Zwietracht und des Streites (Oh Köhlmeier, hilf!). Aber anders als diese etwas bemühten Anspielungen auf die Wiege der westlichen Kultur es vermuten lassen, fallen die mythologischen Zitate in den jüngeren Filmen spärlicher aus.

Im 22-Minüter Nyx erscheint Orakelgott Morpheus als Mutter im ornamentalen Seidenkopftuch und warnt Furat vor den Tieren der Nacht, die an der Station Konstanzastraße fauchend und fellbesetzt in Gestalt von Nemesis, Göttin des gerechten Zorns, in Erscheinung tritt. Eris (nicht jene aus Hoopers drittem Film) taucht gleich mit einer ganzen Rapper-Horde auf und die Erinnyen winden sich wie Schlangen in dazu passender glitzrig-glänzender Leggingware.

Stimmig erscheint das Setting: die U7 fuhr vor der Wende genau an der Grenzlinie der geteilten Stadt entlang und verbindet noch heute die türkischen Einwandererbezirke Neukölln und Kreuzberg mit Spandau. Die meisten Stationen an dieser Strecke gestaltete Architekt Rainer Rümmler als postmoderne Konglomerate verschiedenster Stile, mit ornamentalen Zitaten aus Art Déco und Orientalismus. Diesen Stilmix der unterirdischen Bahnlinie mit Lethe, dem dunklen Fluss der Vergesslichkeit gleichzusetzen, ist ein gutes Bild. In dieser Kulisse lässt Pasithea den trunken Herumirrenden immer wieder auf die Wurzeln westlicher Kultur stoßen. Jedoch: Die dazwischen eingeflochtenen dokumentarische Szenen mit Ziegenopfern - wessen Erinnerungen sind das?

Entstanden ist ein buntes, uneindeutiges Bilderkaleidoskop, in dem das gesprochene Wort der Spielszenen präziser sein müsste. Mit Laiendarstellern gelingt das schwer. Die Konsequenz: Die Moral von der Geschichte bleibt offen - und zweifelhaft.   (Anne Katrin Feßler  / DER STANDARD, Printausgabe, 19./20.11.2011)

Bis 8. 1.

  • Artikelbild
    foto: claire hooper
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