Lebenslang verschuldet für eine Reise nach Österreich

18. November 2011, 18:35
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Wien - November und Dezember sind in Nigeria Monate, in denen viel gefeiert wird. Die Festivitäten nützen Handlanger von Schleppern oft dazu, junge Menschen anzureden, ihnen eine bessere Zukunft zu versprechen und sie dann mitzunehmen. So schilderte es Grace Osakue, Mitbegründerin der Girls Power Initiative (GPI) in Nigeria - einer NGO, die sich der Prävention von Menschenhandel widmet - bei ihrem Wienbesuch auf Einladung des Wiener Instituts für internationalen Dialog und Zusammenarbeit (VIDC).

Der Ort der oben beschriebenen Szene bestimmt die Zieldestination: Die Schlepper im nigerianischen Bundesstaat Edo pflegen beste Verbindungen nach Europa; in Kano im Norden etwa mehrheitlich nach Saudi-Arabien. Rekrutiert werden vor allem Menschen im Alter zwischen 13 und 25 Jahren. Die Drahtzieher sind in Nigeria übrigens mehrheitlich Frauen - "die Madames", wie Osakue sagt.

"Phantasiesummen" verlangt

Die Mehrzahl der nach Österreich gebrachten Nigerianerinnen werden laut Migrantinnenverein Lefö "in der Prostitution ausgebeutet". Nach Schätzungen stammen sieben Prozent aller Sexarbeiterinnen in Österreich aus Nigeria. Beobachtungen zufolge kommen die meisten aus Edo. Die Frauen hätten "Phantasiesummen" zwischen 45.000 und 65.000 Euro für Reisekosten, Visum etc. zu bezahlen, sagt Evelyn Probst von Lefö. Immer wieder komme noch etwas dazu. De facto stünden sie lebenslang in der Schuld der Schlepper, die die Frauen durch Schwüre an sich binden - was bei Nigerianerinnen durch traditionelle Denkweisen in der Regel funktioniere. Kehrt eine Sexarbeiterin nach Nigeria zurück, droht sie dort ihr Leben lang stigmatisiert zu werden.

GPI versucht, in Schulen Bewusstsein für die Gefahren der Verschleppung zu schaffen und Mädchen zu einer guten Ausbildung zu verhelfen. "In Städten haben wir schon viel erreicht", sagt Osakue. In ländlichen Gebieten sei noch jede Menge zu tun. (Gudrun Springer/DER STANDARD, Printausgabe, 19./20.11.2011)

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