Der elektronische Hexenmeister Jean Michel Jarre gastierte vor Freunden: Der französische Klassiker des Genres präsentierte eine erwartungsgemäß opulent visualisierte Musikshow.
Wien - Zu den eindringlichsten Kompositionen der Musikgeschichte zählen
jene, die man als zehnjähriger Laie auf einem Tasteninstrument auf
Anhieb nachspielen kann. Die Eltern erkennen das Lied - trotz falscher
Töne - und freuen sich über die künstlerische Hochbegabung. Der Weg des
Dieter Bohlen wird kein leichter sein.
Aber Kunst hat immer auch etwas Tragisches an sich. Titanen des Pop wie
Richard Clayderman mit Ballade Pour Adeline, die leider etwas in
Vergessenheit geratenen Einmannbands Hot Butter mit Popcorn und The RAH
Band mit The Crunch oder auch Jean Michel Jarre mit Oxygène stehen hier
für jene melodische Nachhaltigkeit, bei deren bloßer Erwähnung das
innere Ohr für Tage von Würmern befallen wird.
Summen und Rauschen
Dup-di-dup-di-dup. Oxygen, Sauerstoff, Elementsymbol O, Ordnungszahl 8,
der wahre Stoff: Während um das Jahr 1976 die deutschen
Elektronikingenieure Kraftwerk gerade von der Autobahn zum
Schienenverkehr im Trans Europa Express und von Verbrennungsmotoren zum
Strom aus dem Atomkraftwerk wechselten, gelangte der französische
Klangmagier Jean Michel Jarre zur Einsicht, dass komplizierte Technik
zwar gut, die Anbetung der Mensch-Maschine aber nur den Blick auf das
Wesentliche verstellt: das Summen und Rauschen und Brummen des
Universums - und dort drin den Triumph der menschlichen Individualität.
Jarre ist in seinem Klanglabor seit dieser Zeit dem Ur-Swing auf der
Spur. Es geht um die Syntax, den Bauplan, die Wos-woar-mei-Leistung der
Gesamtheit aller Dinge. Noch vor dem Fressen und der Moral kommt an
dieser Stelle die Luft zum Atmen ins Spiel. Leben, wie wir es kennen,
braucht Atmosphäre. Zusammen ergibt das himmlische Musik, wie sie eines
Luke Skywalkers und anderer Weltenwanderer würdig ist:
Dup-di-dup-di-dup. Jean Michel Jarre präsentierte zuletzt 1997 in Wien
im Rahmen von Wetten, dass..? vor dem Rathaus seine
Forschungsergebnisse. Dieses Mal gab es der Mann, der mit diversen
Besucherrekorden bei seinen Konzerten von einer Million Erdenbürger
inklusive des Papstes aufwärts auch im Guinnessbuch der Rekorde zu
finden ist, etwas billiger.
Mit der "Laser-Harfe"
Vor 5000 augenscheinlich schon seit Jahrzehnten gut in Publikationen wie
Oxygène, Equinoxe oder Magnetic Fields eingearbeiteten männlichen
Bewunderern präsentierte der elektronische Hexenmeister einen Überblick
über sein Schaffen. Mit Ausnahme einer von Jarre beschwörend mit
Handgesten gespielten futuristischen "Laser-Harfe", die bei
gesellschaftlichen Anlässen auf dem Todesstern sicher für Aufsehen
sorgen würde, waren auf der Bühne nur gute alte analoge Synthesizer
aufgebaut.
Drei Helfer standen Jarre zur Seite. Oft wurde auch ein für mehr
Nachdruck sorgendes Schlagwerk eingesetzt. Am frontal zum Publikum
stehenden Hauptsynthesizer waren kleine Crashbecken angebracht, auf die
der Meister fröhlich tanzend mit den Händen schlug. Sie sorgten für
einen flott im Discobeat durch den Hyperraum fetzenden Sound:
Dup-di-dup-di-dup. Zisch.
Man hatte es schon geahnt, als Jarre zu Beginn jovial durch das Publikum
in den Saal marschierte und Hände schüttelte: Dies würde ein Abend unter
Gleichgesinnten werden. Sogar mitgeklatscht durfte werden. Auf diese
Einladung wird man bei Kraftwerk lange warten. Filmzuspielungen kündeten
zwischendurch allerdings vom großen, alles gleichmachenden Bruder.
Gelassen bleiben
Dunkle Synthie-Wolken zogen auf. Angst machte sich breit. Jarre brach
dessen Bedrohung durch einen spontanen Ausdruck seiner Individualität.
Er spielte auf einer Empore ein langes, mutiges Solo auf einem
Umhängekeyboard. Es klang wie Paganini, wenn er mit einer Gabel in den
Toaster gefahren wäre.
Ruhig bleiben. Einatmen. Ausatmen. Oxygène. Wir werden es überleben.
Dup-di-dup-di-dup. Zisch. (Christian Schachinger / DER STANDARD, Printausgabe, 19./20.11.2011)
Nächstes Konzert: 19. 11., Münchner Olympiahalle, 20.00