"Müssen es wie der FC Barcelona angehen"

Interview |
  • Olympiasieger Ernst Vettori wirkt als nordischer Sportdirektor des ÖSV mehr im Hintergrund als sein Vorgänger Anton Innauer. Vordergründig kann der Tiroler die Saisonziele seiner Sparten nicht genau definieren. Im Skisprung wegen Unübertrefflichkeit, in der Kombination, weil der beste Wintersportler aller Zeiten abgetreten ist.
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    foto: apa/gindl

    Olympiasieger Ernst Vettori wirkt als nordischer Sportdirektor des ÖSV mehr im Hintergrund als sein Vorgänger Anton Innauer. Vordergründig kann der Tiroler die Saisonziele seiner Sparten nicht genau definieren. Im Skisprung wegen Unübertrefflichkeit, in der Kombination, weil der beste Wintersportler aller Zeiten abgetreten ist.

ÖSV-Sportdirektor Ernst Vettori kann Fragen nach den Saison­zielen nur schwer beantworten. Das ist kein schlechtes Zeichen

Standard: Welche Vorgaben kann der nordische Sportdirektor seinen Skispringern für die neuen Saison mitgeben? Erfolge der Vergangenheit sind ja dazu da, übertroffen zu werden. Wie wäre es mit dem Gewinn sämtlicher Weltcupspringen?

Vettori: Das ist leider nicht möglich. Die Geschichte ist im Vorjahr extrem gut gelaufen. Wenn man die Vierschanzentournee, sämtliche WM-Goldmedaillen, den Skiflug-, Einzel- und Nationenweltcup in einer Jahrhundertsaison gewinnt, bleibt kaum etwas übrig. Die Latte liegt irrsinnig hoch.

Standard: Ist Österreichs Skispringerei einfach ausgereizt?

Vettori: Nein, wir müssen es wie der FC Barcelona angehen, wenn er davor alles gewonnen hat. Es geht nicht darum, was man schon erreicht hat. Jeder Einzelne muss seine Ziele neu definieren. Thomas Morgenstern fehlt noch etwas im Skifliegen, Gregor Schlierenzauer die Vierschanzentournee. Es gibt immer individuelle Ziele.

Standard: Wäre es ein Ziel, noch größere mannschaftliche Geschlossenheit zu erreichen, die anderen Skispringer näher an das genannte Duo heranzuführen?

Vettori: Man darf nicht vergessen, dass Wolfgang Loitzl und Andreas Kofler erst vor kurzem die Vierschanzentournee gewonnen haben. Und Kofler war in der vergangenen Saison Vierter im Weltcup, der ist ja absolute Spitze. Heranführen muss man die Leute, die schon etwas gewonnen haben, nicht. Und wir haben mit David Zauner, Michael Haiböck oder Mario Innauer noch weitere Springer, die heiß sind.

Standard: Wie schwer, um beim Bild zu bleiben, wiegt die Anhebung des Body-Mass-Index um einen halben Punkt auf 21? Der beispielhafte 1,80 Meter große Athlet muss in dieser Saison samt Anzug und Schuhen 68 statt 66,5 Kilogramm schwer sein, um die maximale Skilänge von 145 Prozent der Körpergröße nützen zu dürfen.

Vettori: Das macht vielleicht ein bisschen etwas aus. Die Athletik wird wieder um eine Nuance nach oben gehen, dieser Trend ist erkennbar und wird sich je nach Vorgehen des internationalen Skiverbandes weiterentwickeln.

Standard: Kommt das den Österreichern zugute?

Vettori: Unsere Spitzenathleten waren schon vergangene Saison immer im vorgeschriebenen BMI drinnen. Wir haben kein Problem damit, wenn er weiter hinaufgeht.

Standard: Ausgegangen ist man seinerzeit von einem BMI 18,5 ohne Material. Wie weit ist der Wert noch anzuheben, ohne den Sport gänzlich zu verändern?

Vettori: Da muss man schon sorgfältig vorgehen, aber das Skispringen ist sicher auf einem guten Weg. Das, was man landläufig Gewichtmachen nennt, ist ja eine Gratwanderung. Man verliert an Substanz und an der Skilänge, das muss man sich sehr sorgfältig überlegen. Der bessere Weg ist, athletisch gut drauf zu sein und die Gewichtszunahme über Sprungkraft und Technik wettzumachen.

Standard: Etliche Nationen haben Trainer aus Österreich. Droht dem ÖSV durch diesen ständigen Export quasi eine Kannibalisierung?

Vettori: Die Konkurrenz wird wachsen. Die Deutschen arbeiten seit Jahren mit österreichischen Trainern. Da gibt es mit Richard Freitag und Severin Freund mittlerweile echt gute Springer. Die Norweger haben immer gute gehabt, die Arbeit von Alexander Stöckl wird sich bald bemerkbar machen. Am schwierigsten hat es Richard Schallert bei den Russen, weil noch viel Basisarbeit zu leisten ist. Jedenfalls haben wir eine klare österreichische Handschrift im gesamten Sprungzirkus.

Standard: Die Damen haben erstmals einen Weltcup. Hat der ÖSV dem Rechnung getragen, wurde zum Beispiel mehr Geld investiert?

Vettori: Wir haben unsere Damen Gott sei Dank immer gut unterstützt. Das ist nicht von der Bezeichnung des Bewerbes abhängig. Wir haben also nicht reagiert, sondern geschaut, dass sie weiter gescheit arbeiten können. Es wird sehr spannend sein zu beobachten, wie sich unser kleines, aber feines Team schlägt. Schade ist, dass Weltmeisterin Daniela Iraschko derzeit nicht ganz fit ist.

Standard: Bei den Damen ist der Sieg in einem Weltcupspringen rund 2400 Euro wert. Das ist zwar das Neunfache dessen, was bisher im Kontinental-Cup gezahlt wurde, aber nicht einmal ein Drittel des Herren-Preisgeldes. Gerecht?

Vettori: Die Damen sind damit ohnehin fast schon da, wo die Kombinierer sind. Wir starten ja erst, die Dichte ist noch nicht so hoch. Die Veranstalter sind zum Großteil neu, die tun sich auch noch schwer mit Sponsoren, mit dem Marketing. Die Damen haben mit der Entscheidung, dass sie 2014 in Sotschi olympisch sein werden, eine tolle Chance, sich im Skisprung zu etablieren. Nur muss man das behutsam angehen.

Standard: Sie haben die Kombi erwähnt. Ist die Ihr Sorgenkind?

Vettori: Wir stehen vor einer Übergangssaison, haben aber eine gute Mischung aus Routiniers wie Mario Stecher, einem Mittelbau und vielversprechenden Jungen wie Mario Seidl, der Meister geworden ist. Man muss sicher schon in Richtung Sotschi denken.

Standard: Ist ein Felix Gottwald jemals zu ersetzen?

Vettori: Wir reden vom besten Wintersportler aller Zeiten. Den kann man nicht ersetzen. (DER STANDARD PRINTAUSGABE 19.11. 2011)

ERNST VETTORI (47) aus Absams war 1992 in Albertville Olympiasieger auf der Normalschanze, gewann zweimal (1986, 1987) die Vierschanzentournee und 15 Weltcupspringen. Er wirkte ab 1999 als Marketingleiter im ÖSV und ist seit März 2010 als Nachfolger von Anton Innauer Sportdirektor für Sprunglauf und Kombination.

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