Armut in Afrika

Afrika und die Schuldfrage

Gastkommentar | 25. November 2011, 12:12

Afrika wäre rückständig, wird immer wieder propagiert. Ein Plädoyer für eine differenziertere Auseinandersetzung mit dem Thema - Von Hanna Silbermayr

Rund um eine Reportage von mir über das Leben eines ghanaischen Migranten in Spanien hat sich unter den derStandard.at-LeserInnen eine rege Debatte entwickelt. Die Kommentare zum Artikel reichen von Themen wie dem globalen Fischkonsum bis hin zur Schuldfrage, wer denn für die Armut Afrikas verantwortlich wäre. Einige glauben, Europa hätte den Kontinent in den Ruin getrieben, andere wiederum argumentieren, dass die afrikanischen Staatsoberhäupter ganz einfach geldgierig und korrupt seien und manche sprechen den AfrikanerInnen jeglichen Innovationsgeist ab. Mit so einfachen (und teilweise rassistischen) Argumenten lässt sich dieses komplexe Thema aber sicher nicht abhandeln.

Zuerst muss eine wichtige Tatsache festgehalten werden: Afrika ist keine homogene Region. Wir sprechen hier über einen Kontinent, der um ein Dreifaches größer ist als Europa und 53 anerkannte Staaten umfasst. Die Gesamt-Bevölkerung beläuft sich auf eine Milliarde Menschen und es gibt eine größere Sprachenvielfalt als auf jedem anderen Kontinent dieser Erde, ganz zu schweigen von der kulturellen Diversität - das Königreich Marokko gehört genauso zu Afrika wie die demokratische Republik Kongo. Demnach ist es schlichtweg fahrlässig, hinter der Bezeichnung "Afrika" ein homogenes Konstrukt zu vermuten.

Klischees und Vorurteile

In unserer Gesellschaft aber haben sich Afrikabilder etabliert, die von unreflektierten Klischees und Vorurteilen nur so strotzen. Es stehen unzählige Negativbilder romantisierenden Vorstellungen gegenüber, welche wohl nur bedingt die Realität widerspiegeln. Ich persönlich kann mit beiden Seiten relativ wenig anfangen. Einerseits lehne ich das ständige Stigmatisieren einer gesamten Personengruppe ab, andererseits habe ich auch Probleme damit, Tatsachen zu verschnörkeln.

Mir wurde etwa nahegelegt, eine Aussage des ghanaischen Migranten ("Vielleicht sind wir teilweise auch selbst verantwortlich für diese Situation, weil wir sie akzeptieren") aus dem Artikel zu nehmen, da diese Bemerkung eine weitere Angriffsfläche freiräumen könnte. Allerdings sah ich keinen Anlass, mir das Recht herauszunehmen, dem jungen Mann seinen Intellekt abzusprechen, ihn durch das textliche Eliminieren der Fähigkeit, seine Situation selbst einschätzen zu können, darüber zu reflektieren und daraus Konsequenzen - welcher Art auch immer - zu ziehen, in eine komplette Opferrolle zu stecken. Wichtig ist mir, zu beschreiben, was ich sehe und höre, um weitere Diskussionen anzuregen.

Theorien nur bedingt tauglich

Generell basieren all die genannten Vorurteile auf unterschiedlichen Entwicklungstheorien, welche die Ursachen für Armut in Entwicklungsländern* zu erklären versuchen. In der Wissenschaft stehen sich dabei endogene und exogene Theorieansätze gegenüber, wobei manche als längst überholt gelten. Erstere suchen die Gründe der Ungleichheit in den betroffenen Ländern selbst (in ihrer ungünstigen geografischen Lage oder unzureichenden Modernisierungsbestrebungen), zweitere außerhalb ebendieser (etwa in wirtschaftlichen und sozialen Abhängigkeiten, in der kapitalistischen Weltordnung oder in den Nachwirkungen des Kolonialismus).

Wer oder was im Endeffekt aber schuld an der wirtschaftlichen Situation der unterschiedlichen afrikanischer Länder ist, kann meines Erachtens nach nur bedingt durch allgemeine Theorien erklärt werden. Sicherlich spielen viele unterschiedliche Faktoren eine Rolle, aber in jedem Land, ja vielleicht sogar in jeder Region, sind die Gründe andere.

Eurozentrisches Weltbild

Im Großen und Ganzen scheint die gesamte Diskussion stark von einem eurozentrischen Weltbild dominiert zu sein, welches annimmt, die absolute Wahrheit für sich gepachtet zu haben. Die wenigsten Theorien wurden in den Entwicklungsländern selbst bzw. von Menschen entwickelt, die ebendort sozialisiert wurden. Dementsprechend fordern viele dieser theoretischen Ansätze eine westlich geprägte Handelsrationalität, ohne zu berücksichtigen, was die Menschen in den jeweiligen Ländern eigentlich wirklich wollen. Übertrieben positive Darstellungen des Afrikaners sind dem entwicklungstechnischen Diskurs dabei vermutlich genausowenig förderlich wie Rassismen und negative Vorurteile.

Lösungsansätze sollten sicherlich in Richtung Zusammenarbeit gehen - jene Art von Zusammenarbeit aber, welche von der Europäischen Union ständig propagiert wird, riecht eher nach Erpressung als nach echter Kooperation und sollte grundlegend überdacht werden. Eine wirkliche Entwicklung kann wahrscheinlich nur dann funktionieren, wenn die Bedürfnisse Betroffener ganzheitlich wahrgenommen, sie als Subjekte akzeptiert und vollständig in den Prozess eingebunden werden - sofern sie denn wollen. Hier gilt es, sich konstruktiv einzubringen, sowohl von afrikanischer als auch von europäischer Seite.

Abschließend sei gesagt, dass die unzähligen Staaten Afrikas mehr zu bieten haben, als Armut, Konflikte und Safari - eine Entdeckungsreise auf anderen Ebenen ist der Kontinent sicherlich wert. (Hanna Silbermayr, derStandard.at, 25.11.2011)

* Der Begriff Entwicklungsländer ist ebenso wie Dritte Welt als Sammelbegriff umstritten. Die UN verwenden im Englischen die Bezeichnung Least developed countries, wobei klare Kriterien festgelegt wurden, um zu definieren, welche Länder unter diesen Sammelbegriff fallen - siehe dazu.

Autorin

Hanna Silbermayr lebt als freie Journalistin und Fotografin in Wien. Sie studiert Romanistik und Politikwissenschaft und arbeitet zu den Themen Migration, Lateinamerika und globale Ungleichheiten. 2011 erhielt sie den Prälat-Leopold-Ungar-Anerkennungspreis für sozial engagierten Journalismus.

Reportage aus Almería: "Sie haben uns das Meer gestohlen"

Ansichtssache: Tristesse in den Plantagen Südspaniens

Website von Hanna Silbermayr

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 27
1 2
Heino Ewerth
00
27.11.2011, 17:26
Schuldfrage ist zweitrangig wenn man überleben will und muss

Ich hatte einige Jahre in Afrika gelebt und gearbeitet. Aber es ist schon ein Unterschied, ob ich täglich mehrfach Duschen kann, (wie in Europa) oder ob man täglich Kilometer weit zu Fuß gehen muss, um an der einzigsten Wasserstelle in der Region Wasser holen muss. Es ist auch ein Unterschied, ob, wie in Europa, Schulbildung für jeden zur Verfügung steht, oder ob es nur für einige wenige zur Verfügung steht. Es ist auch ein Unterschied, ob ich, wie in Europa, an jeder Ecke gesundheitlich Fürsorge erfahre, oder ob man, wenn man es sich überhaupt leisten kann, Kilometer weit entfernt eine Krankenstation hat ganz zu schweigen ein Krankenhaus. Für den Einzelnen wird die Schuldfrage zur Nebensache, wenn man über das nackte Überleben kämpfen muss

Intelligenzplebejer
01
27.11.2011, 11:56
Eurozentrismus

Auch die Vorstellung, die Menschen müssten in Wohlstand leben und ein Durchschnittsalter von rund 80 Jahren erreichen, ist eurozentristisch. Jahrtausende lange war es völlig normal, dass wir in schrecklicher Armut leben, uns spätestens mit 20 Jahren letztmalig fortpflanzten und 10, 15 Jahre später auch schon wieder tot waren oder dass periodenweise ruhig einmal ein Viertel der gesamten menschlichen Spezies wie die Fliegen "einging". Erst der Westen konnte diesen Teufelskreis durchbrechen. Wer diese Errungenschaften - mit guten Gründen - zu einem Ziel für die gesamte Menschheit erheben möchte, kommt nicht um die Einsicht herum, dass auf anderen Kontinenten dann eben ähnlich gelebt, regiert und gewirtschaftet werden muss wie im Westen.

Vseckojedno von Jednovsek
11
25.11.2011, 18:55
Leider ein "no-na"-Artikel

Dass die Situation(en) in Afrika nicht nur schwarz-weiß gesehen werden darf/dürfen, wusste ich schon vorher und dass sie von Vorurteilen und Urteilen gleichermaßen geprägt ist/sind ebenso.
Ich hätte mir mehr erwarten als no-na-Weisheiten.

§83SPG
14
25.11.2011, 18:33

Seid mir bitte nicht böse, aber so eine Weltsicht ist schon sehr, sehr naiv:

"Eine wirkliche Entwicklung kann wahrscheinlich nur dann funktionieren, wenn die Bedürfnisse Betroffener ganzheitlich wahrgenommen, sie als Subjekte akzeptiert und vollständig in den Prozess eingebunden werden - sofern sie denn wollen. Hier gilt es, sich konstruktiv einzubringen, sowohl von afrikanischer als auch von europäischer Seite."

Hier werden Wortgirlanden gesponnen. Kann mir jemand einen einzigen zielführenden Prozeß als Beispiel nennen, wo irgendwas ganzheitlich-wahrgenommen- akzeptiert-vollständig-eingebunden-konstruktiv-eingebunden-eingebracht wurde, aber nur sofern SIE es wollten! Das ist ein bisserl viel verlangt.

Wurscht und Semmel
00
25.11.2011, 18:19
Und was sind jetzt die (unterschiedlichsten) Ursachen für die Armut?

Keine Antworten, nur oberflächliche Phrasen, sorry, aber was bringt der Artikel außer Platitüden a la "konstruktiv einbringen" u "ganzheitlich wahrnehmen"? Und dass Afrika inhomogen ist, ist auch nicht wirklich neu. Mich würde die Meinung der Autorin interessieren und nicht, was sie nicht denkt!

Johannes Benn
02
25.11.2011, 17:52
.

ich weiß nicht warum das fruehre posting nicht veroeffentlicht wird...
heute gibt es imho zwei relevante erklaeungen fuer si situazion afrikas, einmal die einigermaßen politisch korrekte version fuer die z.B. jared diamond mit guns germs and steel steht und zweitens die poltisch weniger korrekte version fuer die zum beispiel harpending mit the 10000 year explosion steht
-
kolonialismus und nachkoloniale wirtschaftordnung haben natuerlich auch einen einfluss gehab, aber dies hat nur andere entwicklungen bestaerkt...

der schwitzbär der schwitzt sehr
00
25.11.2011, 17:40
Afrika zahlt jedes Jahr mehr an westliche Banken

an Kreditraten, als es Entwicklungshilfe bekommt

es wird ausgesaugt

Zustandegekommen ist die Verschuldung durch Stützung von Diktatoren, die dafür die Rohstoffe billig zugänglich machten

Sichtweise aus Äthiopien:
http://www.ethiopianreview.com/content/9049

WarumNennenWirEsNichtVorfreude
51
25.11.2011, 16:10

Danke für diesen Artikel.
Einige User hier scheinen ja tatsächlich der Meinung zu sein, dass ihre zufällige Geburt in einer Weltgegend die dem Rest der Welt ihre Art zu leben und zu wirtschaften mit dem Schwert aufgezwungen hat, eine Art Verdienst wäre und sie somit in einer kapitalistischen Hierarchie etwas "besseres" und "fleissigeres" wären.
Wichtige Worte.

120 Jahre Karl Schranz
00
25.11.2011, 18:46
ähm...

sie scheinen den artikel ja nicht mal verstanden zu haben.

die aussage ist ja, dass sowojl die interdependenz- (also die "der globale kapitalismus ist schuld") als auch die entwicklungstheorie (also die "im prinzip sind die afrikaner selber schuld") unzureichend sind.

wie sie da jetzt hingehen und sich ihre persönlichen rosinen rauspicken können ist mir ein rätsel

WarumNennenWirEsNichtVorfreude
00
25.11.2011, 18:52

mir gings eher um die rezeption der poster, die auch diesen ausgewogenen artikel scheisse finden, weil er ihre vorurteile nicht bestärkt.

Johannes Benn
00
25.11.2011, 18:06
.

koennen sie schluesig erklaeren wieso der wohlstand japans auf der armut afrikas beruht?
un kommen sie nicht mit den paar japanische fichern vor ostafrika, afrika ist groß, das hat mit west und suedafrika nichts zu tun

Johannes Benn
00
25.11.2011, 18:05
.

vor 500 jahren lebten in afrika sehr wenige menschen, weil die meisten kinder frueh starben. warum war das so? weil die jaeger und sammler wirtschaft oder einfach lanwirtschaft wenig abwarf.
in europa, ost- und suedasien lebten ebenfalls sehr viel weniger menschen als heute, aber mehr als in afrika. warum? weil die landwirtschaft immer noch relativ zu heute wenig abwarfm aber mehr als in afrika. nun beschleunigste sich die wirtschaftliche entwicklung in asien und europa immer staerker, nur zu einem sehr geringen teile un relativ spaet auch unter einfluss der ausbeutung der kolonien. ab wann nun soll realistisch der westlcieh und asiatische lebensstil auf afrikas armut zurueckzufuehren sein?

WarumNennenWirEsNichtVorfreude
20
25.11.2011, 17:06

Soso - rote Stricherl von denen, die sich ertappt fühlen.

x aeins
03
25.11.2011, 17:50

Vielleicht aber auch deshalb, weil ihr Kommentar keinerlei Erkenntnis bringt (und dem Artikel hier etwas gleicht)?
Mich würde zB interessieren, warum grad Afrika (und nicht Asien, S-Amerika) immer das Entwicklungs-Schlusslicht zu sein scheint - gibts darauf eine Antwort?

WarumNennenWirEsNichtVorfreude
00
25.11.2011, 18:16

Nun, wer war stärker von Landraub und Sklaverei im großen Stil betroffen?

Etwa Südostasien oder Westafrika?

Ernst Kratochwil
01
25.11.2011, 18:47
Geh bitte, wie lange ist das her?

Das zieht nicht auf ewig als Ausrede und hilf auch überhaupt nix dabei die jetzige Situation zu verbessern.

Da muß man sich mit der Gegenwart auseinandersetzen.

Die wichtigsten Ursachen sind, Korruption, Kriege, Bürgerkriege, Raubrittertum, Despotismus, Bildungsmangel, Bevölkerungsexplosion, Aberglaube, religiöser Fanatismus, fehlende Infrastruktur, fehlende Rechtssicherheit....

Damit sind Not und Elend vorprogrammiert. Ohne dass man dafür noch irgendwelche Schuldige von Aussen braucht.

x aeins
00
25.11.2011, 18:29

na gut - ist aber schon etliche Generationen her.
Präziser: warum erholt sich Afrika nicht vom Kolonialismus, sondern stagniert, im Quervergleich mit anderen?

WarumNennenWirEsNichtVorfreude
00
25.11.2011, 18:39

Worauf soll das hinaus laufen?
Dass Afrikaner faul sind?
In Asien (wo ich mich häufiger aufhalte) ist Geld verdienen zur Religion geworden, die haben den Kapitalismus so richtig inhaliert.
In den meisten Teilen Afrikas ist das aus vielen Gründen nicht so.
Dennoch - was wird der Subtext dieses "selber schuld" Denkens?

x aeins
00
25.11.2011, 18:43

nix für ungut Freund, ich fürcht, du kennst dich auch nicht aus.
Werd lieber den Naipaul (wieder-)lesen, der kommt einer Antwort vielleicht näher.

byron sully
00
25.11.2011, 16:06

es ist selbstverständlich eine mischung aus beidem. die westliche welt bzw. der kapitalismus tragen eine wesentliche mitschuld. andererseits ist z.b. ein verbrecher wie mugabe, der mit kapitalismus nichts am hut hat, natürlich ein "hausgemachtes" afrikanisches problem.

WarumNennenWirEsNichtVorfreude
10
25.11.2011, 16:18

Absolut.
Vor allem die USA haben jahrzehnte lang gefordert die akrikanischen Märkte für ihre Produkte zu öffnen, damit tw. die dortige Versorgung zerstört, selbst aber protektionistisch gewaltet.
Imperialismus ohne Waffen.
Es ist ein Wunder, dass nicht noch mehr Perspektivlose unsere Grenzen überrennen.

istros
00
25.11.2011, 15:59
.

eine der aufschlussreichsten Erfahrungen war es, als ich mit Adam Smiths "Wohlstand der Nationen" durch Afrika gereist bin.
Vor allem aber brachte es die Erkenntnis, dass sich Afrikaner und Schotten unter den gleichen Bedingungen in nichts unterscheiden!

WarumNennenWirEsNichtVorfreude
00
25.11.2011, 16:12

Abgesehen davon, dass Adam Smith weinen würde, könnte er jetzt die Wallstreet sehen.
so hat er das tatsächlich nie gemeint, von Märkten weit und breit keine Spur.

Dr Stänkerer
26
25.11.2011, 15:18
Zusammenfassung:

1) Es ist alles sehr kompliziert.
2) Armut hat viele Gründe.
3) Wir müssen zusammenarbeiten.

Was für ein leeres Geschwafel ohne Fakten....

Johannes Benn
04
25.11.2011, 13:27
.

"das Königreich Marokko gehört genauso zu Afrika wie die demokratische Republik Kongo"
wer subsahara afrika und nordafrika in einen topd wirft hat ja sowieso keine ahnung von dem thema

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