Als Charlotte Kreuzmayr 1981 die erste Ausgabe des "Parnass" aus der Taufe hob, glaubte kaum jemand an ein langes Leben der Kunstzeitschrift. Nun feiert sie dreißigjähriges Bestehen
Und ein Ende
ist nicht abzusehen.
Wien - "Wo ist sie heute, die neue zusammenfassende Idee? Wo der
kritische und skeptische Geist der Kunst? Und wie steht die Gesellschaft
dazu? Geben wir der Kunst in Zukunft die Chance, neue Entdeckungen zu
machen? Sind wir bereit, uns damit auch auseinanderzusetzen?"
Programmatische Fragen über Fragen, die Charlotte Kreuzmayr in einem
ihrer Editorials Ende der 1980er-Jahre stellte. Und diese jugendfrische
Neugier, das Nachfragen, Offenlegen, Darstellen hält bis heute an. Jede
einzelne Ausgabe des Parnass ist Nachschlagewerk und Sammelstück
gleichermaßen, zu Themen aus Theater, Musik, Literatur, Philosophie und,
natürlich, Kunst. Mehr als 130 Porträts von Künstlern des 19. und 20.
Jahrhunderts werden von fast doppelt so vielen über zeitgenössische
Künstlerinnen und Künstler sogar noch getoppt.
Dreißig Jahre sind eine lange Zeit für eine Kunstzeitschrift, die
ursprünglich vor allem gegründet wurde, um in der väterlichen Druckerei
in Linz einen eigenständigen Aufgabenbereich zu finden. Der Traumberuf
war für die Absolventin der Graphischen Lehranstalt eigentlich
Innenarchitektin, "doch das wurde mir ausgeredet - und es stimmte ja
auch für die 80er-Jahre: Privat wollte sich das niemand leisten. Man
konnte höchstens Hotels oder Geschäfte einrichten."
Also wurde sie Jobhopperin in Vaters Druckerei, sprang ein, wenn wer auf
Urlaub oder krank war. Und sann auf einen Aufgabenbereich, "in dem mir
niemand dreinreden konnte. Von Kunst hatte mein Vater keine Ahnung. Und
als ich herausfand, dass es keine österreichweite Kunst- und
Kulturzeitschrift gab, habe ich ihm zu Weihnachten den Vorschlag
unterbreitet. Er hat zu meiner Überraschung sofort die Finanzierung
zugesagt. Vielleicht hat er es mir zuerst nicht wirklich zugetraut. Aber
er war dann schnell begeistert. Er stand immer zu mir und hat mir nie
das Gefühl gegeben, dass ihm die Zeitschrift eine finanzielle Last sei."
Aber ehe Parnass - in der griechischen Mythologie Sitz der Musen - in
der Wiener Albertina präsentiert werden konnte, klapperte die damals 26
Jahre alte, angehende Herausgeberin und Chefredakteurin Museen, Theater
und Kunsthändler ab, unterbreitete ihre Ideen, keilte Anzeigen, suchte
Schreiber. Häufigste Reaktion: "Na, schauen wir uns erst einmal die
erste Ausgabe an, ehe wir uns engagieren."
Peter Baum, damals Leiter der Neuen Galerie Linz, schrieb für die
allererste Ausgabe im September 1981. "Zu ihm", sagt Kreuzmayr, "bin ich
mich anfangs auch immer ausweinen gegangen."
Johann Kräftner, nun verantwortlich für die fürstliche Sammlung der
Liechtensteins, war ebenfalls ein Autor der ersten Stunde, Matthäus
Kattinger war für den Kunstmarkt zuständig, mit Franz Zoglauer hielt die
Opern- und Theaterwelt in dem Linzer Parnass Einzug. Mittlerweile hat
sie ein engmaschiges Korrespondentennetz geknüpft, kann aus einem Pool
von dreißig, vierzig Autoren und Autorinnen schöpfen und sich "der
Angebote - auch aus Deutschland - nicht erwehren."
Als der Vater die Linzer Druckerei verkaufte, war das Zeitungskind
gerade einmal zehn Jahre alt. Kreuzmayr übersiedelte sich und ihr
Einfraubüro nach Wien - und dachte ernsthaft ans Aufhören.
"Mein Vater hatte Parnass als Imageprodukt seiner Firma gesehen, ich
musste nicht an die Finanzierung denken, konnte mich nur auf den Inhalt
konzentrieren. Die erste Zeit in Wien war wirklich hart, ich war
plötzlich für alles allein verantwortlich, hatte aber keine
Infrastruktur, kein Fax, keinen Computer, keine Sekretärin. Das Einzige,
was ich hatte, war der Name Parnass. Ich habe mich nicht mehr
rausgesehen, aber die Kunsthändler haben mich sehr unterstützt und
fleißig inseriert."
Das und eine 500.000 Schilling hohe Subventionsspritze vertrieben die
gröbsten Finanzsorgen. Mittlerweile hat sich die ministerielle Förderung
auf 20.000 Euro jährlich reduziert; im Wesentlichen finanziert sich die
Kunstzeitschrift über Abonnements - viele auch aus Deutschland - sowie,
natürlich, über Anzeigen. Und die kommen nach wie vor zu einem großen
Teil von Galeristen und Kunsthändlern.
Mit einem von ihnen ist sie seit zwei Jahren verheiratet: Michael
Kovacek, Miteigentümer des Auktionshauses im Palais Kinsky. Vorteile für
die Kunsthandlungen Kovacek und Zetter-Kovacek oder für das Kinsky gäbe
es nicht, im Gegenteil: "Ich habe meinen Mann immer strenger behandelt
als alle anderen. Natürlich berichten wir über das Dorotheum im gleichen
Ausmaß wie über das Kinsky. Ich richte die Inhalte nicht nach den
Inseraten aus, sondern ich verlasse mich auf meine Intuition, welche
Themen - abseits der aktuellen Berichterstattung - interessant sind."
Anfangs brachte Kreuzmayr, elegante Personalunion aus Herausgeberin,
Anzeigenchefin und Chefredakteurin, zusätzlich zu den zweimonatlich
erscheinenden Ausgaben auch 18 Sonderhefte heraus, beleuchtete Barock
und Jugendstil, Kunst von Frauen oder den Wert der Kunst. Seit 2002 sind
die Schwerpunktthemen integraler Bestandteil der mindestens 176 Seiten
starken Zeitschrift, die nun viermal jährlich erscheint.
Abgesehen davon, dass sie gern mehr Zeit hätte, um selber zu schreiben,
Ermüdungserscheinungen haben sich auch im dreißigsten Jahr des Bestehens
nicht eingestellt:
"Es ist eine so interessante und schöne Tätigkeit! Ich glaube, ich habe
durch den Parnass und meine Arbeit mehr über Kunst gelernt, als wenn
ich, wie ich ja ursprünglich wollte, Kunstgeschichte studiert hätte. Ich
habe ständig mit interessanten Menschen zu tun. Und es macht mir auch
nichts aus, dass ich für alles verantwortlich bin. Ich mache das schon
so lange, dass es mich nicht mehr so belastet wie früher." (Andrea Schurian / DER STANDARD/SPEZIAL, Printausgabe, 19./20.11.2011)