Kleine Pillenschlucker

  • Drei von fünf Eltern sollen laut Studie mindestens einmal pro Monat für ihr Kind in die Hausapotheke greifen. 
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    Drei von fünf Eltern sollen laut Studie mindestens einmal pro Monat für ihr Kind in die Hausapotheke greifen.

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Kinder bekommen zunehmend mehr Psychopharmaka

Der Griff zu den Pillen scheint Ärzten wie Eltern heute leichter zu fallen als früher. Nach einer Studie im Auftrag des Deutschen Apothekerverband nehmen es vor allem Eltern mit der Wahl der Mittel nicht sonderlich genau. Drei von fünf Eltern sollen laut Studie mindestens einmal pro Monat für ihr Kind in die Hausapotheke greifen. Vor allem vermeintlich harmlose Nahrungsergänzungsmittel und Vitaminpräparate bekommen gesunde Kinder von ihren Eltern "verordnet". Doch auch Kopfschmerzmittel sind hoch im Kurs. Ganze 43 Prozent der befragten Eltern verabreichen derart "harte" Mittel, ohne zuvor einen Arzt konsultiert zu haben. Doch gerade blutverdünnende Mittel wie etwa Acetylsalicylsäure (Aspirin) sind für Kinder unter 16 Jahren nur in besonderen Fällen geeignet, warnen Kinderärzte.

Unter den ärztlich verordneten Präparaten nehmen die Verschreibungen von Psychopharmaka gegen den "Zappelphilipp" (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung: ADHS), Aggressionen oder Depressionen rasant zu, wie eine Untersuchung der deutschen Techniker Krankenkasse (TK) aus dem Oktober ergab.

Zu zweifelhafter Berühmtheit gelangte Methylphenidat, bekannter unter dem Handelsnamen Ritalin. Das Mittel, das Kindern zu mehr Ruhe und Konzentration verhelfen soll, ist zwar für sie zugelassen, doch in diesem Fall wurde das Symptomspektrum für seine Verordnung zunehmend ausgedehnt, seit klar ist, dass Ritalin auch quirligen gesunden Kindern zu besseren Schulnoten verhilft. So stiegen die Verordnungen nach Angaben der deutschen TK zwischen 2006 und 2010 um 32 Prozent von 20.000 auf 29.000 versicherte Kinder zwischen sechs und 17 Jahren. Auch die Verordnungen gegen Aggressionsstörungen nahmen laut Techniker Krankenkasse um mehr als das Doppelte zu.

Schnell verordnet

Äußerst skeptisch stehen Experten den Verschreibung von Antidepressiva gegenüber. Etwa ein Fünftel der Medikamente ist nach Angaben der TK-Studie nicht für Kinder und Jugendlichen zugelassen. Kinderärzte sind angesichts solcher Ergebnisse besorgt. Die Auswertung zeigt auch, dass viele fachfremde Mediziner wie zum Beispiel Hausärzte Antidepressiva an Kinder verschreiben.

Die Grazer Kinderneurologin Barbara Plecko setzt sich bereits seit Jahren für klare Leitlinien für den Einsatz von Psychopharmaka und andere Medikamente. Und sie fordert Langzeitbeobachtung. Dem kann der Vorsitzende der Kommission für Arzneimittelsicherheit im Kindesalter der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin, Hansjörg Seyberth, nur zustimmen. "Die Spätfolgen und Langzeitwirkungen von Psychopharmaka bei Kindern sind bisher nur wenig erforscht", warnt er. "Niemand kann heute beurteilen, ob die Kinder Schäden haben werden, wenn sie erwachsen sind." (eg, DER STANDARD, Printausgabe, 21.11.2011)

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