Managerinnen 50+: Firmen verlieren das Potenzial

18. November 2011, 17:10
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Von Panzerdecken und Monotonie frustriert, orientieren sich bestens qualifizierte Managerinnen in ihrer Lebensmitte neu

Gundi Wentner, Partnerin von Deloitte und bekannt in ihrer Förderung und Vernetzung von Frauen in Führungspositionen, lud am Donnerstag zum Austausch in Karrierenfragen. Spezielles Thema: Managerinnen 50+, also die erste Generation von Frauen, die bestückt mit guter Ausbildung ihre Wege in die wirtschaftlichen Männerwelten gegangen sind. Diese Gruppe hat Christiane Funken, Professorin der Medien- und Kommunikationssoziologie an der TU Berlin im Auftrag des Frauennetzwerks EWMD aktuell zum Forschungsgegenstand in Österreich, Deutschland und der Schweiz gemacht. Das erschreckende Ergebnis: Diese Frauen, die es "geschafft" haben, treten mit 40, 45 Jahren in eine "krisenhafte Reflexionsphase" mit der Frage: Was will ich in meiner zweiten Lebenshälfte tun? Die Antwort ist ziemlich einhellig: Für Können, Wissen, Erfahrung, Leistung und Einsatz gibt es nicht (oder nicht mehr weiterführend) entsprechenden Reward.

Der Beruf, der für alle Befragten an erster Stelle im Lebensentwurf stand, ist zur Stagnation geworden, zu lähmender, zu psychisch und physisch ermüdender Routine. Weiterer Aufstieg in der Organisation ist blockiert, von den tatsächlichen Zentren der Entscheidung und der Macht werden diese Frauen ferngehalten, sollen sich mit Führungskarrieren am Rande begnügen. Funken: "Das Fazit, das von den Frauen gezogen wird, lautet: No Return on Investment."

Auch wenn das Fazit gleich ist, die Reaktionsmuster sind unterschiedlich. Die Kämpferinnen machen weiter - auch wenn sie (narzisstische) Kränkungen permanent wahrnehmen, sie versuchen es weiter. Die Resignierenden machen auch weiter, allerdings mit innerer Kündigung - sie reduzieren den Einsatz und mischen die Karten am Rande neu. Die Aussteigerinnen gehen - entweder in kleinere Unternehmen oder in Non-Profit-Organisationen, in den Sozialbereich - sie können es sich monetär auch leisten. Die beiden letzteren Typen machen, sagt Funken nach ihren Tiefeninterviews, "60 Prozent" aus. Sie wollen aktiv Neues tun, ihre Kompetenzen sinnvoll und angemessen einbringen - und agieren oft radikal.

Großer Brain-Drain

Denn, so gibt Funken zu bedenken: Die Selbstwahrnehmung von Managerinnen 50+ sei längst nicht mehr jene, dass sie nun den Einstieg in den Ausstieg aus einer aktiven Berufsrolle nehmen, im Gegenteil: Viele hätten ihre Karriere zu Beginn nicht aktiv geplant, im Laufe ihrer Tätigkeit aber festgestellt: Ich kann es, es klappt. Daher wollten sie gerade an diesem Punkt nun weiter. Plus: Im Hintergrund sind oft die Kinder aus dem Gröbsten draußen - der Spielraum will als Persönlichkeit beruflich genutzt werden. "Fatal" für Unternehmen, darauf nicht zu schauen, und keine Frage der Frauenförderung, sich dieses Themas anzunehmen, sagt die Professorin. Es handle sich um einen betriebswirtschaftlichen Fall. "Innovative Gegenentwürfe zu finden" ist das Anliegen des internationalen Führungs-Frauennetzwerkes EWMD, sagt deren Vorstandsmitglied Marion Diehr.

Zurück zur gepanzerten Decke: Dass Frauen ab einem gewissen Punkt das Weiterkommen verwehrt wird, sei nicht mit klassischen Kritikpunkten - Fluktuation, Auszeiten, reduzierte Präsenz - zu erklären, sämtliche solcher in der Forschung auch klar definierter Kriterien träfen nicht zu.

Vielmehr sei es noch immer die maskulinisierte Brille der Unternehmen, respektive der Personalabteilungen: Die Erwartung nach Produktivität werde noch immer maßgeblich von traditionellen Vorstellungen einer Frau geprägt, da sei ein "Filter" eingebaut, und das optimale Produktivitätsmodell sei ein Mann zwischen 30 und 40. Funken: "In dieser Alterskategorie haben Unternehmen auch ihren Karrieren-Zenit eingebaut - nachher geht es kaum noch weiter."

Die Arbeitsfähigkeit der Führungsfrauen 50+ werde da (zum eigenen Schaden der Organisation) überhaupt nicht integriert. Vor allem mit der Orientierung am "leistungsstarken Prototypen Mann" lägen Unternehmen total falsch: "Die Diskrepanz zur Wirklichkeit dieser Frauen könnte gar nicht größer sein."

Was die Werbewirtschaft unter dem Motto "Best Agers" längst bedient, scheint in den Personalabteilungen - trotz Klagen über Fachkräftemangel und demografischer Not - noch überhaupt nicht angekommen zu sein. (Karin Bauer, DER STANDARD, Printausgabe, 19./20.11.2011)

  • Christiane Funken (TU Berlin), Marion Diehr (EWMD), Tina Deutsch und Gundi Wentner (beide Deloitte).
    foto: standard/christian fischer

    Christiane Funken (TU Berlin), Marion Diehr (EWMD), Tina Deutsch und Gundi Wentner (beide Deloitte).

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