Politische Schweige-Unkultur

Stumme Diener des Volkes

Kommentar der anderen | 17. November 2011, 20:02
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    foto: privat

    Kampf der politischen Leseschwäche: Herbert Vytiska.

So mitteilungsfreudig manche Politiker in manchen Belangen sind, so beeindruckend sind gleichzeitig ihre Talente in der Kunst des Schweigens - Von Herbert Vytiska

Aus dem Fundus politischer Schweige-Unkultur, Beispiel 1: Bedingt (nachsichtig formuliert) durch ein Redaktionsversehen findet sich in einer Gesetzesvorlage eine Bestimmung, die bei strenger Auslegung des Gesetzes eine Unternehmenssparte in den Ruin treibt. Einer der betroffenen Unternehmer richtet daraufhin ein dramatisches Schreiben an die für das Gesetz unmittelbar Verantwortlichen, den Bundeskanzler ebenso wie die Abgeordneten im Finanzausschuss, konfrontiert sie mit dem Problem und ersucht um eine Gesetzesreparatur in letzter Minute. Von 50 angeschriebenen Parlamentariern antworten nur zwei, einer mündlich, einer schriftlich. Der Rest ist Schweigen. Das Gesetz wird beschlossen, ohne dass man auf die Einwände auch nur mit einem Wort eingeht. Offenbar hat man nicht gelesen und nicht verstanden, worum es ging, nämlich ein existentielles Problem.

Beispiel 2: Ein Publizist bekommt den Auftrag einer deutschen Uni, übrigens der einzige Österreicher unter 40 renommierten Autoren, an einer Dokumentation über "Schwarz-Grün" mitzuwirken. Er ersucht den Pressesprecher des früheren Vizekanzlers und Parteiobmanns um ein Gespräch, um ein authentisches Bild über mögliche strategische Überlegungen eines davon tangierten Spitzenpolitikers zu erhalten. Es gibt zunächst fast drei Monate keine Antwort. Bis sich ein Sekretär zu einem Alibi-Gespräch herablässt, das oberflächlich und nichtssagend bleibt.

Mehr noch, es zeigt ein Defizit auf: Während sich anderswo kluge Köpfe laufend Gedanken über die Zukunft machen, diese eifrig publizieren, um Diskussionen zu provozieren, hat es hierzulande eine große politische Bewegung weitgehend aufgegeben, sich mit schriftlich formulierten Visionen auseinanderzusetzen, eine lesende und schreibende Partei zu sein.

Beispiel 3: Seit Jahren nimmt die Kritik an der Legistik unserer Gesetze zu. Sie sind nicht nur unüberschaubar, sondern vor allem auch unverständlich, hin und wieder sogar realitätsfremd. Der Doyen der Rechtsgelehrten wird mit einem Gesetzeskonvolut (25 Novellierungen in knapp 20 Jahren) konfrontiert. Je länger er sich in den Text vertieft, umso mehr Verstöße treten zu Tage. Und zwar gegen die ursprüngliche Intention des Gesetzgebers, vor allem aber gegen verfassungsrechtliche Bestimmungen. Er nennt die Conclusio seiner Studie einen "Aufschrei gegen den bürokratischen Gesetzesstaat". Es soll es zu einem Gespräch mit der unmittelbar betroffenen Finanzministerin kommen. Ein Termin wird vom Sekretariat mit den Worten "kein Bedarf" abgeblockt. Wen soll schon das Geschreibsel interessieren?

Ein langgedienter, hochrangiger Parlamentarier, dem diese Geschichten so en passant erzählt werden, nickt beifällig. Auch wenn er in einem Ministerbüro anruft, erhält er oft tagelang keinen Rückruf. Früher als es nur mechanische Schreibmaschinen gab, wurde an Fragesteller schnell ein Routinebrief in die Tasten gehämmert: "Wir danken für Ihr Schreiben vom .....". Man nannte das auch Zwischenerledigung. Heute redet man sich darauf aus, dass es soviele Anfragen, E-Mails gibt, die man gar nicht alle beantworten kann. Da steckt nicht nur ein organisatorischer Wurm drinnen. Man kann dieses Verhalten auch Leseschwäche nennen.

Der Verlust der Glaub- und Vertrauenswürdigkeit in die Politik beschäftigt Österreich seit einiger Zeit intensiv. Zu den Gründen für das negative Politik-Image zählt sicher auch, dass viele Bürger den berechtigten Eindruck haben, dass ihre Anliegen auf kein Gehör stoßen, einfach nicht gelesen werden. Auch diese Leseschwäche bedarf einer Kampfansage. (Herbert Vytiska, DER STANDARD-Printausgabe, 18.11.2011)

Autor

Herbert Vytiska war Pressesprecher des früheren ÖVP-Obmannns Alois Mock und arbeitet jetzt für den EU-Abgeordneten Othmar Karas.

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Aung San Suu Tschi
 
00
19.11.2011, 19:10
Die "Diener des Volkes" verstehen sich schon längst nicht mehr als Diener, sondern als Herrscher

Sg. Hr. Vytiska!

Sie beklagen, dass sich Menschen in öffentlichen Funktionen nicht mehr melden, wenn sie angesprochen werden. Aber wenn Sie ehrlich sind, ist das ein Wunder? Wer hat in den letzten Jahren immer & immer wieder behauptet, dass die öffentliche Sache & der Staat pfui sind? Dass man ein Trottel ist, wenn man sich polit. & sozial engagiert? Das Ergebnis dieser Verteufelung des öffentlichen Bereichs ist, dass sich nicht mehr die Besten für die öffentlichen Ämter interessieren. Die wollen halt auch nicht antworten, wenn jemand ein Anliegen hat.

Schlimmer noch ist die Pervertierung der guten Worte, also die ruhig und überzeugt vorgetragene Lüge, mitten ins Gesicht des Volkes hinein:

http://www.youtube.com/watch?v=vZIwviGfAzQ

MFG

Kleinhirn
00
18.11.2011, 18:24

Ja weils die Leute auch alle Falsch angehen.
Wenns denen eine Einladung zum Essen mit anschließenden "Unterhaltungsprogramm" schicken, Thema: "Wirtschlftliche Entwicklungsmöglichkeiten", Absender: "European Consulting and Management Group", dann bekommt man sicher ganz schnell einen Termin und Gehör.

1116er
00
18.11.2011, 17:48
@standard & vytiska

3 konkrete fälle, doch anonymisiert, keine näheren infos, keine darstellung der 'gegenseite' --> sehr informativ und objektiv.
wollt ihr an seriösem interessierte leser pflanzen??

generell zum beklagten nicht-kommunizieren von öffentlichen stellen mit dem bürger:

ich habe da zumindest in einzelfällen verständnis dafür. denn allzu viele bürger glauben, sie seien der mittelpunkt des universums, ihr anliegen mindestens so wichtig wie der ausbruch eines atomkriegs.

dass diese unmenge an suderanten-absonderungen ihren weg im papierkorb findet, wundert mich nicht wirklich. ich würde es auch so machen!
und jetzt bitte um vorschläge, wie man die handvoll an wichtigem aus all dem schrott rausfiltern könnte.

17+4
00
18.11.2011, 16:41
von Karas habe ich manchmal ein Antwort

bekommen,
allerdings habe ich dabei meist das Gefühl gehabt, nicht verstanden worden zu sein.

Irrer Wahnsinn
00
18.11.2011, 15:53
Ach den etablierten Partein

gehört einfach Feuer unterm H... gemacht - sowie im Nachbarland!http://www.zeit.de/politik/d... zenthuerde

mikromalist
 
03
18.11.2011, 15:33
Wir wissen es beinahe ALLE.

Die Tyrannei der Idiotie hat dazu geführt, dass sie sich an ihre Ämter klammern, weil sie haben ja sonst nichts. Und sie wimmeln beinahe jede Aussenbeziehung ab, weil sie könnte ja ihre Position gefährden.

Hermetisch abgeschlossen in ihrer Parallelwelt betreiben sie noch dadurch Zukunftsvorsorge, dass sie sich an den öffentlichen Trögen bedienen.

Verfassungsbrüche? Gesetzesbrüche? Beutelschneiderei?
In ihrer Welt gibt es das nicht. Das ist alles Aussenwelt. Gilt nur für uns, die Zahler dieses Irrsinns.

WernaeI Spindelmann
03
18.11.2011, 15:12
Beispiel 4:

Ein besorgter Bürger schreibt seinem Europaabgeordneten und weist auf die Problematik der EURO-Krise hin, die ohne einen Rauswurf Griechenlands aus der EURO-Zone (auch aus generalpräventiven Gründen) nicht zu lösen ist.

Er erhält aber nur ein vorgefertigtes Standard-Schreiben mit altbekannten Stehsätzen wie "Solidarität, Friedensprojekt, gemeinsam,..." zurück.

Übrigens: dieser EU-Abgeordnete heißt Othmar Karas.

17+4
00
18.11.2011, 16:41
passt genau,

so ist er,
argumentieren ist nicht die Stärke

Karinkoller
02
18.11.2011, 13:31
Vor lauter Clubzwang

interessieren sich viele Parlamentarier nicht mehr für Politik. Informiert zu sein ist eher hinderlich, weil man dann nicht mehr so leicht alles abnicken kann.
Spätestens als Schüssel Parteiobmann geworden ist, galt als oberste Maxime "Hände falten, Goschn halten", und das nicht nur bei der ÖVP.
Dabei könnte Politik so spannend sein, wenn sich endlich jemand bemühen würde, ein Konzept für die Zukunft zu erarbeiten ( http://karinkoller.wordpress.com/2011/06/0... opulismus/ ), anstatt auf jede blutende Wunde ein dünnes politisches Pflästerchen zu kleben.

cipf
 
00
18.11.2011, 12:40

Ah geh, das stimmt ja alles nicht.
Ich hab dem Ferry Maier geschrieben, was er vom 3. Präsident hält und wieso der mit den Stimmen der ÖVP das geworden ist.

Der Maier hat mir umgehend geantwortet: Er habe nicht für Graf gestimmt.

Nun frage ich mich doch, was ist besser? Nix als Antwort kriegen oder vera***** werden????

Zweitgeist
00
18.11.2011, 12:32

ja, bei solchenen verfänglichen fragen bleiben sie hartnäckig stumm, unsere diener des volkes. als wären sie tatsächlich stumme Diener.

Dr. Fu Man Chu
01
18.11.2011, 12:00
ein weiterer grund des schweigens unserer politlämmer

am gängelband der lobbyisten, großfinanzern und -konzerne sind politiker in österreich und den meisten industrienationen in der defensive, nur noch zur reaktion nicht mehr zur gestaltenden aktion fähig.

die beantwortung von fragen besorgter bürger zu aktuellen problemen ist ohne gesichts- und wählerverlust schwer möglich, ergo wird dieses heiße eisen gar nicht erst angefasst. klassischer vogelstrauß, kopf in die lauthals verkündete 'schuldenbremse' stecken!

gracilis
03
18.11.2011, 11:52
#OCCUPY the WORLD

Der Clubzwang hält ein Land in Geiselhaft, während die Polit-Marionetten "die Goschn halten und brav die Hände falten". Wozu Gesetzestexte lesen, wenn man diese als Polit- Marionetten nur abnicken kann, um danch seinem 'echten' Nebenjob nachzugehen.
Die Bürger sind er Politik lästig, daher ist Schweigen und Aussitzen angesagt.
Wie lange lassen sich die Bürger diese Politik noch gefallen?

Eco Economicus
01
18.11.2011, 11:28
Leider stimmt das

Auch innerhalb der SPÖ gibt es einige Politiker, die zwar nach außen hin immer den Menschen in den Mittelpunkt stellen, braucht man jedoch einmal deren Hilfe, stellen sie sich taub. Dürfte ein Phänomen unserer Zeit sein, sich um einzelne Menschen nicht mehr zu kümmern. Da ist dann nichts mehr zu merken von Gerechtigkeit oder von Solidarität. Da wird dem Bürger nur gezeigt, dass er nicht wichtig genug ist, um mit ihm zu sprechen. Und am Wahltag wird dann gejammert und gefragt, warum die Leute gar nicht mehr zur Wahl gehen. Wundert das - angesichts solcher Verhaltensweisen - noch irgendjemanden??

Wieviel Demokratie ist es bitte?
02
18.11.2011, 10:20
Dazu kommt noch

die supergeheime Geheim"demokratie" im Hinterzimmer.

Seit 56 Jahren etabliert.

Die neuesten Stunts: tiny Ostermayerchen bunkerte sich mit Mikl-Leitner ein, um mal kurz das Polizeiwesen von totalitär auf supertotalitär runterzudekonstruieren.

Der Skandalchronikuntersuchungsausschuß - völlig sinnlos nebenbei, weil 4 von 5 Parteien als superkorrupt und batshit insane seiend überführt sind - geht in den Fort Knox Modus und wird (teuer, teuer) dichter gemacht, als das Pentagon.

Und selbstverständlich ist jedes Alphabet, das von der Personengruppe Politiker produziert wird, vollkommen auskunftslos, einerseits, bis blank gelogen, andererseits.

Seriöse Auskunft, seriöse Politik oder gar eine seriös formatierte Republik, werden nicht geliefert.

Ja, dürfen's denn das ?
00
18.11.2011, 09:19
Wer und was sind gemeint ?

Wenn Hr. Vytiska genau sagen würde, wen und was genau er meint in seinen Beispielen und Anspielungen, würde man sich als Leser leichter tun.

ulli zeller
02
18.11.2011, 13:57

diese beispiele sind leider mittlerweile so allgemeingültig, dass es gar nicht wichtig ist, um welche personen es sich im angesprochenen fall handelt. das wahlvolk müsste generell viel mehr insistieren und sich nicht resignierend alles gefallen lassen.

sawi48
02
18.11.2011, 07:28
Das passt genau

zum Terrorparagraphen und zur neuen Überwachungsgesetzgebung:

=> nur keine Informationen hinaustragen
=>durch Negieren den Bürger auf seinen Platz verweisen
=>den Bürger an sich schön dumm/uninformiert halten

Gerhard56
05
18.11.2011, 06:13
Ich kenne dieses Verhalten vor allem aus Wien.

Aus eigener Erfahrung: Renate Brauner spricht nicht mit jedem, nur mit Personen aus den obersten Rängen. Für die Fototermine werden natürlich immer begeisterte 'freiwillige' Komparsen gefunden um genauso dümmlich grinsend wie die Brauner abgelichtet zu werden.
Der Bürgermeister ist auch nicht bereit mit Bürgern zu sprechen. Liegt vielleicht daran, daß er meist 'geistig zu hoch stehend' ist, d.h. mit div. Alkoholika aufgepeppt ist und der Informationswütige Bürger würde das Lallen aus dem Mund des ehrenwerten Herrn Bürgermeisters nicht verstehen bzw. als Affront auffassen.

Eco Economicus
00
19.11.2011, 20:22
Stimmt.....

...der Präsident des Pensionistenverbandes Österreichs und die Vizepräsidentin sind weder zu einem Gespräch bereit, noch werden Emails bzw. Schreiben, die an sie gerichtet sind, beantwortet. Gibt's vielleicht eine Art Kodex unter manchen SPÖ-PolitikerInnen, dass ihnen "normale" Bürgerinnen und Bürger zu minder sind, um mit ihnen zu kommunizieren?? Der Politik im Allgemeinen erweisen sie damit sicherlich einen ganz schlechten Dienst. Wer am hohen Ross sitzt, kann auch ganz tief fallen.......

no_milk_today
02
18.11.2011, 14:17

Der Bürgermeister ist auch nicht bereit mit Bürgern zu sprechen.

---

originaltext seiner sekretärin:
schreiben sie mir eine anfrage mit begründung, worüber sie mit ihm sprechen wollen, name und möglichkeit der erreichbarkeit, dann werden wir darüber entscheiden [sinngemäß], ob es an die betreffende ma [im sinne von, die, die darüber mehr wissen] weitergeleitett wird, oder ob es der bürgermeister selbst annimmt.

mein problem hat sich dann zwar anderweitig gelöst, aber ich war zu dem zeitpunkt kurz davor, wenns nicht anders geht, vor seinem büro zu kampieren. irgendwann muß er ja raus oder rein.

Erwin Wolfram
10
18.11.2011, 00:37
uebersetzung

komisch die unternehmen leisten seit 5 jahren nur mehr rechnungslegung und jetzt schon kommten die doyen und journalisten drauf, stimmt das bestechungsgeld nicht mehr? lasst uns unsere fachchefs bitte ihre meinung sagen warum sie nicht arbeiten koennen. wir hoeren es gerne, weil wir es erfolgreich ablehnen...

N. N.
04
18.11.2011, 00:11

Schade, dass dieser Kommentar hier kaum diskutiert wird. Aber die Abwesenheit von kritischen postings wird man wohl als Zustimmung werten dürfen. Parteiapparate haben kein Interesse an Menschen, die von einem ehrlichen Interesse an der Sache getrieben werden. Sie wollen den Typus des ignoranten Abnickers, denn nur dieser Menschenschlag ist kontrollierbar. Und unsere Parteiapparate zählen zu den ärgsten. Aber das weiß Herr Vytiska sicher selbst, er kennt ja seine Pappenheimer.

Nessus
03
18.11.2011, 00:06
Die Bürger stören einfach nur die Politik!

Aung San Suu Tschi
 
04
18.11.2011, 00:00
Die öst. Politik will nicht mehr ANTWORTen. Man will zwar abcashen, aber keine VerANTWORTung tragen. Aber warum?

Es ist nicht nur auf der rechten, es ist auch auf der linken Seite so.

Entgegen allem Geplapper, dass gerade in der Krise der aufgeklärte und aktive Staatsbürger gefragt sei, verweigern sich nicht nur die Arrivierten (die schon im Apparat sind), sondern auch viele der führenden Köpfe der neuen Polit-Initiativen.

Es ist ein eigenartiges Amalgam von narzisstischem Verhalten und Größenwahn (ICH bin der/die Größte und rede daher nicht mit "Jedem"), einer Sozialverachtung (Wer sind die überhaupt? Was will der/die von mir?), politisch-menschlicher Inkompetenz bzw. mangelnder Weitsicht + Faulheit.

Dieser Mangel betrifft aber auch die hofierten "Gross-Journalisten", die sich inzwischen für sakrosankt halten & Wirtschafts- und sogar Uni-Leute.

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