Wenn die Temperaturen sinken, platzt eine Einrichtung für ausländische Obdachlose in Wien-Neubau aus allen Nähten
Wien - Abend für Abend stehen die Mitarbeiter der "zweiten Gruft" vor einer unmenschlichen Entscheidung: Wer wird weggeschickt? Wer darf im Warmen schlafen, wer muss zurück auf die Straße? Seit die Temperaturen in der Nacht wieder unter null sinken, stehen Obdachsuchende vor der Einrichtung der Caritas in der Bernardgasse in Neubau Abend für Abend Schlange. "Die Menschen stehen vor der Tür und bibbern, trotzdem läuft alles sehr gesittet ab", sagt Michael Zikeli, Leiter des Bereichs Asyl und Integration bei der Caritas. Etwa 50 Männer und zehn Frauen finden Platz auf den Isomatten, bekommen eine warme Suppe, können sich duschen und werden beraten. "Wir stopfen alles voll, aber es ist trotzdem ein Dilemma", sagt Zikeli. Zehn bis 15 Menschen müsse er jeden Abend wegschicken.
Keine Rechtsgrundlage
Ob sie anderswo Unterkunft finden, ist ungewiss. Denn die "zweite Gruft" ist eine Einrichtung für EU-Bürger, die eigentlich keinen Anspruch auf Sozialhilfe haben. Anders als bei Österreichern oder Asylwerbern gibt es keine Rechtsgrundlage dafür, ihnen zu helfen, dementsprechend ist die Caritas-Einrichtung auch spendenfinanziert. Zikeli appelliert an die "Gesamtverantwortung", in den vergangenen Jahren habe die Stadt ihre Einrichtungen für Nichtösterreicher geöffnet. Beim Fonds Soziales Wien, der die Obdachloseneinrichtungen verwaltet, heißt es dazu, es gebe einen Konsens darüber, dass niemand in Wien erfrieren soll.
Geeinigt haben sich SP und Grüne darauf, die "Nächtigergebühr" für Obdachlose von vier auf zwei Euro zu reduzieren. Diese Höhe sei laut einer Evaluierung für die Betroffenen nachvollziehbar, sagte die grüne Sozialsprecherin Birgit Hebein, und leichter aufzubringen. Caritas-Sprecher Klaus Schwertner meint, man sei froh über "alles, was dazu beiträgt, die Angebote der Wohnungslosenhilfe so niederschwellig wie möglich zu halten". In beiden Gruft-Einrichtungen sei die Nächtigung gratis. (Andrea Heigl, DER STANDARD, Printausgabe, 18.11.2011)