Es geht zwar nicht alles glatt in Tunesien, aber doch vorwärts
Tunesien bekommt wieder einen Präsidenten: Moncef Marzouki ist zwar -
einstweilen - nur Interimspräsident. Aber das ist schon mehr als ein
kommissarischer Präsident wie Fouad Mebazaa, der das Amt nach dem Sturz
von Zine El-Abidine Ben Ali (und einem eintägigen Intermezzo von
Expremier Mohamed Ghannouchi) im Jänner übernahm.
Die Nachricht, dass sich der überlegene Sieger der Parlamentswahlen vom
23. Oktober, die islamische Ennahda-Partei, mit dem linksliberalen
"Kongress für die Republik" (CPR) auf dessen Chef Marzouki geeinigt
habe, wurde zunächst nur inoffiziell verbreitet: Denn bis dahin war auch
der Kandidat der sozialdemokratischen Partei Ettakatol, Mustafa Ben
Jaafar, im Rennen - und die Ettakatol ist ohnehin schon irritiert genug
durch eine Aussage des Ennahda-Premierskandidaten Hamadi Jabali, der von
einem islamischen "Kalifat" in Tunesien gesprochen hatte. Nun hat sich
die Ettakatol aus der Bildung einer Interimsregierung zurückgezogen.
Man sieht schon: Es geht nicht alles ganz glatt in Tunesien, aber es
geht doch vorwärts. Mit einem Präsidenten Moncek Marzouki werden sich
auch jene Tunesier und Tunesierinnen anfreunden können, die Angst vor
einer Islamisierung haben. Marzouki war einer der berühmtesten säkularen
Dissidenten Tunesiens und einer der Ersten, die im Jänner nach dem Sturz
Ben Alis zurückkehrten und die politische Bühne betraten.
Der 66-jährige Exchef der tunesischen Menschenrechtsliga, von Beruf
Arzt, ist weithin bekannt und beliebt - hat er doch 1994 die Nerven
gehabt, bei Präsidentschaftswahlen gegen Ben Ali antreten zu wollen. Im
Jahr 2001 zog er nach einer Verurteilung zu einer Haftstrafe und dem
Verbot seines eben gegründeten CPR das französische Exil vor. Dieser
errang nun bei den Wahlen zwar den zweiten Platz - aber was sind schon
die 29 Mandate im Vergleich zu den 89 der übermächtigen Ennahda im
217-Sitze-Parlament?
Dass Marzouki weiß, dass der Weg Tunesiens nicht einfach sein wird,
dokumentiert ein Gastkommentar, den er vor den Wahlen im Guardian
schrieb: Wenn Tunesien wieder in eine "Tyrannei" abgleiten sollte - was
er nicht ganz ausschließen wollte -, werde die nächste Revolution nicht
ein halbes Jahrhundert auf sich warten lassen. Die "Verteufelung" der
Ennahda, die ihn nun - je nach Zählung - zum dritten, vierten oder
fünften Präsidenten Tunesiens macht, weist er jedoch strikt zurück.
(Gudrun Harrer, DER STANDARD-Printausgabe, 18.11.2011)