Streitgespräch

"Ich bin begeistert, was Quoten bewirken"

Petra Stuiber, 17. November 2011, 18:51
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    foto: standard/regine hendrich

    Viviane Reding (li.) und Beatrix Karl über das europäische Problem der ungleichen Bezahlung von Männern und Frauen: Sozialpartner und Betriebsräte sollen "sensibilisiert" werden.

Justizministerin Karl und EU-Kommissarin Reding diskutieren über Frauenförderung, Justizpolitik und Differenzen zum Fall Golowatow

EU-Justizkommissarin Viviane Reding und Justizministerin Beatrix Karl tauschten sich in Wien über Frauenförderung, Justizpolitik in der EU und ausgeräumte Differenzen aus. Petra Stuiber stellte Fragen.

***

Standard: Frau Kommissarin, Beobachter meinen, die bestimmenden Kräfte bei der Bewältigung der Krise seien Deutschland und Frankreich gewesen. Die EU-Kommission sei zu zögerlich vorgegangen. Ist an dieser Kritik etwas dran?

Reding: Wenn Sie damit meinen, wer vor den Medien am lautesten sprach, dann haben Sie recht. Wenn Sie aber darauf achten, wer im Hintergrund die richtigen Instrumente auf den Tisch legte, dann können Sie die EU-Kommission nicht übersehen. Im September 2010 hat die Kommission alle Instrumente, die es brauchte, auf den Tisch gelegt - etwa zur Überwachung der nationalen Haushalte, ehe diese aus dem Ruder laufen. Wir wurden damals von den Mitgliedstaaten gebremst. Es wurde ein Jahr vergeudet, bis im August, am Höhepunkt der Krise, unser Vorschlag angenommen wurde. Insofern war die Krise eine Chance.

Standard: Sie engagieren sich sehr für Frauenquoten in Aufsichtsräten ein. Österreich setzt auf eine freiwillige Verpflichtung der Unternehmen. Wie beurteilen Sie das?

Reding: Ich habe das mit Frauenministerin Heinisch-Hosek besprochen. Sie setzt sich sehr dafür ein, dass staatsnahe Betriebe jährlich transparent machen müssen, wie sich ihre Personalstruktur entwickelt. Da geht Österreich in die richtige Richtung. Aber was ist das Problem? Seit Jahrzehnten mahnen wir, dass wir überall mehr Frauen brauchen. Aber es hat sich wenig getan. Das ist gesellschaftlich, sozial, aber vor allem ökonomisch ein Unding. Wir können uns nicht leisten, 60 Prozent der Frauen, die einen Uni-Abschluss haben, im Laufe der Zeit zu verlieren. Im Frühjahr lege ich dem Europaparlament eine Analyse und meine Schlussfolgerungen vor. Ich bin nicht quotenbegeistert, aber mich begeistert, was Quoten bewirken können.

Standard: Frau Ministerin, warum ist die ÖVP gegen Quoten in Aufsichtsräten? Es geht ja auch in Österreich nichts weiter.

Karl: Mir ist das Thema sehr wichtig, ich hoffe, dass uns ein Fortschritt mit der freiwilligen Verpflichtung gelingt. Die EU hat in dieser Hinsicht besondere Bedeutung. Das Gebot "gleicher Lohn für gleichwertige Arbeit" war von Anfang an in den europäischen Verträgen. Und es sind sehr viele Anstöße vom Europäischen Gerichtshof ausgegangen - etwa auch bei den Quotenregelungen, wo der EuGH sehr darauf achtet, dass die nicht zu starr sind. Ich hoffe, dass hier weiterhin Impulse kommen.

Standard: Einer der Impulse ist der Vorstoß von Frau Reding, die Einkommensunterschiede zwischen Männern und Frauen transparent zu machen. Sind Sie dafür?

Karl: In Österreich gilt ab 1. Jänner die Regelung, dass bei Job-Ausschreibungen die Höhe des Gehalts angegeben werden muss. Das ist ein erster Schritt in Richtung Transparenz und Kontrolle. Die Einkommensschere ist ein großes Problem. Dass sich Frauen häufig für sogenannte Frauenberufe entscheiden und dass es so viele Frauen in Teilzeitjobs gibt, sind zwei Gründe. Da würde ich mir kreativere Arbeitszeitmodelle wünschen. Zudem sehe ich nicht ein, dass man mit einem Teilzeitjob nicht Karriere machen kann. In anderen Ländern, etwa in den Niederlanden, geht das ja auch.

Reding: Es ist interessant, wenn man die Zahlen ansieht. Frauen werden Mütter, aber Männer anscheinend kaum Väter. Wenn ein Paar drei Kinder bekommt, ist die Beschäftigungsquote der Frau im europäischen Schnitt um 30 Prozentpunkte niedriger als die vom Mann. Man könnte fast meinen, Männer flüchten aus dem Haus.

Standard: Wie wollen Sie die Einkommensschere schließen? Der österreichische Sozialminister überlegt sogar, eigene Kollektivvertragsrunden für Frauen einzuführen.

Reding: Ich werde mich nicht in österreichische Angelegenheiten einmischen. Aber ich glaube schon, dass wir den Sozialpartnern bewusst machen müssen, welch wichtige Rolle sie in diesem Bereich spielen.

Karl: Besonders die Betriebsräte. Die haben Einsicht in alle Lohnunterlagen eines Unternehmens. Man muss sie mehr sensibilisieren, die können das Unrecht am besten aufzeigen.

Standard: Sie wollen auch das Vertrauen der EU-Bürger in das Justizsystem stärken. Nun gibt es sehr große Unterschiede zwischen europäischen Rechtssystemen. So musste etwa ein der Schmiergeldzahlungen verdächtiger Waffenlobbyist in Österreich aus der U-Haft entlassen werden, weil sich die britische Firma, für die er lobbyiert hat, in Großbritannien mit einer Ausgleichszahlung vor Strafverfolgung schützte. Denken Sie, dass so etwas das Vertrauen der Bürger in die Justiz stärkt?

Reding: Das ist eine schwierige Frage. Denn hier geht es ja um das Rechtsverständnis in den Mitgliedsstaaten. Und dies ist über die Jahrhunderte gewachsen. Das können und wollen wir nicht abschaffen. Seit dem Lissabonner Vertrag gibt es aber nun die Funktion der EU-Justizkommissarin. Davor waren Justizfragen reine nationale Zuständigkeit. Ich sehe mich primär als Brückenbauerin. Zwischen den Staaten müssen Mindestregeln eingeführt werden. Wir haben gerade eben das Recht auf Belehrung als EU-weiten Standard eingeführt. Dazu gehört aber auch, dass wir bis 2020 700.000 Rechtspraktiker ausbilden wollen, damit die über das Recht der Nachbarn und der EU Bescheid wissen. So schaffen wir gegenseitiges Vertrauen zwischen den Justizsystemen.

Karl: Abgesehen vom Strafrecht ist bei europäischer Justizpolitik zudem noch eine weitere Dimension ganz entscheidend: Unsere Lebenswege gestalten sich immer häufiger über die Grenzen von Nationalstaaten hinweg. Die große Aufgabe für uns ist, Menschen konkrete Erleichterungen für ihren zunehmend mobilen Lebensstil zu schaffen, denken Sie an Eheschließungen oder Erbschaften. Von diesen Vorteilen Europas reden wir zu wenig.

Standard: Könnte am Ende dieses Prozesses ein EU-weit geltendes Strafrecht stehen?

Reding: Nein. Wir greifen bestimmt nie in die Souveränität eines nationalen Staates ein. Meine Kompetenzen liegen im grenzüberschreitenden Bereich, etwa in der grenzüberschreitenden Drogenkriminalität. Wir haben das Problem, dass in manchen Staaten sehr liberale Regelungen gelten, die Strafverfolgung über Grenzen schwierig machen. Deshalb haben wir jetzt einen Aktionsplan gemacht. Wir legen EU-weit fest, was unter grenzüberschreitender Drogenkriminalität zu verstehen ist. Dann wird die Arbeit der Staatsanwälte und der Polizeibehörden nicht mehr an der Grenze aufhören. Ich habe eineinhalb Jahre gebraucht, um die gefährliche synthetische Droge Mephedron zu verbieten. Dabei wird jede Woche eine neue synthetische Droge erfunden. Da müssen wir schneller werden. Ich kann in diesem Zusammenhang der Ministerin nur gratulieren, wie schnell sie das vorweggenommen hat, was wir jetzt in Europa machen in Bezug auf Kinderschutz.

Standard: Was Experten sehr beklagen. Richter empfinden Mindeststrafen als Eingriff in ihre Entscheidungsfreiheit.

Karl: Es geht eben auch darum, dieses besondere Unrecht zum Ausdruck zu bringen. Dass manche befürchten, dass es deshalb weniger Anzeigen geben wird, halte ich für überzogen. Wenn einem Kind Gewalt angetan wird, wird doch hoffentlich niemand überlegen, ob angezeigt wird oder nicht. Da darf es null Toleranz geben.

Standard: Zuletzt gab es schwere Verstimmungen wegen des Falls Golowatow. Österreich ließ einen Ex-KGB-Mann und Kriegsverbrecher laufen, der in Litauen gesucht wird. Sie sagten damals zwar, Österreich habe rechtlich einwandfrei gearbeitet, aber es gebe noch die "politische Dimension". Bleiben Sie dabei: Hat Österreich hier unsensibel agiert?

Reding: Diese Affäre war ein Weckruf. Wir haben das auch im EU-Justizministerrat diskutiert, denn wir sollten ja alle lernen aus solchen grenzüberschreitenden Fällen. Wir haben zwar europäische Gesetze für solche Fälle, doch in diesem Falle - es ging um den Europäischen Haftbefehl - waren in einigen Staaten Ausnahmen vorgesehen. Diese Staaten haben ihr Wort gegeben, dass diese Ausnahmen nun abgeschafft werden und dass man das nächste Mal zum Telefon greift, bevor etwas eskaliert.

Standard: Frau Karl, greifen Sie künftig zum Telefon?

Karl: Der litauische Justizminister und ich haben eine gemeinsame Erklärung abgegeben. Wir haben uns ausgesprochen, die Sache ist ausgeräumt. (DER STANDARD Printausgabe, 18.11.2011)

ZU DEN PERSONEN

Viviane Reding (60) ist seit 2010 Vizepräsidentin der EU-Kommission, zuständig für Justiz, Grundrechte und Bürgerschaft. Die Luxemburger Christdemokratin war zur Eröffnung des European Law Institute an der Universität Wien zu Gast in Wien.

Beatrix Karl (44) studierte Rechtswissenschaften in Graz und habilitierte sich in Arbeits- und Sozialrecht. Ab 2006 war sie Nationalratsabgeordnete der ÖVP. 2010 wurde sie Wissenschaftsministerin, im April 2011 übernahm sie das Justizressort.

Kommentar posten
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)so(
00
24.3.2012, 02:03
Die Quote wirkte phänomenal

Während dessen droht das Pendel dramatisch in die Gegenrichtung auszuschlagen. Beim Zugang zu höherer Bildung, an den Unis etwa. Dort kippte dank Frauenförderung das Verhältnis zuletzt deutlich. Männliche Studenten sind dort bereits eine Minderheit - die prozentuelle Schere geht jährlich weiter auf und nähert sich der 20% Marke (40:60). Männer künftig nur mehr in Jobs mit niedriger Bildung - Taxifahrer, Bauarbeiter, Reinigungspersonal in Einkaufstempeln?

fmi
00
28.12.2011, 09:40
Gender

Der Titel ist wahr, das glaube ich ihr.
Jeder Frau kann doch entscheiden, wie sie leben will, sie muß keine Kinder bekommen.Bei den Männern sieht es anders aus was den letzten Punkt betrifft.
Das Ideal der SP sind laute Alleinerzieherinnen, wo der einziger Mann den die Kinder gesehen haben der Peter Zwegat ist.

leaksmouse
 
00
29.11.2011, 22:41
Bürgerdiskussion Frauenquote, gem. Obsorge, . . .

Inteesannte Diskussion
http://www.youtube.com/watch?v=k480YaXNETU
.

Poldi Fesch
00
26.11.2011, 01:24
supi Freunde

4 Antworten im Speicher, keine Freischaltung, LMA

alexanderletten
 
00
29.11.2011, 09:26
ev. hilft hierbei

Foren@derstandard.at

Poldi Fesch
00
29.11.2011, 12:19
so wichtig,

gerade bei diesem Thema war es nun auch wieder nicht

Chien de Pique
03
18.11.2011, 17:39

Was bewirken sie denn, außer, no na, mehr Frauen?
Wenn man Angst hat, Qualifizierte zu verlieren oder nicht zu bekommen, braucht es höhere Mindestqualifikationen oder aber besondere, höhere Anreize.
Hier besteht im Gegenteil die Gefahr, sich zweitrangige Kräfte zu sichern, weil die Qualifikation Geschlecht andere u.u. aussticht.

1116er
23
18.11.2011, 17:31
was für eine ansammlung von pantoffelhelden!

nur wer tagtäglich untergebuttert wird, kann sich derart über ein ende der benachteiligung von frauen in vielen bereichen aufregen...

Orchideenzüchter
23
19.11.2011, 20:53
Welche Benachteiligungen?

A.B. Artig1
21
26.11.2011, 13:51

Gehns doch selber in Karenz. Verlierens selber Aufstiegschancen. Kuemmerns sich selber um Haushalt und kranke und alte Angehoerige!
Dann wissen Sies.

fmi
00
28.12.2011, 09:47
wer zwingt die Frauen dazu?

Um sich ausnützen zu lassen gehören immer zwei. Sie können arbeiten und Jemanden bezahlen.

Freigeistin1
21
21.11.2011, 16:31

Dass Frauen die schreckliche Benachteiligung haben, dass sie Kinder gebären können ;-)

drKannibalFekter
 
110
18.11.2011, 12:42
Kann mir jemand hier kompetent Auskunft erteilen?

Warum dürfen Frauen die nie Kind geboren haben, nie verheiratet waren, ihr Leben lang voll im Beruf standen um fünf Jahre früher in die Pension gehen?

Warum wird Geleichbehandlung verlangt und angestrebt aber nur Männern ein Präsenzdienst abverlangt aber Frauen dadurch bevorzugt sind, dass ihnen nicht 6 Monate ihres jungen Lebens gestohlen werden?

Warum wird im Falle einer Scheidung das Sorgerecht fast ausnahmslos Frauen zugesprochen und zugleich die armen Alleinerzieherinnen beklagt?

Lectrice
21
21.11.2011, 10:30

Warum gehen nur 4 % der Männer in Karenz?

drKannibalFekter
 
01
21.11.2011, 18:17
Vielleicht weil ...

die Rahmenbedingungen erst entsprechen ausgebaut werden müssen bevor emanzipatorische Schlachtrufe ausgesendet werden. Einfach die Karenzzeit aliquotieren ist zu wenig. Da ist Frau Hei-Ho schon mehr gefordert.

A.B. Artig1
11
25.11.2011, 10:28

Eigenartigerweise liefen vor allem die " Väterrechtler gegen geplante Maßnahmen Amok.
Dabei wollen die dich so gern mehr Zeit mit dem Kind.

VoK
01
28.11.2011, 11:20

Ach wirklich? Wo und wer? Bitte um Links!

A.B. Artig1
10
30.11.2011, 07:41

Hier In jedem Forum dazu gut zu sehen. Die FPÖ, die sich in den Vereinen engagiert, sowieso.

VoK
01
30.11.2011, 11:06

Also kein Link - weil unwahr war das ja klar.
Armselig

Unschulds Vermutung
11
18.11.2011, 21:10
Auskunft - gerne

1. weil frauen in relation zu männern mehr in das system einzahlen: frauen zahlen in den meisten fällen nur für ihre eigene pension, männer für ihre eigene und die ihrer (nicht arbeitenden und pensionsbeiträge zahlenden ) ehefrauen ( zumindest war das bisher so)
2. weil sich die männer in punkto militärdienst noch nicht emanzipiert haben ( wer ist für die abschaffung der wehrpflicht und wer versucht das zu verhindern)
3. weil es leider noch immer so ist, dass viele kinder ihre väter nur vom wochenende kennen - wer geht in karenz, wer arbeitet teilzeit und betreut hauptsächlich die kinder?

grenzwertig
03
18.11.2011, 18:57
"etwas" vereinfacht geantwortet: weil seit Jahrzehnten "gepredigt" wird: Frauen sind die Opfer, Frauen werden benachteiligt, usw.

Es wurden die behaupteten "Fakten" auch viel zu selten hinterfragt. Man hat es z.B. jahrelang akzeptiert, dass z.B. beim Einkommensvergleich Äpfel mit Birnen, d.h. Vollzeitjobs mit Teilzeitsjobs verglichen wurden.

Diese "Frauen sind die Opfer" Einstellung führt auch zu "Kuriositäten" wie: bekommen Mädchen in der Schule schlechtere Noten ist das "natürlich" auf eine Benachteiligung zurückzuführen. Bekommen sie aber (wie seit einigen Jahren) die besseren Noten und scheitern aber trotzdem öfter (als Männer) beim medizinischen Eignungstest, dann passt das auch nicht.
D.h. egal wie die Fakten sind, eine "gute Feministin" stellt es immer so dar, dass die Frauen das Opfer sind ... und mit "Frau=Opfer" wurde bisher schon sehr vieles durchgesetzt.

Der lachende Mann
13
18.11.2011, 14:01

1) seit 1976 überfällig
2) seit 1976 überfällig
3) weil man Alleinerzieherinnen als Wählerinnen aufgebaut hat und die nun über Alimente und Transferleistungen versorgt werden müssen.

A.B. Artig1
10
21.11.2011, 12:52

Lächerlich, allein die Summen, die der Staat für aimenteverweigwrnde Väter zahlen muss, sprengt jeden Rahmen.

VoK
00
21.11.2011, 16:09

Ja, der 3. Punkt ist lächerlich - und mindest gleich lächerlich auch Ihre periodisch wiederkehrende Propaganda von den UH-Verweigerern für die der Staat "Milliarden" zahlen muss...

A.B. Artig1
10
25.11.2011, 10:29

Ah die gibt's gar nicht? Na dann sein wir doch erleichtert.

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