Klangsymbole der Unendlichkeit

17. November 2011, 18:14
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Mit dem vielseitigen Gitarristen und Komponisten Elliott Sharp gastiert dieser Tage einer der profiliertesten Köpfe der New Yorker Downtown-Szene in Wien und Graz

Wien - "Ich träume von einer Art progressivem Streik! Jeden Tag um 12 Uhr sollten alle Menschen für 30 Sekunden die Arbeit niederlegen. Eine Woche später dann für eine Minute. Und so weiter. Man würde deshalb niemanden so rasch kündigen - und könnte doch Aufmerksamkeit erregen, sich ein Ventil aneignen." Dass man im Gespräch mit Elliott Sharp an der Wirtschaftskrise nicht vorbeikommt, die er unter den Vorzeichen eines "neuen Feudalismus" sieht, wundert nicht. Schließlich war es einst sein politisch wacher Geist, der in ihm den Musiker erwachen ließ und den Naturwissenschafter Sharp verhinderte.

"Als ich Ende der 1960er zu studieren begann, hatte ich den Eindruck, dass alle Wissenschafter nur an Projekten arbeiteten, für die sie Geld vom Verteidigungsministerium bekamen. Und was das Verteidigungsministerium damals tat, war, in Vietnam Leute umzubringen", so Sharp über seine Konvertierung von Physik und Chemie hin zur Musik, wobei der Forscher in ihm durchaus aktiv geblieben ist. Sharps Erinnerung, als junger Bottleneck-Gitarrist "statt einer alten Weinflasche ein Reagenzglas aus meinem Chemiebaukasten zu verwenden", ist da nur die anekdotenträchtigste Referenz. Die Übertragung biologischer und mathematischer Prozesse auf Kompositionsverfahren sollte für den aus Cleveland (Ohio) stammenden Musiker zu einem Leitprinzip werden.

Als intellektueller Denker, der frei improvisierte Klangenergien mit wissenschaftlicher Methodik zu strukturieren oder - wenn man sich die Industrial-Punk-Orgien seines Carbon-Ensembles vergegenwärtigt - zu entfesseln wusste, mutierte Sharp an der Seite John Zorns in den 1980ern zu einem Protagonisten der New Yorker Downtown-Szene.

Sharp wandte seine Methoden zeitgleich auch auf anderem, in Europa weniger bekanntem OEuvre-Terrain an: dem der Kammermusik. "Ich habe eine Vorliebe für Streichquartette, seit ich am Bard College (nahe New York City; Anm.) studierte und wir dort die Quartette von Elliott Carter analysierten", so Sharp, der später an der University of Buffalo in Morton Feldman seinen prominentesten, nicht aber prägendsten Lehrer fand: "Feldman hat mich weniger im Komponieren beeinflusst als im Denken über Musik in außermusikalischen Begriffen. Er sprach die ganze Zeit über Teppiche und Webstrukturen, über Gemälde und Gedichte. Das war wichtig für mich. Feldman war darüber hinaus kein großartiger Lehrer, wir hatten harte Kämpfe auszufechten. Denn die einzigen Leute, die er akzeptierte, waren die, die seine Ästhetik imitierten."

Im Rahmen des Jeunesse-Gastspiels von Sharp sind im Porgy & Bess einige seiner Streichquartette zu vernehmen (18. 11., Koehne-Quartett). Ebendort erklingt auch erstmals In The Pelagic Zone (19. 11.), das Sharp mit dem MusikerInnen des Bigband-Kammerorchesters Studio Dan um Daniel Riegler zu Gehör bringen wird.

"Es ist eine Suite, ein Set von Stücken, die man der Reihe nach spielen kann, wie sie notiert sind. Sie sind aber auch als Quellmaterial für den Dirigenten gedacht, der den Musikern spontan verschiedene Texturen zuweist und so mit der Partitur improvisiert", so Sharp über das Stück, in dem die Tiefenschichten des Wassers zur Methapher werden: Für die "Unmöglichkeit, im kurzen menschlichen Leben zu einem Nullpunkt zu gelangen, für die zeitliche und räumliche Unendlichkeit, die uns umgibt. "  (Andreas Felber  / DER STANDARD, Printausgabe, 18.11.2011)

 

18. und 19. 11., Wien, Porgy & Bess
20. 11., Graz, Orpheum

  • Gitarrist Elliott Sharp: "Morton Feldman war kein großartiger Lehrer, wir hatten harte Kämpfe auszufechten."
    foto: jeunesse

    Gitarrist Elliott Sharp: "Morton Feldman war kein großartiger Lehrer, wir hatten harte Kämpfe auszufechten."

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