"Beim Militärtreffen sind wir nach einem Tag rausgeflogen"

Interview17. November 2011, 18:01
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In der Reportagereihe "Wild Germany" recherchiert Manuel Möglich unter gedopten Bodybuildern und auf HIV-Partys

DER STANDARD: Nach Crystal-Meth-Szene, HIV-Party und Satanismus recherchieren Sie jetzt unter Bundeswehr und Bodybuildern. Nichts Wildes mehr in Deutschland?

Möglich: Wir machen weiterhin wilde Sachen. Die Folge Körperveränderungen behandelt Menschen, die Amputationswünsche in sich tragen, weil sie das Gefühl haben, dass die Beine nicht zum Rest des Körpers gehören. Das Phänomen nennt sich BID. Aber es stimmt: Weil wir uns dem Vorwurf ausgesetzt sahen, zu boulevardesk zu sein, wollten wir mehr in scheinbar normale Situationen.

DER STANDARD: Weil sich das Verborgene im Alltäglichen verbirgt, wie der gut gemixte Drogencocktail beim Bodybuilding?

Möglich: Man sieht es mir vielleicht nicht an, aber ich finde Bodybuilding wahnsinnig faszinierend. Beim Filmen erlebten wir die übliche Ablehnung gegen uns als Medienmenschen, was wir wie meistens mit unserer sehr vernünftigen, netten Art entkräften konnten. So bekamen wir Einblicke, die man so im Fernsehen selten zu sehen bekommt. Wir waren backstage bei Vorbereitungen zu Wettbewerben und sahen, wie sich Sportler sehr ernsthaft vorbereiten und wie sie in den Bräunungskabinen stehen.

DER STANDARD: Im Breitensport werde mittlerweile mehr gedopt als bei Profis, heißt es. Stimmt das?

Möglich: Wir trafen einen jungen Mann, der kurz zuvor reanimiert wurde, weil er falsche Dopingpräparate genommen hatte. Wenn man sich heute die Möglichkeiten ansieht, dass man zum Beispiel Doping so timen kann, dass beim Wettkampf nichts mehr im Blut nachzuweisen ist, gehe ich davon aus, dass auch im ambitionierten Hobbysport einiges los ist.

DER STANDARD: Eine der unheimlichsten Sendungen war die über Partys, bei denen sich Schwule offenbar absichtlich mit HIV infizieren?

Möglich: Über Bugchasing gab es einen Artikel im Rolling Stone. Wir überlegten, ob wir das machen könnten.

DER STANDARD: Die Leute wirken generell sehr auskunftsfreudig?

Möglich: Meistens. Nur einmal gab es ein Problem, als wir einen Protagonisten filmten, ein gebürtiger Bayer, der im Privatleben die Nationale Volksarmee der DDR spielt. Wir waren mit ihm bei einem Militärtreffen in Passau und sind nach einem Tag rausgeflogen, weil sich Wehrmacht-Rollenspieler über den Volksarmee-Rollenspieler beschwert haben, weil er zur Volksverhetzung aufrufe. Das führte zu Turbulenzen, und wir mussten das Gelände verlassen. Die Leute reden, vielleicht, weil wir mit ihnen Zeit verbringen und sie nicht vorführen wollen.

DER STANDARD:  Hat Sie der Vorwurf, "Wild Germany" sei boulevardesk, überrascht?

Möglich: Eigentlich nicht. Unsere Themen passen hervorragend in die Bild -Zeitung. Ich finde das nicht schlimm, wenn Leute verurteilen, was wir machen.

DER STANDARD: Investigativer Journalismus gilt als kostenintensiv. Bietet das ZDF volle Töpfe?

Möglich: Leider nicht, es ist ZDF Neo, es ist kleiner, und wir haben ein schmales Budget zur Verfügung. Wir arbeiten mit zwei Kameras, einem Tonmann. Bei der neuen Staffel arbeiten wir mit Leuten, die die Regie übernehmen. Wir drehen pro Folge fünf Tage.

DER STANDARD: Das wildeste Gerücht über Deutschland?

Möglich: In der Pornofolge haben wir mit diversen Produzenten gesprochen, da kam das Gerücht auf, dass die Deutschen beim Pornokonsum wilder und schmutziger sind als alle anderen auf dieser Erde.

DER STANDARD: Und Österreich?

Möglich: Noch ist mir nichts bekannt. Aber dunkle Gerüchte gibt's überall. (Doris Priesching, DER STANDARD; Printausgabe, 18.11.2011)

MANUEL MÖGLICH (32) ist Musikjournalist in Berlin. "Wild Germany", von der deutschen "Vice" produziert, läuft auf ZDF Neo samstags (22.30) und im Internet auf zdf.de/ZDFmediathek.

  • Investigativer Reporter Manuel Möglich (rechts) mit Rechercheobjekt.
    foto: zdf

    Investigativer Reporter Manuel Möglich (rechts) mit Rechercheobjekt.

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