Samtpfoten und scharfes Auge

17. November 2011, 17:57
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Henri Cartier-Bresson war einer der großen Fotochronisten des 20. Jahrhunderts. Das Kunsthaus Wien zeigt, wie er Amerika, Indien und die Sowjetunion sah

Eine Retrospektive mit entscheidenden Momenten.

Wien - So sehr er als Name bekannt und Teil des Fotografen-Olymps ist, so tief manche seiner Bilder im Gedächtnis des 20. Jahrhunderts verankert sind: Eine größere Retrospektive des Werks von Henri Cartier-Bresson hat es in Österreich schon lange nicht mehr gegeben.

Nun nähert sich das Kunsthaus Wien dem französischen Fotografen immerhin in einem wesentlichen Aspekt an: Der Kompass im Auge: Amerika - Indien - Sowjetunion zeigt Arbeiten, die er auf mehreren Reisen in den drei großen Ländern gemacht hat.

Gereist ist Cartier-Bresson (1908-2004) viel in seiner aktiven, mehr als fünf Jahrzehnte umfassenden Laufbahn. Eigentlich wollte er Maler werden, interessierte sich für die Surrealisten und Kubisten - bei einem hatte er gelernt -, doch mit 24 kaufte er seine erste Leica, und von da an gab es für ihn fast nur noch den Blick durch den Sucher.

Wie er das tat und was dabei herauskam, das wurde stilbildend, Vorbild für Generationen von Fotojournalisten, und es entlockt auch heute noch, wie in der Ausstellung nachzuprüfen, nostalgische Seufzer der Anerkennung: Das war sie, die große Reportagefotografie! Kein Blitz, keine Inszenierung, keine Effekte: Nur mit einem Normalobjektiv ausgerüstet war er unauffällig auf Ausschau, um im sprichwörtlich gewordenen entscheidenden Augenblick abzudrücken. "Auf Samtpfoten gehen und ein scharfes Auge haben", so beschrieb er seine Arbeitsweise.

Chaos und Komposition

Zum rechten Zeitpunkt am rechten Ort zu sein hilft natürlich auch. Eine spannende Bildfolge zeigt, wie Cartier-Bresson Mahatma Gandhi kurz vor seiner Ermordung sah - und wie er danach die Trauer der Menge, die Aufbahrung, die Verbrennung des Unabhängigkeitsführers dokumentierte. Es überwiegen aber die sozusagen namenlosen Bilder vom Leben auf dem Subkontinent, charakterisiert von Kontrasten und Chaos. Diese chaotische Welt einzufangen und ihr gleichzeitig eine strenge Bildkomposition aufzuzwingen, war sein Ziel. Drunter tat er's nicht. Darum durften und dürfen seine Fotos nicht beschnitten werden.

Wie in Indien ging der Franzose auch auf seinen Fahrten durch die Vereinigten Staaten vor. Seine frühe bildnerische Ernte passte ebenso wenig zum Geist des US-Optimismus wie Jahrzehnte später die Arbeit Robert Franks. Zwar kamen ihm auch Berühmtheiten vors Objektiv - die in Wien gezeigten Fotos von Truman Capote oder Marilyn Monroe sind bekannt. Bezeichnender für den HCB-Stil aber ist etwa das Foto einer unbekannten Frau, die sich am Unabhängigkeitstag in ein Sternenbanner einwickelt.

Fast noch beeindruckender war, was HCB als erster prominenter Bildreporter 1955, nach dem Tod Stalins, aus der Sowjetunion mitbrachte: wiederum vor allem Eindrücke aus dem Leben abseits der offiziellen Fassaden, aus dem anderen Russland. Er sollte es noch mehrmals bereisen, und sein scharfes Auge ließ nicht nach (siehe Abbildung links).

Die Abzüge, manche fast von Postergröße, hat Kurator Andreas Hirsch von der Fondation Henri Cartier-Bresson bekommen und von Magnum, der Agentur, die HCB mitbegründet hatte. Mit mehr als 200 Fotos "haben wir die Kapazität des Kunsthauses erreicht, mehr war nicht drin". Es ist auch so beeindruckend genug, und es kommen noch Dokumentarfilme dazu, die HCB um 1970, beeinflusst vom Direct Cinema, in den USA gemacht hat. Als er sich von Foto und Film zurückzog, blieb er dem Visuellen trotzdem treu und wandte sich wieder seiner ersten Liebe zu, dem Malen und Zeichnen.

Wer noch mehr von Cartier-Bresson sehen will, hat dazu übrigens bis 13. Mai 2012 im Kunstmuseum Wolfsburg, Niedersachsen, Gelegenheit. Die dortige Ausstellung widmet sich dem Thema Geometrie des Augenblicks: Landschaften.   (Michael Freund  / DER STANDARD, Printausgabe, 18.11.2011)

Kunsthaus Wien, bis 26. 2. 2012

  • 1972, abseits der Metropolen: Besucher aus einer Kolchose feiern den heiligen Georg vor dem Kloster Alavardi in der georgischen Region Kacheti.
    foto: kunsthaus wien / henri cartier-bresson/ magnum photos

    1972, abseits der Metropolen: Besucher aus einer Kolchose feiern den heiligen Georg vor dem Kloster Alavardi in der georgischen Region Kacheti.

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