Tanke Mais um keinen Preis

21. November 2011, 06:15
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Der ARBÖ sammelt Unterschriften gegen Agrosprit E10, in Deutschland ist die Treibstoffsorte nach dem Desaster bei der Einführung ein Ladenhüter

In Deutschland war die Einführung des Biosprits E10 ein Desaster. Seit Februar dieses Jahres werden bei den Nachbarn dem Superbenzin zehn Prozent Bioethanol (Anm.: Hergestellt aus Mais, Weizen oder Zuckerrüben) beigemischt, statt fünf Prozent im normalen Benzin.

Allerdings sind die Autofahrer anfangs nicht informiert worden, ob ihr Auto den neuen Sprit auch verträgt. Deshalb tankte ihn niemand, obwohl der Preis drei Cent unter dem des normalen Kraftstoffes liegt. "Da wurde viel in Sachen Informationspolitik versäumt", sagt Christian Buric vom deutschen Autofahrerclub ADAC im Gespräch mit derStandard.at. Der Absatz liegt wohl immer noch unter den Erwartungen, ist Buric überzeugt.

Österreich will folgen

Ab Herbst 2012 sollen auch in Österreich dem Benzin zehn Prozent Ethanol beigemischt werden. Für Umweltminister Nikolaus Berlakovich (ÖVP) ist der sogenannte E-10-Benzin ein Beitrag, um den Kohlendioxid-Ausstoß zu senken. Im Rahmen des Klima- und Energiepaketes hat die EU als Ziel vorgegeben, dass bis 2020 zehn Prozent der im Verkehr eingesetzten Energie aus erneuerbaren Quellen stammen soll. "Das EU-Ziel ist mit knapp neun Prozent schon fast erreicht", betont ARBÖ-Generalsekretärin Lydia Ninz im Gespräch mit derStandard.at. Für etwas mehr als ein Prozent könne sich Österreich mehr als acht Jahre Zeit lassen. Der ARBÖ gehört zu den vehementesten Gegnern der geplanten Variation des Agrosprits. "Bei Biosprit E10 gibt es mehrere Probleme und keine Notwendigkeit es einzuführen", warnt Ninz. Wir haben diesen Irrweg ja schon gehabt und auf die zweite Generation warten wir immer noch. Außerdem seien in Österreich mehr Gebrauchtwagen im Einsatz als in Deutschland, "weil man bei uns NOVA zahlen muss und in Deutschland nicht". Rund 200.000 Fahrzeuge sind laut ARBÖ-Schätzung "unverträglich" mit E 10. Ninz will abwarten: "Es tut sich soviel in technischer Hinsicht - Stichwort Hybrid, Leichtbau - den E10 brauchen wir nicht."

Was die Autofahrervertretung auch wurmt: "Es ist unverständlich, dass Autofahrerinnen und Autofahrer an allen Ecken und Enden draufzahlen müssen, während die Landwirtschaft auf die Butterseite fällt. Würden alle Traktoren auf Biodiesel umsteigen, wäre das vorgegebene EU-Ziel von zehn Prozent schon jetzt erreicht", sagt Ninz. Laut ARBÖ würde die Beimengung des Kraftstoffzusatzes den Literpreis von Benzin um über vier Cent erhöhen. Denn das E10-Benzin verbrenne deutlich schneller. Deshalb brauche man für die gleiche Strecke mehr Treibstoff, ist man beim ARBÖ überzeugt.

Entwarnung auf technischer Seite

Die Sache mit dem Verbrauch wird in Deutschland hingegen relativiert. Er liegt laut ADAC mit 1,5 Prozent Mehrverbrauch unerheblich höher. Was passiert, wenn man ein nicht für E10 freigegebenes Auto damit befüllt, wurde ebenfalls getestet. Carsten Graf vom ADAC-Technikzentrum war mit dem Projekt betraut: "Wer E10 in einem nicht dafür geeigneten Auto nutzt, muss mit teuren Schäden rechnen, hat ein Dauertest ergeben. Im Endeffekt wird es richtig gefährlich." Beim Opel Signum mit 2,2-Liter-Benzindirekteinspritzer traten nach 27.000 Kilometern Undichtheiten an der Benzinpumpe auf. Die Folge: Brandgefahr und eine teure Reparatur. Jetzt testet Graf, was passiert, wenn einmal "versehentlich" E10 getankt wird. Die Hersteller machen dazu unterschiedliche Angaben, so der ADAC-Techniker. Während Mercedes sage, einmal macht nix, heiße es bei VW: Abschleppen, Tank entleeren. Rund zehn Prozent der Autos auf deutschen Straßen vertragen diesen Kraftstoff nicht. Wichtig sei, dass es eine Bestandsschutzsorte für diese Modelle gäbe, heißt es beim ADAC. Aus technischer Sicht sei der einzig richtige Schluss: Wer E10 laut Hersteller tanken darf, kann dies ohne Bedenken tun.

Zweifel am Nutzen für die Umwelt

Reichlich Bedenken gibt es hingegen hinsichtlich des Nutzens für die Umwelt. Durch intensivere Düngung und die mögliche Abholzung von Wäldern werde kaum Treibhausgas eingespart, heißt es auf Kritikerseite. Eine Studie der Universität für Bodenkultur hat ergeben, dass mit Ethanol nur relativ wenig Treibhausgas eingespart werden kann. Im schlimmsten Fall könne der Alkohol-Sprit sogar mehr Emissionen verursachen als Benzin, sagte Johannes Schmidt von der Universität für Bodenkultur dem ORF-Sender Ö1. "Wenn wir für die zusätzliche Produktion von Biotreibstoffen Gebiete abholzen müssen, die jetzt sehr viel Kohlenstoff speichern, wie zum Beispiel die klassischen Regenwälder in Brasilien oder Indonesien, dann haben wir sehr hohe Emissionen, die die von Benzin deutlich übersteigen können."

Selbst wenn die Rohstoffe für die Ethanol-Erzeugung nur in Österreich produziert werden, könnten die Regenwälder darunter leiden, so Schmidt. Denn dann müsse mehr Futtermittel wie etwa Soja aus Brasilien importiert werden: "Soja ist eigentlich der Hauptverantwortliche für die Entwaldung, das heißt je mehr Biotreibstoffe wir in Europa produzieren, umso weniger Futtermittel produzieren wir, umso mehr importieren wir, umso schlimmer machen wir sozusagen diesen indirekten Effekt der Abholzung."

Gegner in den Ministerien

Für Nikolaus Berlakovich sieht hingegen die Agrosprit-Zukunft eher rosig aus: "Es profitieren die Wirtschaft und Österreich insgesamt davon, wenn wir nicht Millionen ausgeben müssen, um Erdöl zu importieren und im eigenen Land Arbeitsplätze schaffen können, Green-Jobs schaffen können, dann ist das doch eine Perspektive, wo wir Ökonomie und Ökologie vereinbaren." In seinem Büro kann man vor allem das ARBÖ-Argument, man erreiche die Klimaziele auch ohne E-10, nicht nachvollziehen. "Das Klimaschutzargument zählt für uns weiterhin", sagt Sprecherin Claudia Jung-Leithner und beruft sich auf einen neue Studie des Umweltbundesamtes. "Mit E-Mobilität alleine werden wir die Klimaziele nicht erreichen."

Berlakovich muss in dieser Sache aber ohnedies erst das Einvernehmen mit dem Verkehrsministerium und dem Gesundheitsministerium herstellen. Und da dürfte noch viel Überzeugungsarbeit notwendig sein. Im BMVIT zeigt man für die Agrosprit-Variation wenig Sympathien. "Die Argumente, dass hier Lebensmittel zu Treibstoff verarbeitet werden, mögliche Preissteigerungen zu erwarten sind, sind nicht vom Tisch zu wischen", heißt es aus dem Ministerium gegenüber derStandard.at . Auch würde eine neue Studie (u.a. von OECD, Weltbank und IWF) die Empfehlung aussprechen, dass Regierungen alle Maßnahmen vermeiden bzw. zurücknehmen sollten, die in irgendeiner Form die Produktion oder den Verbrauch von Biosprit unterstützen oder gar vorschreiben würden. Auch im Gesundheitsministerium heißt es: "Essen gehört auf den Teller und nicht in den Tank." (Regina Bruckner, derStandard.at, 17.11.2011)

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    Österreich und die Agrosprit-Zukunft - noch ist die Einführung von E-10 in Österreich nicht in Stein gemeißelt. Minister Nikolaus Berlakovich will sich allerdings auf keinen Fall bremsen lassen.

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