"Mensh", "Schne", "Niemant"

Mit einem Kafka-Hoax für mehr Bildung

17. November 2011, 18:44

Auf die Bildungsproblematik machte die Gruppe "The BirdBase" mit einer vor Fehlern strotzenden Ausgabe des Romans "Das Schloss" aufmerksam und täuschte die Medien

In Franz Kafkas Roman "Das Schloss" wird eine Schule als "merkwürdig den Charakter des Provisorischen und des sehr Alten vereinigend" beschrieben. Es könnte auch die Beschreibung des österreichischen Schulsystems sein. Der Roman - 1926 postum veröffentlicht - hat in den letzten Tagen die österreichischen und deutschen Medien aus einem anderen Grund beschäftigt.

Der Verlag Gehlen und Schulz veröffentlichte "Das Schloss" als Gratis-Buch, welches von Fehlern nur so strotzte. Einige Schulen hatten das Buch zugesandt bekommen. Doch nicht nur das, angeblich wurde das Buch - so die Initiatoren - mit einer Auflage von zwei Millionen Stück veröffentlicht und von der EU mit 345.000 Euro gefördert. Es sei Teil eines "EU-weiten Projekts zur Förderung der Lust am Lesen und des Begreifens des 'Wortes' als wesentlicher Bestandteil von Kommunikation", hieß es am 25. Oktober in einer Presseaussendung des Verlags.

"Mensh" im "Schne"

So wurde in dem Buch aus dem Schnee der "Schne", aus Niemand "Niemant" und aus Mensch der "Mensh". Die Kombination aus Rechtschreibfehlern, Gratis-Buch und EU-Subvention sorgte für ein großes Medienecho. Die "Bild-Zeitung", die Kronen-Zeitung, "Die Presse" oder die FAZ berichteten über den "Skandal", auf derStandard.at fand die Aktion Eingang in eine Glosse. Die "Bild" schrieb in der ihr eigenen Sprache: "Ein Skandal - und der Verlag bombardiert die Schulen weiterhin mit den Schrott-Drucken." Die FAZ titelte: "Kafkas Hinrichtung, von der EU gefördert". Und die Kronen Zeitung urteilte: "Kafkas Schloss als Fehler-Gau". Dabei war die Kronen Zeitung der Lösung am Sonntag schon recht nahe. So zitierte sie einen "Insider": "Niemand kennt diesen Verlag. Man könnte fast glauben, es handle sich um ein Kunstprojekt."

Um so etwas Ähnliches handelt es sich auch: Die Gruppe "The BirdBase" (siehe Facebook-Seite) wollte mit ihrer Aktion auf die Bildungsprobleme in Österreich hinweisen (Siehe "Die Presse"). In einer Stellungnahme auf der Facebook-Seite der Gruppe heißt es: "Wir finden, dass Vieles nicht so ist, wie es in Österreich sein sollte. Zum Beispiel die derzeitige Bildungssituation: viele junge Leute können nicht richtig lesen und schreiben. Definitiv ein Problem."

Es gab weder EU-Subventionen noch eine Millionen-Auflage - lediglich 1000 Stück wurden an 9 Schulen versandt, wie eine Sprecherin der Aktionsgruppe, Elisabeth S., gegenüber derStandard.at bestätigt. Der Verlag war ebenso eine Erfindung wie die dazugehörige Homepage. Seit Jänner habe man an dem Projekt gearbeitet und in das Werk von Kafka rund 1850 Fehler "reinkorrigiert". "Es ist traurig wie viele Medien darüber geschrieben haben", sagt S. zu derStandard.at.

Unsere "Dienstleister"

Laut den Initiatoren seien rund 100 Leute an der Aktion beteiligt gewesen. Ziel war es, auf die Bildungsproblematik aufmerksam zu machen. "Es muss jetzt etwas getan werde und nicht in 20 Jahren. Nur reden hilft nicht", so S. gegenüber derStandard.at. Natürlich wollte man mit der Aktion auch Journalisten hinters Licht führen, denen es - so S. - in der Berichterstattung stärker um die EU-Subventionen, als um das Wesentliche, die Bildung, geht. Doch was wollte man mit der Aktion bezwecken? "Wir sind normale Bürger, die endlich wollen, dass gehandelt wird. Politiker reden nur und unternehmen nichts. Österreich muss aufmerksam werden auf die Bildung, es fehlen konkrete Handlungen", so S. Sonst habe man selbst irgendwann Kinder, die auch nicht Rechtschreiben können.

Und warum Franz Kafka? "Kafka sollte man gelesen haben. Kafka erregt selbst Aufsehen, von daher war es ein gutes Buch." Aufmerksamkeit erregen will "The BirdBase" auch in den kommenden Monaten. Bis zum 19. Jänner, wenn das Bildungsvolksbegehren voraussichtlich im Parlament behandelt werden wird, wollen sie weitere Aktionen durchführen. "Wir machen mehreren Aktionen, damit über Bildung gesprochen wird. Wir Bürger sollten den Ton vorgeben, wenn wir es nicht tun, dann werden die Politiker es auch nicht tun. Sie sind letztendlich unsere 'Dienstleister'." Die nächste Aktion ist nach Weihnachten geplant. (seb, derStandard.at, 17.11.2011)

Kulturglosse: Kafkas Widerruf

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Posting 1 bis 25 von 28
1 2
Post-vom-Poster
 
00
13.12.2011, 09:42
ROFL :-)))

Wunder Wuzzi
00
29.11.2011, 08:20
suuuper und: posthum

Hornhifi
00
12.12.2011, 17:27

posthum = postum, beides richtig. weiß auch nicht warum.

Got Your Nose!
00
20.11.2011, 15:21

in welcher schule ist heutzutage so etwas langes wie das schloss noch lektüre? bei uns haben sich die schüler (und eltern sogar!) darüber aufgeregt, dass faust I GANZ gelesen wurde.

nebenbei: ich hab das schloss gelesen, wie fast alles von kafka.

Tino1967
 
01
18.11.2011, 19:51
Und warum erscheint dieser Artikel nicht

in der Printausgabe?? Ist da etwa jemandem was peinlich??

AttenTexter
 
00
18.11.2011, 18:13

Ich zitiere aus dem den Artikel beschließenden Zitat:

"Wir machen mehreren Aktionen, damit über Bildung gesprochen wird."

Der hier eingebaute Fehler ist übrigens AUCH ganz bewusst in den Artikel eingefügt worden, um auf die Lese- und Rechtschreibschwächen der Standard-Leser hinzuweisen.

karl malten
50
18.11.2011, 13:57
ziemlich gewöhnlich

nicht einmal originell. von kunst keine spur.

D/E
20
20.11.2011, 15:58
Das dürfen'S da nicht schreiben.

Hier gilt Geschmacksdiktatur.

Ich habe die "Grubenhunde" von Arthur Schütz auch origineller gefunden, aber das nur unter uns.

goloba
00
18.11.2011, 12:42

"Sonst habe man selbst irgendwann Kinder, die auch nicht Rechtschreiben können." Ist das Ironie pur, die ich nicht verstanden habe? Weil man "rechtschreiben" hier doch klein schreiben müsste...

meresi
00
24.11.2011, 10:39
was Recht ist muss Recht bleiben...lol

erkelteter tiger
00
18.11.2011, 12:18
die zeitungen die darauf reingefallen sind,

werden keine richtigstellung liefern,
falls doch dann irgenwo versteckt

D/E
40
18.11.2011, 12:13
Was genau hätten Bild, Krone und Konsorten denn sonst machen sollen?

Aufregen ist nun einmal deren einziger Pfeil im schwächer werdenden Köcher.

Mir kommt das Projekt ziemlich pubertär vor. Gefakte Leserbriefe schreiben (wie etwa den über die "Gipfel-Halbmonde") fand ich etwas lustiger.

Im "profil" hat einmal eine gewisse Claire Zachanassian Einzug in die Lesermeinungs-Ecke gehalten. Tja.

chrilly donninger1
01
18.11.2011, 13:53
Die Krone hat vorm Standard

den Braten gerochen.
Im Standard hat sich noch gestern der Ronald Pohl echauffiert. Da hat die Krone schon ein Kunstprojekt vermutet. In der DiePresse konnte man die "wahre Geschichte" lesen.
Es ist wohl das absolute Minimum an journalistischer Sorgfalt wenn man vor Abfassung eines Artikels kurz schaut, was die Kollegen von DerPresse zum Thema schreiben.

D/E
01
18.11.2011, 19:23
Ich hatte immer den Eindruck, dass man die Abgehobenen leichter aufs Kreuz legen kann

als die eher Geerdeten.

Schon Qualtinger hat mit seinem "Kobuk"-Schmäh die gesamte Journaille aufsitzen lassen. Damals kam nur die Arbeiter-Zeitung dahinter.

Dan12
00
18.11.2011, 10:18
hahaha ...

... wuhahah - super!

Jackie Treehorn
15
18.11.2011, 09:23

Als ob der durchschnittliche Krone -bzw. BILD-Leser jemals davor etwas von Kafka gehört hätte...

Hornhifi
00
12.12.2011, 17:30

1. schreibt er leserbriefe
2. ging es ja nur um Sich-über-die -EU-aufregen

vheissu
00
19.11.2011, 11:55
Blödsinn!

Herrn Kafka kann man regelmäßig in den Leserbriefseiten der „Krone“ lesen!

Der Chronist
01
18.11.2011, 09:16

Ich bin entzückt.

Und noch dazu Kafka. Ich glaube, die Pointe haben nicht einmal die selbsternannten Wiener Intellektuellen erkannt.

Hornhifi
00
12.12.2011, 17:31

Kafka ...

Den Schmäh hab ich jetzt aber auch nicht kapiert, bin aber eh net intelektüll.

chrilly donninger1
04
18.11.2011, 09:07
Eine Demaskierung der (Qualitäts-)Medien

Die Welt der Medien ist ein eigenes geschlossenes System geworden. Wenn es einem gelingt Information "einzuschleusen" zirkuliert die von selber in dieser Welt weiter. Es wird nur mehr voneinander abgeschrieben. Recherche kostet Zeit und Geld und wurde daher wegrationalisiert. Selbst wenn es wie in diesem Fall meilenweit nach Ente riecht.
Den Vogel hat Ronald Pohl abgeschossen. Er hat sich noch gestern über das Projekt echauffiert. Der ist sogar zu faul zum Googeln.

Fritz Meyer
24
17.11.2011, 23:55
Brilliant!

Bitte öfters! :)

roman g
 
03
18.11.2011, 01:55
Apropos "…viele junge Leute können nicht richtig lesen und schreiben. Definitiv ein Problem.":

"Brillant" schreibt man ohne zweites "i". Jedesmal, wenn man hier postings bewertet, kann man dies übrigens nachlesen.

(Bin jedoch nicht der "rothakler". Finde die aktion auch gut.)

Fritz Meyer
31
18.11.2011, 01:00
Na, Rothakler...

bist mit Kafkas Werk auch überfordert?

Hornhifi
00
12.12.2011, 17:32

Wer nicht? habe Kafka bis heute nicht kapiert, obwohl ich seine Sprache liebe.

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