Die Familie Hadri lebte vier Jahre lang in Linz - Aus Österreich verwiesen, werden sie im Kosovo wie Menschen zweiter Klasse behandelt
Herr Hadri ist wütend. Er ist wütend auf Österreich, das Land, das er eigentlich so gerne hat. Der 51-jährige Mann mit grau-meliertem Haar hält die Arme verschränkt, seine Mundwinkel zeigen nach unten. Die Körpersprache signalisiert Abwehr, in seinen Augen blitzt aber auch die Neugier. Basri Hadri weigert sich Deutsch zu sprechen. Obwohl er die Fragen versteht, antwortet er nicht. Nach kurzem Zögern beginnt er albanisch zu reden und lässt seine Antworten ins Englische übersetzen.
Der Mann sitzt im Wohnzimmer des Hauses seines Bruders, in dem er mit seiner Familie lebt. Das Haus sieht von außen schäbig aus, drinnen ist es aber gemütlich. Im Wohnzimmer überdeckt ein Überwurf die abgenützten Stellen der Sitzbank. Der Laptop in der Ecke des Zimmers ist von einer Schutzhülle umgeben. Er ist der Anker der Roma-Familie ins frühere Leben in Österreich, das Leben, das sie so gerne weitergeführt hätte, und die einzige Möglichkeit, den Kontakt zu ehemaligen Helfern und Freunden aufrecht zu erhalten.
Vor eineinhalb Jahren sind die Hadris in den Kosovo in ihre Heimatstadt Gjakova zurückgekehrt. Die Stadt liegt die im Südwesten des Landes nahe der albanischen Grenze. 980 Kosovaren mussten Österreich im Jahr 2010 verlassen. 210 Personen
sind abgeschoben worden, der Rest ist freiwillig zurückgekehrt, nachdem
ihr Asylantrag negativ ausgefallen ist.
Gjakova hat 90.000 Einwohner und ist vom Krieg gezeichnet. Das Zentrum wurde wieder aufgebaut, aber je weiter man sich von der Stadtmitte entfernt, desto häufiger entdeckt man Häuser mit Einschusslöchern. Am Rande der Stadt befindet sich ein Viertel, in dem hauptsächlich Roma-Familien leben. Kinder spielen in den engen Gassen Fußball. Hier steht auch das Haus, in dem die Familie Hadri seit ihrer Rückkehr im April 2010 wohnt.
Im Krieg wurde alles zerstört
Vor seiner Flucht wurde der Familienvater im Kosovo von Nachbarn verfolgt, weil sie ihn verdächtigt hatten, Serben zu unterstützen. 2006 ist er mit seiner Frau und seinen drei Kindern nach Österreich gekommen. Die Entscheidung, seine Heimatstadt zu verlassen, ist ihm nicht leicht gefallen. Wenn man in Gjakova aufgewachsen ist, geht man nicht weg. Schon sein Großvater ist hier geboren worden.
Vor dem Krieg unterrichtete Hadri in einer Grundschule und baute nebenher einen Fachhandel für Elektrogeräte auf. Er beschäftigte drei Mitarbeiter. Den Hadris ging es gut. Im Krieg jedoch wurde alles gestohlen und zerstört. Das eigene Haus existiert heute nicht mehr.
Gute Schüler in Österreich
10.000 Euro hatte Hadri gespart. Mit diesem Geld konnte er die Flucht für die ganze Familie nach Österreich bezahlen. Die Hadris reisten mit Hilfe eines Schleppers illegal ins Land ein. Zuerst war die Familie, die um Asyl angesucht hat, im Erstaufnahmezentrum in St. Georgen untergebracht, bevor sie eine Wohnung in Linz bezogen hat. Die Kinder - heute 13, 15 und 19 Jahre alt - sind in Linz in die Schule gegangen. "Sie waren sehr gut in der Schule", sagt Hadri. "Sie haben die Sprache schnell gelernt." Hadri beginnt zu schwärmen, wenn er von Österreich spricht. Er bedankt sich bei den Lehrern, die seine Kinder unterstützt haben und bei den Ärzten und Krankenschwestern, die sich um seine Frau bemüht haben. Sie ist 2008 an Brustkrebs gestorben ist. Das Grab liegt in Österreich, am Friedhof St. Martin in Linz.
Was Hadri besonders an Österreich gefallen hat: "Gesetz ist Gesetz, alles ist klar geregelt. Man weiß, was Recht und Unrecht ist." Hadri senkt den Blick nach unten auf den Teppichboden. Auch die Gesetzeslage ist schuld daran, dass seine Familie 2010 - nachdem sie vier Jahre lang gut integriert in Österreich gelebt hat - das Land wieder verlassen musste. Österreich lehnte den Antrag der Familie Hadri auf Asyl ab, der Krieg war längst vorbei und der Kosovo zum Zeitpunkt der Flucht der Familie bereits unter der Aufsicht internationaler Organisationen.
Die Familie kehrte nach Gjakova zurück. In Linz, fast 1000 Kilometer entfernt, blieb das Grab der Mutter.
"Wir sind freiwillig gegangen", sagt Hadri. Die Flucht nach Österreich, die schwere Krankheit der Mutter und ihr Tod, das alles sei bereits sehr viel für die Kinder gewesen. Er wollte ihnen nicht zumuten, dass sie eine gewaltsame Abschiebung durch die Polizei erleben müssen.
Diskriminiert von Albanern
Heute fühlt sich die Familie Hadri wie ein Fremdkörper im eigenen Land. Die Hadris gehören der Minderheit der Roma an. "Die albanischen Leute mögen uns nicht. Für uns gibt es hier kein Leben. Niemand mag uns, niemand gibt uns Arbeit. Alle verarschen uns Roma und in der Schule wird man nicht gemocht." Die Familie lebt vom Geld des Bruders, der in Deutschland zu Hause ist und alle paar Monate eine Überweisung tätigt.
Nach seiner Rückkehr arbeitete Herr Hadri für zwei Wochen als Busfahrer bei einer Firma. Als seine Arbeitgeber erfuhren, dass er Roma ist, hat Hadri seinen Job verloren.
Die österreichischen Behörden machen beim Asylverfahren dennoch keinen Unterschied, ob die Familien, die in den Kosovo zurückkehren müssen, Angehörige der Roma oder anderer Minderheiten sind. Damit konfrontiert antwortet ein Vertreter des Innenministeriums in Wien wie ein Sprechautomat: "Bei der Überprüfung der Asylanträge wird jeder Fall einzelfallbezogen unter Zugrundlegung der rechtlichen Bestimmungen geprüft. Eine Unterscheidung nach ethnischen Zugehörigkeiten erfolgt in keinem Fall."
Mehr Budget für Integration
Doch auch der Kosovo hat Nachholbedarf, wenn es darum geht, den Heimkehrern bei der Reintegration zu helfen. Zwar hat das Land seine Bemühungen seit vergangenem Jahr verstärkt, um Familien wie den Hadris ihr neues Leben in der alten Heimat leichter zu machen - das Budget wurde von jährlich 100.000 Euro auf 3,4 Millionen Euro erhöht - aber viele Maßnahmen kommen bei den Betroffenen nicht an.
Von den aufgestockten Mitteln der Kosovo-Regierung haben die Hadris zum Beispiel noch nichts bemerkt. Immerhin haben sie eine Rückkehrhilfe in
der Höhe von 1.140 Euro vom österreichischen Bundesasylamt erhalten. Die Hadris hatten aber nicht einmal genug Geld, um die Überführung der Leiche der Mutter zu bezahlen. Der Verein Menschenrechte in Linz sammelte zwar Spendengelder, 400 Euro fehlen aber heute noch, um den Transport zu ermöglichen.
Zumindest ihre Schulzeugnisse hatten die Kinder der Familie Hadri bei der
Rückkehr dabei. Es dauerte auch nur wenige Monate bis zwei der
drei Kinder wieder eine Schule besuchen konnten. Bei anderen Familien stellt das häufig ein Problem dar: sie kommen ohne Dokumente zurück und scheitern dann daran, einen Platz in der Schule zu bekommen. Drei Viertel der rückgekehrten Romakinder im schulpflichtigen Alter besuchen keine Schule.
Das will der Kosovo aber ändern. Der Zugang zu den Schulen soll vereinfacht, Nachhilfe-Kurse angeboten werden. Dokumente wie Schulzeugnisse sollen nachträglich leichter erhältlich sein und anerkannt werden.
Abschiebungen ohne Polizeigewalt
Die UNICEF, das Kinderhilfswerk der UNO, ist der Meinung, Österreich müsse noch mehr Kooperationen mit den Behörden im Kosovo eingehen. Kinder sollen nicht während des Schuljahres rückgeführt werden und Abschiebungen sollen ohne Polizeigewalt stattfinden.
Auch auf diese Forderungen angesprochen, antwortet der Sprecher des österreichischen Innenministeriums mit leeren Phrasen: "Auf die besonderen Bedürfnisse von Kindern wird, so weit möglich, Rücksicht genommen. Kinder unter 14 Jahren dürfen nicht in Schubhaft genommen werden."
Die Familie Hadri musste während des Schuljahres heimkehren.
Der Familienvater wird im Laufe des Besuchs etwas gesprächiger. Deutsche Wörter kommen ihm aber erst über die Lippen, als sein 13-jähriger Sohn Xhihan zu Mittag aus der Schule nachhause kommt. Xhihan spricht fließend Deutsch, nahezu ohne Akzent. Er und seine 15-jährige Schwester Emine besuchen in Gjakova eine Schule. Im Gegensatz zu Gylhane, 19, die in Österreich ein Jahr vor der Matura stand, im Kosovo ihre Ausbildung aber nicht fortsetzen konnte und jetzt Hausfrau ist.
Lieblingssender RTL
"Ich gehe in die siebente Klasse, das ist so wie die dritte Haupt", erzählt der Bub, dem das österreichische Schulsystem offensichtlich noch vertrauter ist als jenes im Kosovo. Er freut sich, Deutsch sprechen zu können. Xhihan telefoniert zwar via Internet mit ehemaligen Lehrern und Schulkollegen und schaut Serien auf seinem Lieblingssender RTL. Sonst hat er aber keine Möglichkeiten, die Sprachkenntnisse weiter anzuwenden.
Im Vorzimmer des Hauses hängt ein Familienfoto der Hadris. Es wurde aufgenommen, kurz bevor die Familie 2006 nach Österreich aufgebrochen ist. Vater Basri deutet auf das eingerahmte Bild, das eine Frau mit Kopftuch zeigt. "Meine Frau hat
noch gelebt", sagt der Mann, der die Mutter seiner Kinder
vermisst. Er klopft seinem Sohn auf die Schulter: "Da war er noch kleiner. Jetzt ist er groß."
Als die Familie in Österreich angekommen ist, war Xhihan acht Jahre alt. Sein Traum ist es, wieder nach Österreich zurückzukehren. (Rosa Winkler-Hermaden, derStandard.at, 25.11.2011)
Hintergrund: Was macht der Kosovo für seine Heimkehrer?
Der Kosovo ist das einzige Balkan-Land, dessen Bewohner ein Visum brauchen, wenn sie in ein EU-Land reisen wollen. Die EU-Kommission hat dem Land allerdings ein Ende der Visa-Pflicht in Aussicht gestellt, wenn es die Maßnahmen für die Reintegration abgeschobener und heimkehrender Familien intensiviert. Daraufhin beschloss die kosovarische Regierung im Mai 2011 eine neue Strategie zur Integration Rückgeführter. Ein Reintegrationsfonds wurde mit einem Budget von jährlich 3,4 Millionen Euro ausgestattet (bisher 100.000 Euro jährlich). Es wurden neue Verordnungen und Bestimmungen erlassen, die Ministerien, Bürgermeister, zuständige Beamte vor Ort und Schuldirektoren anwiesen, wie Rückgeführte aufzunehmen und zu unterstützen sind. In den Gemeinden wurden rund 190 für Rückkehrer zuständige Beamte ausgebildet.
Auf dem Papier gibt es zwar Maßnahmen für die Rückkehrer, laut UNICEF aber noch Schwierigkeiten bei der Umsetzung.
Der Kosovo - einst eine serbische Provinz - hat die jüngste
Bevölkerung in Europa, mehr als die Hälfte der Bewohner sind jünger als
25. Das Land hat knapp zwei Millionen Einwohner und ist von der Fläche
her etwas kleiner als das Bundesland Oberösterreich. Während des
Kosovo-Krieges Ende der 1990er-Jahre und auch noch danach sind viele
Bewohner aus dem Land geflüchtet.
Im Februar 2008 rief der Kosovo seine Unabhängigkeit von Serbien
aus. 85 der 193 UN-Mitgliedsstaaten erkennen die Republik Kosovo als
unabhängig an. Das Durchschnittseinkommen lag 2010 bei rund 280 Euro pro Monat.
Dieser Artikel entstand im Rahmen eines Journalisten-Austauschprogrammes
zwischen dem Balkan
Investigative Reporting Network (BIRN) und
derStandard.at.