Breite Front gegen AHS-Zentralmatura

17. November 2011, 13:04
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Lehrbücher seien noch nicht an neue Anforderungen angepasst, eine seriöse Vorbereitung der Schüler nicht möglich - Schmied will Einführung 2013/14

Wien - Ab dem Schuljahr 2013/14 sollen alle AHS-Schüler am selben Tag dieselben schriftlichen Klausuren in Deutsch, Fremdsprachen und Mathematik schreiben. Geht es nach Lehrer-, Eltern- und Schülervertretung, muss Unterrichtsministerium Claudia Schmied (SPÖ) bei dieser Reform allerdings das Tempo drosseln. Allein in den Fremdsprachen sei der Termin einzuhalten, für Mathe und Deutsch fordern sie hingegen eine Verschiebung. Der Grund: Die Vorarbeiten seien hier noch nicht abgeschlossen und eine seriöse Vorbereitung der Schüler damit nicht möglich, kritisierten sie am Donnerstag bei einer Pressekonferenz unisono.

Jene Schüler, die derzeit die sechste Klasse AHS besuchen, sollen ihre Matura im Sommer 2014 bereits nach den neuen Regeln absolvieren. Bei den Schulpartnern umstritten ist dabei die schriftliche Prüfung, die in ganz Österreich am selben Tag stattfinden soll. Dabei sollen künftig Kompetenzen, also langfristig abrufbare Fertigkeiten in einem bestimmten Fach, anstelle von kurzfristigem Detailwissen abgeprüft werden.

Nach derzeitigem Stand entscheide allerdings die "göttliche Gnade der Lehrerzuteilung" über die Chancen eines Schülers bei der Zentralmatura, kritisierte Theodor Saverschel vom Bundesverband der Elternvertreter an den mittleren und höheren Schulen (BMHS). "Da es weder fertige Unterlagen für Schüler noch für Lehrer gibt, hängt der Erfolg auf Gedeih und Verderb vom Engagement des jeweiligen Lehrers ab."

Schüler als "Versuchskaninchen"

Bundesschulsprecherin Conny Kolmann von der VP-nahen Schülerunion sieht die Schüler als "Versuchskaninchen" missbraucht: "Das ist, als ob man sein ganzes Leben lang mit links geschrieben hat und die Matura dann auf einmal mit rechts schreiben muss." Ein Start der Mathematik-Zentralmatura 2014 gehe sich auf keinen Fall aus, denn es muss gewährleistet sein, dass die Schulbücher den neuen Anforderungen entsprechen und die Lehrer die Schüler sinnvoll vorbereiten können.

Außerdem fordern die Schulpartner Schulversuche für die Mathe- und Deutschzentralmatura. Das Ministerium plane bei Deutsch und Mathe lediglich "Feldtestungen", bei denen die Maturabeispiele von Oberstufenschülern gelöst und damit auf deren Tauglichkeit geprüft werden. Bei den Fremdsprachen habe es über Jahre Schulversuche gegeben, bei denen der Ernstfall geprobt und das Modell dann adaptiert worden sei. Ohne Schulversuche fehle aber die Möglichkeit zu Verbesserungen, kritisiert Saverschel. "Hier wird mit Gewalt versucht, einen Zeitplan einzuhalten, das ist nicht fair gegenüber Lehrern und Schülern." Für die berufsbildenden höheren Schulen ist der Start der Zentralmatura erst für das Schuljahr 2014/15 vorgesehen.

Quin: Zwei oder drei zusätzliche Jahre notwendig

Prinzipiell befürworten die Schulpartner die Zentralmatura, betonte AHS-Gewerkschafter Eckehard Quin (FCG). Allerdings brauche es mehr Zeit für die Umstellung in Deutsch und Mathe, er sprach von zwei oder drei zusätzlichen Jahren. Da es derzeit noch keine Verordnungen gebe, in denen die verlangten Kompetenzen der Schüler näher definiert sind, sei eine sinnvolle Vorbereitung der Schüler auf die Zentralmatura derzeit nicht möglich.

Laut Ministerium soll es die Verordnung bis zum nächsten Frühjahr geben. Bis dahin würden Schüler und Lehrer ohne Ziel und ohne Kompass durch den Nebel steuern "und hoffen, dass wir nicht irgendwo dagegenkleschen", so Quin. Auch in der Lehrerfortbildung zur Zentralmatura werde mangels endgültiger Vorgaben nur der jeweilige Diskussionsstand der Arbeitsgruppe des Bundesinstituts für Bildungsforschung (Bifie) gelehrt, die für das Ministerium die Aufgaben erarbeitet.

Vorerst könnten Lehrer ihre Schüler zudem rein rechtlich gar nicht auf die Zentralmatura vorbereiten, laut Quin müsste dafür erst die derzeitige Gesetzesbasis zur Leistungsbeurteilung geändert werden. So sei etwa bei der Mathe-Zentralmatura geplant, dass ein Teil der Klausur ohne Taschenrechner bewältigt werden muss. Eine solche Zweiteilung der Prüfung bei Schularbeiten wäre jedoch gesetzeswidrig.

Unterrichtsministerium verweist auf Info-Offensive

Die Forderung der Eltern-, Lehrer- und Schülervertreter ist im Unterrichtsministerium auf Unverständnis gestoßen. Der Vorwurf, dass es noch kein Unterrichtsmaterial zur optimalen Vorbereitung der Schüler auf diese neue Art der Prüfung gebe, sei unbegründet, so der Sprecher von Unterrichtsministerin Claudia Schmied (SPÖ). "Das ist alles schon da. Es hat noch nie so viel Vorbereitung gegeben wie bei dieser Maßnahme."

Es gebe für Mathematik bereits zwei Lehrbücher mit kompetenzorientierten Aufgabestellungen, zudem seien über die Homepages des Unterrichtsministeriums bzw. des Bundesinstituts für Bildungsforschung (Bifie) 120 Mathe-Beispiele für die fünfte und sechste Klasse - also die AHS-Schüler der ersten Jahrgänge, die eine Zentralmatura absolvieren - abrufbar. Zudem gebe es "monatlich Dutzende Fortbildungsveranstaltungen an den Pädagogischen Hochschulen". Und auch für das Fach Deutsch gebe es dort "irrsinnig viel Material". Kompetenzorientierte Lehrpläne habe es überhaupt schon ab 2004 gegeben.

"Auch ohne Verordnung haben die Lehrer alle Handreichungen und Informationen", reagiert man im Ministerium auf den Vorwurf von AHS-Gewerkschafter Eckehard Quin (FCG), dass es noch keine genaue gesetzliche Festlegung der verlangten Kompetenzen in den verschiedenen Fächern gebe. Die Verordnung werde außerdem noch vor Weihnachten in Begutachtung gehen und wird Anfang 2012 in Kraft treten.

Auch dass es keine Schulversuche in Deutsch und Mathematik geben wird, verteidigt man im Ministerium. "Die Feldtestungen sind jedes Mal wie eine kleine Matura, damit baut man die Schüler behutsam auf. Das ist besser, als ihnen einen Blindflug zuzumuten."(APA)

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