Ignoranz statt Antworten

Bewerbungen: Firmen ruinieren ihre Reputation

Interview | Oliver Mark, 23. November 2011, 12:08
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    Viele Bewerbungen wandern unbeantwortet in den Papierkorb.

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    Wolfgang Elšik, Professor an der Wirtschaftsuniversität.

WU-Professor Wolfgang Elšik ärgert sich über Firmen, die nicht auf Bewerbungen reagieren: "Kleine Ursache, große Wirkung"

Wolfgang Elšik, Institutsvorstand des Department of Human Resource Management an der Wirtschaftsuniversität Wien, hat die Studie "Career's Best Recruiters" wissenschaftlich begleitet. Unter die Lupe genommen wurde u.a., wie die 500 größten Arbeitgeber Österreichs auf Initiativbewerbungen reagieren. Über die Hälfte der 2.000 Bewerbungen blieb unbeantwortet. Eine Ignoranz, die Unternehmen auf den Kopf fallen kann, warnt Elšik im Interview mit derStandard.at.

derStandard.at: Laut einer vor kurzem publizierten Studie, die Österreichs 500 größte Arbeitgeber unter die Lupe nahm, gab es bei Initiativbewerbungen eine Rücklaufquote von unter 47 Prozent. Ist das ein guter Wert?

Elšik: Nein, denn eigentlich müsste es eine Rücklaufquote von hundert Prozent geben. Ich würde das unter "altmodische Höflichkeit" subsumieren, weil es da ähnliche Prozesse gibt. Natürlich wird es Unternehmen geben, die zig Initiativbewerbungen pro Tag bekommen. Das verbraucht Ressourcen. Man sollte aber zumindest einen Schimmelbrief haben, um Leuten einen Zweizeiler zurückzuschreiben. Wie etwa: "Im Moment haben wir keine passende Stelle frei. Wir erlauben uns, Sie bei Bedarf zu kontaktieren." Das kostet weitaus weniger, als einen schlechten Eindruck zu hinterlassen.

derStandard.at: Glauben Sie, dass solches Ignorieren von Bewerbungen Firmen später auf den Kopf fällt?

Elšik: Die Situation ist paradox. Auf der einen Seite gibt es die heftig geführte Diskussion über Employer Branding und den Kampf um Talente, also die steigende Bedeutung von Rekrutierung. Und auf der anderen Seite existiert diese Ignoranz. Firmen pflegen ihre Marke als Arbeitgeber oder bauen Beziehungen zu Bildungseinrichtungen auf, um an Spitzenleute zu kommen. Bei anderen Segmenten - wie etwa bei Praktikanten - werden keine Bemühungen angestellt. Selbst wenn man als Firma momentan keinen Bedarf an solchen Arbeitskräften hat, sollte man in irgendeiner Weise reagieren. Auch wenn es noch so pauschal ist.

derStandard.at: Kann sich solche Ignoranz verselbstständigen?

Elšik: Gerade in Zeiten, wo die Social Media-Instrumente in der Rekrutierung an Bedeutung gewinnen, wird die Konsequenz solchen Agierens nicht richtig abgeschätzt. Jene, die sich schlecht behandelt fühlen, können das an ziemlich viele in ziemlich kurzer Zeit kommunizieren. Der schreibt dann: "Ich war bei einem Vorstellungsgespräch eingeladen und der Recruiter sagt, die Fragen stelle ich." Das ist natürlich fatal und wenn es an Eigendynamik gewinnt - im Sinne von Informationsverteilung - kann ich das als Unternehmen in keiner Weise mehr steuern.

derStandard.at: Fehlt es am Bewusstsein?

Elšik: Wahrscheinlich ist es wirklich eine Bewusstseinsfrage, wo es um eine richtige Einschätzung geht: "Kleine Ursache, große Wirkung". Wir haben alle an Arbeitsverdichtung zu leiden und wenn irgendetwas nicht den größten Problemdruck erzeugt, fällt das von der Agenda runter. Das hat aber etwas mit Stil zu tun, weil man ja vieles automatisieren könnte.

derStandard.at: Warum versagen auch größere Unternehmen mit eigenen Personalabteilungen?

Elšik: Gerade ins Recruiting werden oft Anfänger gesteckt, die ihre Arbeit in der Personalabteilung noch kaum begonnen haben. Ein Fehler, denn zunächst sind alle, die neue Aufgaben übernehmen, leicht überfordert. Rekrutierungschancen hängen ja nicht nur davon ab, wie schön geschrieben meine Stellenanzeigen sind oder wie professionell ich ein Vorstellungsgespräch führen kann, sondern das beginnt ja schon viel früher. Dazu gehört auch, wie ich mich Leuten gegenüber verhalte, die ich nicht kenne. Viele Unternehmen laufen Gefahr, ihre Reputation zu ruinieren. Dieses Manko ist mit so wenigen Ressourcen behebbar.

derStandard.at: Was sollte als Minimum im Umgang mit Bewerbern definiert werden?

Elšik: Zumindest eine Reaktion. Wenn man die Absage begründet, ist das schon wieder mit mehr Aufwand verbunden. Das ist eine strategische Entscheidung, ob man jemanden einstellt, der den ganzen Tag nur damit beschäftigt ist, Absagen zu formulieren. Es spricht nichts dagegen, unterschiedliche Bewerbergruppen unterschiedlich zu behandeln. Man behandelt ja auch Mitarbeiter unterschiedlich.

derStandard.at: Das heißt, der eine bekommt eine standardisierte Antwort und der andere eine Begründung?

Elšik: Wenn es standardisierte Bewerbungen gibt, kann es auch standardisierte Absagen geben. Man muss ja nicht päpstlicher sein als der Papst. Aber wenn ich ein bestimmtes Segment als für mich besonders wichtig definiere, dann werde ich mich auch besonders darum bemühen. Nicht nur aktiv, sondern auch passiv. Es wird ökonomisch nicht sinnvoll sein, bei einem anderen Segment den gleichen Aufwand zu betreiben. Genauso wie es eine Umwegrentabilität gibt, wird es auch einen Umwegverlust geben, den Firmen kassieren, wenn Bewerber von ihren negativen Erfahrungen berichten. Ein deutlicher Schritt in Richtung Professionalisierung der Rekrutierung wäre, Bewerbungen in Evidenz zu halten. In Form einer Datenbank. Das kann man ja dann proaktiv verwenden.

derStandard.at: Werden Unternehmen mit Bewerbungen überschwemmt?

Elšik: Sicher wird es das Problem geben. Ich kann mir vorstellen, dass das auf Unternehmen wie Google oder bei uns die OMV zutrifft. Das kann dann natürlich schon eine relevante Kostengröße sein. Gerade solche Betriebe verfügen aber über die notwendigen Mittel, um mit solchen Situationen umgehen zu können.

derStandard.at: Diskriminierung von Bewerbern ist auch immer wieder ein Thema.

Elšik: Wir wissen, dass es Differenzierung und Diskriminierung bei der Personalbeschaffung gibt. Es gibt Versuche, diese Vorselektionsmechanismen zu eliminieren, damit Leute nicht aufgrund ihrer Bewerbungsunterlagen diskriminiert werden. Etwa im Hinblick auf Geschlecht, Alter oder ethnischem Hintergrund. Anonyme Bewerbungen sind ein Trend, der aus den USA kommt und in Deutschland in Ansätzen schon da ist. Ein Amerikaner versteht zum Beispiel nicht, dass jemand im Rahmen seiner Bewerbung ein Foto mitschickt. Da befindet man sich bereits mitten in der Diskriminierung. Bei uns ist das normal.

derStandard.at: Lässt sich auf diese Weise Chancengleichheit herstellen?

Elšik: Diskriminierung lässt sich nicht ganz verhindern. In der Regel gibt es bei qualifizierten Jobs mehrstufige Auswahlverfahren, wo dann spätestens beim persönlichen Gespräch klar wird, um wen es sich handelt. Wenn man diskriminieren will, kann man das immer tun. Allerdings ist das einen Versuch wert.

derStandard.at: Sollen öffentliche Institutionen hier eine Vorreiterrolle einnehmen und auf anonyme Bewerbungen setzen? In der Hoffnung, dass Private nachziehen.

Elšik: Das wäre eine Möglichkeit, allerdings ist es fraglich, ob sich Betriebe aus der Privatwirtschaft in ihrer Rekrutierungspraxis an öffentlichen Ämtern orientieren wollen. Man wird immer Wege finden, um Dinge zu umgehen. Es wäre aber ein Schritt in die richtige Richtung, um zumindest eine Diskriminierungsebene auszuschalten. Ob sich anonyme Bewerbungen in der Praxis durchsetzen, ist in hohem Maße kontextbezogen. Das heißt, dass der kulturelle oder arbeitsrechtliche Kontext eine große Rolle spielt. Und der ist in den USA ein anderer als jener in Deutschland oder Österreich. (om, derStandard.at, 23.11.2011)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 77
1 2 3
kiop
01

Ich frage mich bei sowas immer, ob die Firmen nicht auf die Idee kommen, dass der derart behandelte Bewerber bei einem anderen Arbeitgeber ein möglicher zukünftiger Auftraggeber sein könnte, der dann bei der Entscheidung eine ungute Erfahrung mit dem Unternehmen in Erinnerung hat.

Nr.3645
00
24.4.2012, 12:54

man denkt in österreich offensichtlich nur bis zum nächsten berg und der ist meist nicht fern...

jgdstl26
02
29.12.2011, 14:38
die Lösung - Software für suchen und verwalten von Bewerbungen

Ganz einfach: wir haben eine Software, mit der wir Mitarbeiter suchen und verwalten. Die stellt sicher, dass wir keine Bewerbungen übersehen, Antworten vergessen etc. Damit erübrigen sich diese Diskussionen, wir sind ein kleiner Betrieb (zahlen diese Software monatlich, somit auch keine finanziellen Argumente die dagegen sprechen).

centerum censeo
50
25.11.2011, 17:08
bin kein freund von unhöflichkeit...

... aber: wenn man das pech hat, daß das AMS seine langzeitarbeitslosen auf einen ausgeschriebenen job hetzt und man erhält bergeweise standardisierte AMS-Bewerbungen, dann wird´s problematisch, vor allem weil es teils sehr abenteuerlich ist, wer sich da so bewirbt. nochmal: das ist KEIN pladoyer für arroganz & unhöflichkeit.

Sabine Werner
02
29.11.2011, 08:35

was für ein letztklassige posting, sie wissen aber schon, das ab einem gewissen alter am ams lanzeitarbeitslose schon ab 3 monaten arbeitssuche gelten?

tignosa
00
das Traurige ist aber auch, dass man mit den Tips vom Ams keine Jobs bekommt

gk76
02
28.11.2011, 15:37
Na, ist es wirklich zu viel verlangt

den Eingang des Schreibens zu bestätigen soferne der Auswahlprozess etwas länger dauern sollte, oder eben eine neutral höfliche Absage wenn man für den Job gar nicht in Frage kommt - sollte auch innert 2 Wochen möglich sein, oder?

Nicht mehr, nicht weniger erwarte ich von HR.

istros
04
25.11.2011, 14:48
.

das Absurde ist ja, dass das zumeist auch die Firmen sind, die selbst erwarten, dass man den ganzen Tag zu Hause neben dem Telefonhörer auf Abruf bereitsteht.

Mir ist auch aufgefallen, dass gerade im Human Resources Bereich selbst größten Teils nur BWLer herumsitzen, die den Job nur gewählt haben, weil er grade "cool" ist.
Vielleicht könnten die Medien ja andere Berufe hochjubeln. Filialleiter bei McDonalds bspw. dann hätten die normalen Menschen endlich Ruhe von diesem Gesocks!

Herzerzog Johann
121
25.11.2011, 13:31
Wozu die Aufregung?

Unverlangte Werbezusendungen wandern in den Papierkorb.
Unverlangte Bewerbungsschreiben wandern ebenfalls in den Papierkorb.

gk76
08
25.11.2011, 15:46
Bei unfähigem HR-Personal jedenfalls...

amrum1
23
25.11.2011, 12:04
anonyme Bewerbung

so ein Schwachsinn. Spätestens wenn man zum Bewerbungsgespräch eingeladen wird sieht die Firma was Sache ist. Und wenn dann eine Absage kommt dann wird die political correct formuliert. Mittlerweile hat jede Firma den Braten gerochen was passieren kann wenn man den wahren Grund nennt. Also keiner wird aufgrund seines Alters, Geschlecht, Hautfarbe, Herkunft oder was auch immer eine Absage kriegen. Beliebt ist "sie sind überqualifiziert" oder sonstiges wischi waschi.

gk76
08
25.11.2011, 11:23
Bewerbung auf österreichisch

-5 Wochen nach der Bewerbung höflich nachgefragt wie lange der Bewerbungsprozess denn noch dauern könnte
-weitere 2 Wochen später Einladung nach Wien, Anreise natürlich auf eigene Kosten
-In Wien angekommen (5h Fahrzeit), keiner von der Fachabteilung findet Zeit am Gespräch teilzunehmen, werde erstmal mit Ausfüllen des Personalbogens beschäftigt der genau die Daten enthält die ich bereits vorab mit meinen Unterlagen geschickt habe
-Danach ein sehr nettes Gespräch mit einer noch netteren Dame von HR (30min)
- Rückfahrt (5h Fahrzeit)
- 3 Wochen nachdem ich einen anderen Job angetreten habe, werde ich informiert, dass die ausgeschriebene Stelle nun doch nicht besetzt wird, man mich aber "in Evidenz" halten möchte
- Firma auf Blacklist gesetzt

tignosa
01
ja, sowas kenne ich

Bewerbung geschickt - 2 Wochen nichts gehört - dann eine Mail, wie interessant meine Bewerbung nicht sei - Vorstellungsgespräch - Wiederhollung derBauchpinseleien (interessante, qualifizierte Bewerberin!) - Zusage, binnen einer Woche Zu- oder Absage zu bekommen - 1 Woche nichts gehört - 2. Woche Personaler weder am Telefon noch am Handy erreichbar und zufälligerweise immer grad nicht im Haus - dann zufällig doch erreicht und Absage - Firma uaf no go- List gesetzt!!!

Flip
02
25.11.2011, 16:14

Firmenname darf ruhig hier bepostet werden.

gk76
04
28.11.2011, 09:33
RLB NOE

TheTimeLord
01
10.4.2012, 16:49

Ah... da ist die in STMK nix besser.. für HR Menschen dürfte esbei dieser Institution eine interne Weiterbildung geben...

Maxengine
07
25.11.2011, 11:14
Arroganz ist eine der Kernkompetenzen von diversen Unternehmen in Österreich

in Folge dessen wundert es dann auch nicht sehr dass diese Unternehmen nur an Ausbeuten interessiert sind, egal ob menschliche Ressource oder eine materielle Ressource...egal wo - egal wie -

Also werden diese Unternehmen nicht eine Sekunde in etwas Ressourcen verschwenden aus Ihrer Sicht, welche sie nicht ausbeuten können, oder wollen.

Benehmen und Umgangsformen sind selbst in Führungsetagen mitunter in der Rubrik ferner liefen nachzuschlagen. nicht nur die "benimmlosen" BewerberInnen....

Es ist des weiteren ohnehin bereits bekannt wie "nett" Unternehmen mit Ihren Mitarbeitern (human-resource) umgehen und diese verheizen, (da genug Nachschub da)

in A sollte die Erwartungshaltung also nicht zu hoch sein....bezüglich feedback.

francis79
 
19
25.11.2011, 09:03
"Employer Branding" - Ist das die empfundene Nestwärme wenn man über den Tisch gezogen wird?

Leider ist so manche HR und Personalvermittler voll von Leuten die maximal Floskeln herunterbeten können."Wo sehen sie sich in 5 Jahren?" *lol*
Den Vogel abgeschossen hat allerdings eine Personalvermittlerin die MICH kontaktierte weil mein XING - Profil "so interessant ist".
"Wann können Sie zum Gespräch kommen".
Ein Gespräch am späteren Nachmittag war leider meinerseits notwendig und auch ihrerseits kein Problem, weil ich damals in einer kritischen Phase eines Projekts war und ich sonst keine Zeit gehabt hätte.
Nach einigen Eingangs-Frage-Anwort Floskeln kam dann die Frage
"Warum suchen Sie einen neuen Job während sie ein wichtiges Projekt zu Ende bringen sollen?" !!!WTF!!!

tignosa
01
"branding"

das ist doch ein Zeichen am A''' des Arbeitspferdes, oder?

rosebud2
04
25.11.2011, 11:20

Diese Standardfragen von Personalvermittlern gehen einem nach ein paar Gesprächen sehr auf die Nerven, vor allem weil sie so sinnlos sind, wie eine Schablone über einen gestülpt werden und so gar nicht wirklich ermittelt wird, ob ich man für den Job geeignet ist oder nicht. Ich suchte mal einen 'Teilzeitjob, weil ich nebenbei eine Ausbildung machte. Die Frage war immer: Warum wollen Sie Teilzeit arbeiten?" Wenn ich für den Job passe und ihn 100% mache, und sie suchen jemanden Teilzeit, warum interessiert sie das warum?

evolution hunter
06
25.11.2011, 10:20

Ich hab mein XING Profil mittlerweile gelöscht.90% der Anfragen da kannst vergessen, fast nur Blödsinn. Da bau ich lieber persönliche Kontakte auf.

Sepp Maier
110
25.11.2011, 06:51
Firmen ruinieren ihre Reputation

Nein, sie zeigen nur ihr wahres Gesicht.

Auf die "besten Wünsche für Ihren weiteren Lebensweg" zwischen einem halben Dutzend "leider" in drei Zeilen kann ich verzichten.

LMAA täts auch...

gk76
06
25.11.2011, 10:16
bei österreichischen Firmen müssen Sie schon froh sein

wenn Sie überhaupt eine Antwort bekommen

Post(er)
08
25.11.2011, 00:54

Ein Verbot von Stellenanzeigen von Vermittlern wäre in meinem Fall hilfreich.

Mann40
03
25.11.2011, 07:27

ja, plus....Erweiterung Ihres Posting mit: "Verbot von Vermittlern ganz generell"

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