Die Zeitlosen aus den Slums der Philippinen

Reportage14. Dezember 2011, 06:15
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Sozialarbeiterin Norma Alegre kämpft gegen Gewalt an Frauen und Kindern in ihrer illegalen Siedlung in Quezon City - Die unbezahlte Arbeit bringt sie auch in Gefahr

Quezon City – Das Geschäft von Norma Alegre besteht aus elf Glasboxen und siebenundzwanzig Plastiksäckchen, die mit Süßigkeiten gefüllt sind. Sie verkauft Zuckerl, Gummischlagen oder saure Drops durch ein Fenster ihrer Wohnung auf die Straße eines Slums von Quezon City auf den Philippinen. "Ich habe viel zu tun, aber wenig Einkommen", sagt sie. Durch die dünnen Wände der provisorischen Siedlung, in der sie wohnt, wurde die energische 46-Jährige oft Zeugin der häuslichen Gewalt gegen Frauen und Kinder. Als sie es nicht mehr ertrug, ihren Nachbarinnen nur mit tröstenden Worten beistehen zu können, begann sie ehrenamtlich als Sozialarbeiterin bei der Organisation Salvatorian Pastoral Care for Children (SPCC) zu helfen. Unterstützung kommt zum Beispiel aus Österreich: Die Dreikönigsaktion fördert das Projekt.

Manila ist zwar die Hauptstadt, aber nicht die Stadt mit den meisten Einwohnern. Den ersten Platz belegt Quezon City mit rund 2,2 Millionen Menschen. Die Grenze zwischen diesen Städten verschwimmt jedoch immer mehr und man schätzt, dass in Manila und Umgebung – genannt Metro Manila – fast 12 Millionen Menschen wohnen. Laut UNO lebt mindestens ein Drittel davon unter der Armutsgrenze.

Norma Alegre kennt die Geschichten der Frauen aus ihrem Viertel: Sie erzählt von der 14-Jährigen, die vergewaltigt wurde und deren Eltern nach einer Zahlung des Täters die Anzeige zurückgezogen haben. Nach einem Selbstmordversuch lebt die junge Frau nun in einem Heim. "Es gibt hier eine Kultur der Stille", berichtet die mutige Sozialarbeiterin, die viel jünger aussieht, als sie ist. Sie berichtet weiter von einer 17-Jährigen mit einer geistigen Beeinträchtigung, der die Ärzte die Reife einer Sechsjährigen bescheinigt haben und die ebenfalls Opfer sexueller Gewalt wurde. Wie es gesundheitlich mit der Frau weitergeht, ist offen: "Wir warten noch auf die medizinischen Ergebnisse."

"Erlaube mir keine Angst bei meiner Arbeit"

SPCC und seine Mitarbeiterinnen bieten psychologische Betreuung und juristische Beratung an. Es solle jedoch nicht darum gehen, den Betroffenen etwas aufzudrängen, sondern sie soweit zu stärken, selbst aktiv zu werden, um aus dem Kreislauf der Gewalt auszubrechen, betont Alegre. Mit ihrer Arbeit macht sie sich auch Feinde: "Ich erlaube es mir nicht, bei meiner Arbeit Angst zu haben. Ich kann nicht gerade denken, wenn ich mich fürchte."

foto: derstandard.at/julia schilly

Im Gebiet um die Pfarre St. Joseph the Defender, einer der drei Pfarren, in denen SPCC tätig ist, leben rund 120.000 Menschen, davon befinden sich 90 Prozent unter der Armutsgrenze. Zutritt für die Bewohner und die seltenen Besucher bieten massive Betonbrücken, die sich über eine donnernde zehnspurige Fahrbahn spannen. Diese Überführungen wurden erst vor einigen Jahren gebaut, davor starben regelmäßig Fußgänger bei dem Versuch die Straße zu überqueren. Die andere Grenze der Siedlung zieht ein Fluss, an dessen Ufern sich beißend stinkend der Abfall türmt. Der Gegensatz zu der luxuriösen Wolkenkratzerstadt Makati, die nur eine halbe Autostunde entfernt liegt, könnte nicht größer sein. Dort reihen sich die Standorte internationaler Unternehmen, Botschaftervillen und Boutiquen aneinander und erinnern an Manhattan.

2005 wurde die Anzahl der Straßenkinder auf den Philippinen auf zwei Millionen geschätzt. "Nur vier von zehn Kindern beenden hier die Grundschule, und nur eines geht auf die Universität", berichtet Alegre, als sie an der Volkschule vorbeigeht. Kinder unter 15 Jahren, die noch nicht mit Haft belangt werden können, werden auch für Diebstähle oder zum Drogenschmuggel missbraucht.

Kinder helfen Kindern

Hier setzt auch SPCC mit der Ausbildung von sogenannten Kinderrechtsadvokaten an. Die 12-jährige Jasmine Fernandez und der 13-jährige Jericho Villaflor beraten zum Beispiel Gleichaltrige und fungieren als Vertrauenspersonen. Sie gehen in Schulen und informieren die Kinder, welche Möglichkeiten sie haben, sich zu wehren, und welche Behörden dabei behilflich sind.

foto: derstandard.at/julia schilly

Selbstachtung im Slum

Die energische Philippinerin erzählt, dass die Bewohner der illegalen Siedlung zwar seit Jahren die Möglichkeit haben, die Wohnfläche auf Raten zu kaufen, doch das Grundstück gehört weiterhin dem Staat. Delogierung und Vertreibung sind ständige Bedrohungen. Auch Alegre zahlt mit Mühe die Raten für ihre Wohnung ab, die sie vielleicht eines Tages räumen muss. Verzögerungen können zudem teuer kommen, berichtet sie: "Wenn man das Geld nicht aufbringen kann, wird die Dauer der Zahlung auf 15 Jahre verlängert. Wenn man ein zweites Mal nicht zahlen kann, muss man ausziehen."

Je tiefer man in die Siedlung vordringt, umso dunkler wird es. Auf wenig Platz leben viele Menschen, es wird Wohnfläche auf Wohnfläche geschichtet, dazwischen hängen als Regenschutz Plastikplanen. An manchen Stellen dringt kaum noch Tageslicht in die schmalen Gassen vor. Die Bewohner geben dennoch nicht auf: Der tief in der Bevölkerung verwurzelte "amor propio", was übersetzt Selbstachtung bedeutet, gestaltet diesen Ort mit. Mit prächtigen Orchideen und kräftigen Farben trotzen die Wohnungen der grauen Umgebung. Auch auf ihr Äußeres legen die Bewohner Wert. Oft würden Touristen wohl kaum vermuten, dass die Verkäuferin in der Shopping Mall oder der Sicherheitsmann vor dem Hotel in einer dieser Slumsiedlungen lebt.

Eine Nachbarin von Alegre schildert die Schlafsituation einiger Großfamilien, die an die Bettgeher des 19. Jahrhunderts in Wien erinnert: Aus Platzmangel können nicht alle gleichzeitig schlafen. Den Kindern wird ein gewisses Schlafpensum zugestanden, dann werden sie geweckt und die Eltern erholen sich kurz, bis sie zur Arbeit müssen. Als Aufsicht und Beschäftigung der kleineren Kinder flackert aus den Fenstern das blaue Licht der Fernsehgeräte. Ein Medium, das gleichzeitig auch alles ausstrahlt, was in der Umgebung passiert: Explizite Bilder von Gewalt- und Mordopfern sind kein Tabu.

Eines der Hauptprobleme benennt Alegre daher mit Zeitmangel: Die Eltern haben mehrere schlecht bezahlte Jobs, mit denen sie die Familie irgendwie über Wasser zu halten versuchen. Die Kinder sind in der Nacht unbeaufsichtigt und streunen durch die Straße.

Mangelnder Sexualunterricht

Die 46-Jährige sitzt im kleinen Büro der Sozialarbeiterinnen und schenkt ihren Klientinnen Cola ein. Die 13-jährige Neckalyn B. wartet bereits mit ihrer Mutter. Es sind auch kleine Konflikte, um die sich Alegre kümmert, bevor daraus große Probleme werden können. Dazu gehört die Aufklärung der Jugendlichen. Der Sexualunterricht wird in der siebten Schulstufe nur kurz angeschnitten, berichtet sie. Es gibt zwar offiziell die Möglichkeit, Fragen zu stellen, doch das trauen sich nur wenige Kinder vor der Klasse. Vorsichtige Schätzungen gehen davon aus, dass sechs von zehn Schwangerschaften auf den Philippinen ungewollt sind.

Aufklärung und Information seien sowieso die wichtigsten Aufgaben: "Viele Klienten wissen nicht, an welche Stellen sie sich überhaupt wenden können, wenn sie Opfer von Gewalt werden." Ein großer Erfolg seit Beginn der Arbeit von SPCC vor knapp zehn Jahren sei, dass Missbrauchsfälle viel öfter gemeldet werden.

Kritik an Priestern und Ärzten

Die moralische Unterstützung würden die ehrenamtlichen Sozialarbeiterinnen von SPCC manchmal vermissen, meint Alegre: "Manche Ärzte und Priester schauen auf uns herab und helfen nicht." Sie kennt jedoch auch die Grenzen: "Nur weil wir zu den Frauen und Kindern sprechen, wird ihr Leid und ihr Schmerz nicht gleich verschwinden. Es braucht Zeit, um aus den Strukturen der Gewalt auszubrechen." (Julia Schilly, derStandard.at, 14. Dezember 2011)

Weitere Informationen

Dreikönigsaktion, Hilfswerk der Katholischen Jungschar

Die Sternsinger sammeln auch heuer wieder von 27. Dezember bis 8. Jänner. Das gesammelte Geld kommt in rund 500 Entwicklungsprojekten in Afrika, Asien und Lateinamerika zum Einsatz. Die Philippinen sind eines von 20 Ländern, für das Sternsingerspenden verwendet werden.

  • Norma Alegre (links) mit ihren Kolleginnen von SPCC vor ihrer Wohnung, die sie auch als Geschäft nutzt.
    foto: derstandard.at/julia schilly

    Norma Alegre (links) mit ihren Kolleginnen von SPCC vor ihrer Wohnung, die sie auch als Geschäft nutzt.

  • Das Viertel in Quezon City auf den Philippinen ist provisorisch aufgebaut - ebenso das Stromnetz.
    foto: derstandard.at/julia schilly

    Das Viertel in Quezon City auf den Philippinen ist provisorisch aufgebaut - ebenso das Stromnetz.

  • Viele Bewohner sind aus der ländlichen Armut geflüchtet und verdienen nun zum Beispiel im Dienstleistungsbereich ihr Geld.
    foto: derstandard.at/julia schilly

    Viele Bewohner sind aus der ländlichen Armut geflüchtet und verdienen nun zum Beispiel im Dienstleistungsbereich ihr Geld.

  • Eine wichtige Aufgabe der Sozialarbeiterinnen ist es, auf die Risiken einer HIV-Infizierungen hinzuweisen - auch in der Ehe.
    foto: derstandard.at/julia schilly

    Eine wichtige Aufgabe der Sozialarbeiterinnen ist es, auf die Risiken einer HIV-Infizierungen hinzuweisen - auch in der Ehe.

  • "Nur vier von zehn Kindern beenden die Grundschule, und nur eines geht auf die Universität", berichtet eine Sozialarbeiterin über die Situation in ihrer Gegend.
    foto: derstandard.at/julia schilly

    "Nur vier von zehn Kindern beenden die Grundschule, und nur eines geht auf die Universität", berichtet eine Sozialarbeiterin über die Situation in ihrer Gegend.

  • Einige Bewohner der Slums verdienen sich als Tricycle-Fahrer ihr Geld.
    foto: derstandard.at/julia schilly

    Einige Bewohner der Slums verdienen sich als Tricycle-Fahrer ihr Geld.

  • Sozialarbeiterin Norma Alegre bei der Beratungsarbeit mit der 13-jährigen Neckalyn B. und ihrer Mutter.
    foto: derstandard.at/julia schilly

    Sozialarbeiterin Norma Alegre bei der Beratungsarbeit mit der 13-jährigen Neckalyn B. und ihrer Mutter.

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