Eine neue Heimstatt für Hugo Meisls Nachlass

17. November 2011, 10:43
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Nachlass des legendären Wunderteam-Trainers wird im Austria-Museum ausgestellt - Stadt Wien hatte kein Interesse

Wien - Es wäre vermessen zu glauben, dass sich der Frankfurter Wolfgang Hafer inzwischen an die Gepflogenheiten politischer Entscheidungsfindungsprozesse in Österreich gewöhnt hat. Drei Jahre hat der Historiker vergeblich um ein Museum für seinen 1937 verstorbenen Wiener Großvater Hugo Meisl gekämpft. Jetzt soll es den Gedenkraum für eine der größten österreichischen Sportlerpersönlichkeiten doch geben. Im Museum des Fußballklubs Austria Wien. Und der Deutsche Hafer ist "erstaunt, wenn man sieht, dass man so etwas auch in nur wenigen Monaten umsetzen kann".

Wie vom STANDARD berichtet, plante Hafer seit 2008, Meisls fast im Originalzustand erhaltene Zwischenkriegswohnung im Wiener Karl-Marx-Hof in einen Gedenkraum umzuwandeln. Möbel, Fotografien, Trophäen, Bücher und Pokale: Alles erinnerte an Meisl, der als Fußballfunktionär und Trainer des Wunderteams auch internationales Ansehen genoss. Unter seiner Ägide wurde Deutschland, nur als Beispiel, 1931 mit 6:0 und 5:0 geschlagen, was heute undenkbar wäre und morgen undenkbar ist.

Prominente Fürsprecher wie Bundespräsident Heinz Fischer machten sich für das Projekt stark. "Anfang 2010 gab es mündliche Zusagen der Stadt Wien für den Erhalt der Wohnung", sagt Hafer. "Ein paar Monate später kam die schriftliche Absage." Dann trat Oliver Schreiber vom Bundesdenkmalamt auf den Plan und stufte die Wohnung samt den Art-déco-Möbeln und den Erinnerungsstücken als "bedeutend" ein. "Die Summe macht's aus", sagte Schreiber damals dem STANDARD. "Es ist bemerkenswert, dass es eine derart gut erhaltene Zwischenkriegswohnung noch gibt."

"Unbegreiflich"

Eine von der Stadt in Auftrag gegebene Expertise des Wien-Museums kam hingegen zu einem gegenteiligen Schluss. Mit der Konsequenz, dass Wiener Wohnen per 31. März 2011 die Räumung der Wohnung urgierte. "Mir ist das bis heute unbegreiflich", sagt Hafer. "Da bekommt die Stadt Wien den Nachlass Meisls kostenlos angeboten. Und sie greift nicht zu."

Wolfgang Maderthaner, der Leiter des Vereins für Geschichte der Arbeiterbewegung, erklärte sich in Absprache mit Meisls Enkel Hafer bereit, die Möbel in einem Depot zu lagern. "Ich habe das getan, was ein Historiker tun muss. Wir haben sichergestellt, dass sie nicht weggeschmissen werden."

Dass Meisls Schreibtisch, sein Klavier, der Bücherschrank oder die Glasvitrine samt Erinnerungsstücken längst vergangener erfolgreicher Fußballerzeiten doch noch gemeinsam ausgestellt werden, ist einem Zufall zu verdanken. "An einem Sonntagvormittag", erzählt Gerhard Kaltenbeck, "habe ich über die Räumung in der Zeitung gelesen. Dann hat es klick gemacht." Einen halben Tag benötigte der Kurator des Austria-Wien-Museum, um das Meisl-Projekt auf Schiene zu bringen.

Am 18. November wird der 25 Quadratmeter große Gedenkraum im Austria-Museum in der Generali-Arena eröffnet werden - zwei Tage nach Meisls 130. Geburtstag. Ab 21. November wird der Raum der Öffentlichkeit zugänglich sein. Die Umsetzung der Dauerausstellung in Wien-Favoriten kostet Kaltenbeck "ein paar tausend Euro" - so viel, wie ein Spitzenkicker bei der Austria in der Woche verdient.

"Große Chance vertan"

Meisls Enkel Hafer ist der Austria für die Initiative dankbar. "Die Alternative wäre gewesen, die Möbel zu verkaufen." Etwas kritischer sieht Maderthaner den Umgang der Stadt Wien mit dem Meisl-Nachlass und die Räumung der Zwischenkriegswohnung im Karl-Marx-Hof. "So ein historisch bedeutender Zufall wird uns so schnell nicht mehr passieren. Da ist eine große Chance vertan worden, Geschichte lebendig werden zu lassen." (David Krutzler, DER STANDARD Printausgabe, 21.10.2011)

  • Hugo Meisl mit seinen Kindern im Stadion.
    foto: hafer

    Hugo Meisl mit seinen Kindern im Stadion.

  • Wiener Wohnen ließ im Frühjahr die fast originalgetreu erhaltene Wohnung 
Meisls räumen. Im Austria-Museum sind ab 18. November 95 Prozent der Möbel und 
Pokale ausgestellt.
    foto: hafer

    Wiener Wohnen ließ im Frühjahr die fast originalgetreu erhaltene Wohnung Meisls räumen. Im Austria-Museum sind ab 18. November 95 Prozent der Möbel und Pokale ausgestellt.

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