Mathematik des Grauens?

Kommentar der anderen

Warum die notorische Klage, dass die mangelnden Rechenkünste unserer Jugend unzeitgemäßen Unterrichtsmethoden geschuldet seien, seriösen Forschungsergebnissen nicht standhält - Von Karl-Heinz Haas

Entgegen anderslautenden Befunden gelingt es unseren Schulen bereits seit Jahrzehnten einen zeitgemäßen Mathematik-Unterricht zu gestalten. Ein Blick auf eine klassische Rechenaufgabe im Wandel der Zeit bestätigt diesen Eindruck.

1950: Ein Bauer verkauft einen Sack Kartoffeln um 150 Schilling. Die Erzeugungskosten betragen 120 Schilling. Wie hoch ist der Gewinn?

1960: Ein Bauer verkauft einen Sack Kartoffeln um 150 Schilling. Die Erzeugungskosten betragen 4/5 des Erlöses. Wie hoch ist der Gewinn des Bauern? (Rechenschieber nicht erlaubt).

1970: Ein Agrarökonom verkauft eine Menge Solanum tuberosum (K) für eine Menge Geld (G). G hat die Mächtigkeit 150. Für die Elemente k aus K gilt: Die Menge der Erzeugungskosten (E) ist um 30 Elemente weniger mächtig als die Menge G. Zeichnen Sie ein Bild der Menge E als Teilmenge von G und geben Sie die Lösungsmenge X für folgende Frage an: Wie mächtig ist die Gewinnmenge?

1980: Ein Bauer verkauft einen Sack Kartoffeln zum Preis von 150 ATS. Die Erzeugungskosten betragen 4/5 gleich 120 ATS. Der Gewinn beträgt 1/5 gleich 30 ATS. Unterstreiche die Zahl 30 und diskutiere mit Deinem Nachbarn darüber.

1985: Ein/e Bauer/in verkauft einen/e Sack/in Kartoffeln/innen einem/er Kunden/in für ATS 150,-. Die Erzeuger/innen Kosten betragen 4/5/innen des Erlöses. Wie hoch ist der/die Gewinn/in des/der Bauern/in? (Keine Taschenrechner/innen verwenden).

1990: Ein Bauer verkauft einen Sack Kartoffeln zum Preis von 150 ATS. Seine oder ihre Erzeugungskosten betragen 80 Prozent seiner oder ihrer Erlöse. Stellen Sie auf ihrem Rechner die Einnahmen bzw. Kosten grafisch dar. Starten Sie das POTATO Programm, um den Gewinn zu berechnen. Diskutieren Sie das Ergebnis in der Gruppe. Schreiben Sie einen kurzen Essay, der dieses Beispiel in der realen Welt der Ökonomie analysiert.

1991: Ein Landwirt verkauft einen Sack Kartoffeln für ATS 150,-. Seine Erzeugungskosten, einschließlich Steuern betragen ATS 200,-. Er vermietet daraufhin seinen Bauernhof an den Staat als Asylantenheim für ATS 500.000 pro Jahr und da er jetzt arbeitslos ist, bezieht er im Monat noch ATS 10.000 Arbeitslosengeld. Frage: Wer mistet jetzt den Stall aus?

1995: Male einen Sack Kartoffel und singe ein Lied dazu.

1996: Ein Bauer bietet auf dem Ökomarkt Biokartoffeln an. Nehme eine Kartoffel in die Hand. Wie fühlt sie sich an? Wie riecht sie? Schabe etwas Erde ab, zerreibe sie zwischen Deinen Fingern. Atme den Geruch tief ein. Schließe Deine Augen und versetze Dich in die Kartoffel. Du bist Erde. Fühle die Feuchtigkeit, die Dunkelheit ... Komme jetzt zurück, öffne die Augen.

1997: Kauf Dir beim Landhandel 6 Kartoffelsäcke und bring sie zum Sportunterricht zum Sackhüpfen mit. Entstandene Löcher werden im Textilunterricht gestopft. Greif das Thema im Gemeinschaftskundeunterricht auf und diskutiere mit deinen 15 MitschülerInnen aus anderen Kulturkreisen darüber. Waffen sind nicht erlaubt. Präsentiert das Ergebnis eures Projektes bei einem kalten Buffet mit Kartoffelsalat.

2000: Ein kapitalistisch priweligierter bauer bereichert sich an einem sack kartoffeln um 10 euros. Untersuch das tekst auf inhaltliche feler. Korrigiere die Kartoffelaufgabe und denonstrire gegen die Lösung.

2004: Ein Bauer rodet einen wunderschönen Wald, den er egoistisch und rücksichtsichtlos ausbeutet. Er kümmert sich nicht um den Lebensraum der Tiere und die Erhaltung unserer Wälder. Er tut dies, damit er einen Gewinn von € 20 machen kann. Was halten Sie von diesem Weg, seinen Lebensunterhalt zu bestreiten? Thema der Klassengemeinschaftsarbeit ist die Beantwortung der Frage: Was fühlen die Eichhörnchen und Vögel, als der Bauer ihre Häuser zerstört hat? (Es gibt keine falschen Antworten und wenn Sie Lust haben zu weinen, ist es ok).

2005: Ein agrargenetiker ferkauft ein sagg gatoffeln für 6,25 €. Die kosden bedragen 5 €. Der gewin bedregt 1,25 €. Aufgabe: margiere den term gardoffeln und maile die losung im pdf-format an classenleerer@schule.euroba.

2006: Ey - was geht hier ab? Voll krass - ey! Da verkauft ein Bauer nen Sack Kartoffeln. KONKRET für 16 Euro. Is ganz einfach - weißt du - der Anbau der Kartoffeln kostet Geld - ey - KONKRET 12 Euro. Alda - weißt du - da macht er Gewinn! KONKRET - er hat mehr Geld in der Tasche. Wie viel ist das - ganz KONKRET? Weißt du - Voll krass! Tu mich mal die Fanta...."

2011: Sorrie, es gipt keine gartoffeln meer! Nur noch pom fritt bei mc donels. Es lebe der fordschridd (Karl-Heinz Haas, DER STANDARD, Printausgabe, 17.11.2011)

Autor

Karl-Heinz Haas ist Informatiker und Betreiber eines Nachhilfeinstituts für angewandte Mathematik und EDV in Lienz.

Share if you care