Abwanderung

Vorarlberger Spitäler sind krank

16. November 2011, 18:34

Gehaltsreform soll Abwanderung der Ärzte stoppen

Bregenz - Vorarlberger Spitalsärzte verdienen weniger als anderswo, sie arbeiten dafür mehr. 72 Wochenstunden mit durchgehenden Diensten von mehr als 25 Stunden sind in den Krankenhäusern die Regel. Turnusärzte haben bereits nach acht Monaten ihr Jahressoll erreicht.

Immer mehr Spitalsärzte ziehen die Konsequenzen und gehen. Bewerbungen sind spärlich: Interessierten sich noch vor zehn Jahren 40 bis 50 Menschen für eine Arztstelle, sind es heute nach mehrmaliger Ausschreibung nur noch zwei bis sechs. Die Folgen: Patienten leiden unter langen Wartezeiten und Qualitätsverlust. Im LKH Feldkirch, dem größten Krankenhaus des Landes, fallen beispielsweise Operationen wegen Mangel an Anästhesieärzten aus.

Erste Hilfe vom Land

Am Vorabend seiner letzten Landtagssitzung als Gesundheitsreferent zog der künftige Landeshauptmann Markus Wallner (VP) die Notbremse: Um die aufgebrachte Ärzteschaft und die Opposition, die eine aktuelle Stunde zum tristen Gesundheitszustand der Vorarlberger Spitäler beantragt hatte, zu beruhigen, wurde mit Ärztevertretern ein Drei-Millionen-Paket geschnürt. Ein Drittel davon bekommen Fach-, Ober- Assistenzärzte als Zulagenerhöhung, eine weitere Million machen Überstundenabgeltung und die neue Überstundenpauschale für Turnusärzte aus, das letzte Drittel fließt in ein Karrieremodell, mit dem Wallner den Exodus der Spitalsärzte stoppen will.

Wallner werde sich seiner Verantwortung spät bewusst, kritisierte die Allgemeinmedizinerin Gabi Sprickler-Falschlunger (SP), das Vertrauen der Spitalsärzte in ihren Arbeitgeber sei verloren. Die Situation würde sich durch die Pensionierungswelle der nächsten Jahre verschärfen. Die Opposition forderte mit Nachdruck eine Gehaltsreform und bessere Arbeitsbedingungen. Wallner versprach die Reform für 2014.

Die Abwanderung will Wallner durch ein neues Karrieremodell stoppen. Ab Jänner 2012 wird es geschäftsführende Oberärzte und Bereichsleiter mit Extrazulagen geben. "Umstritten" sei die Regelung im Mittelstand, sagt Spitalsärztesprecher Burkhard Walla, weil sie neue Hierarchiestufen in eingespielte Teams bringe. Walla: "Im Mittelbau gärt es extrem. Die geplante Neuerung schafft Unruhe." Das Modell sei jedoch ein "dringender Wunsch" der Primarärzte. Wichtiger für die Spitalsärzte sei, die für 2014 versprochene Gehaltsreform wirklich durchzuziehen "und so viel wie möglich bereits 2013 umzusetzen". (Jutta Berger, DER STANDARD, Printausgabe, 17.11.2011)

Sarepta
00
17.11.2011, 22:27
Peinlich

Wann wird man in Österreich endlich begreifen, dass nicht Gehalt, zumindest nicht nur, junge Ärzte vertreibt, sondern die katastrophale Ausbildungssituation, unmenschliche Arbeitsbedingungen, eine Hierarchie wie zu K+K Zeiten, bei der man als Turnusarzt sogar unter der Pflege steht usw...Um nichts in der Welt würde ich nach meinen Erfahrungen in Schweden auch nur wieder einen Fuss in dieses kranke System setzen und es werden jährlich mehr...

Politisch unkorrekt
00
17.11.2011, 09:22
Ich verstehe nicht warum man das Geld nicht für mehr Stellen verwendet damit der einzelne Arzt auf max. 60 Wochenstunden Dienstzeit kommt?

sanjoaquin
 
00
17.11.2011, 07:39
Wo ist die Knappheit?

Wenn sich heute noch 2 - 6 Leute für eine ausgeschriebene Stelle interessieren, dann sind doch wohl immer noch die Stellen knapp und nicht die Leute? Und wenn die Leute ohnehin an der Belastungsgrenze arbeiten, dann können sie auch nicht mehr arbeiten, wenn man ihnen mehr zahlt? Dieser Artikel entbehrt einer gewissen Logik.

O5
10
17.11.2011, 05:01

Aber man will ja unbedingt Zugangsbeschränkungen fürs Medizinstudium. SSKM.

Walter Fenz
03
16.11.2011, 22:04
Das geht völlig in die Hose.

Mit Anlauf: Überstundenpauschalen (für TÄ) sind Billigabspeisung, die es so nicht mal im ebenfalls rückständigen Deutschland für Ärzte gibt.
Entweder überdurchschnittliche Überstundenvergütung oder Ärztemangel geht weiter.
Turnusärzte als unterste Sklaven sollen mit "Pauschale" abgespeist werden, der Rest bekommt "Zulagenerhöhung".

Wen Turnusärzte nach 8 Monaten Plansoll der Stunden erreichen, ist das katastrophale Personalplanung. Warum werden die Verwaltungsleiter und Primarii nicht dafür belangt mit Gehaltskürzungen ?

"Geschäftsführende Oberärzte" kopieren das deutsche Modell, das so eben auch überhaupt nicht funktioniert: Man braucht nicht mehr Leiter, sondern mehr und zufriedenes Proletariat. Das interessiert Primarii aber nicht !

Tronje
02
16.11.2011, 20:29

Solange die Ärzte bereit waren, sich ausbeuten zu lassen, war die Welt noch in Ordnung. Das wird aber befürchte ich ein böses Erwachen geben für einige Kliniken.

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