Opernwahngeschöpfe eines verdoppelten Dichters

16. November 2011, 17:32
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Uraufführung von "Gogol" im Theater an der Wien

Wien - Von der Papierform her eine vielversprechende Angelegenheit: Lera Auerbachs Gogol ist gottlob nicht angelegt als lineare Opernbiografie des seinerzeit aufklärerisch wirksamen, dann aber ins Religiös-Sektiererische abdriftenden, sein Werk verbrennenden russischen Dichters. In sieben Delirium-Szenen stehen vielmehr Teile seiner literarischen Figurenwelt neben Dichterängsten und Selbstquälereien auf der Bühne.

Der Poet selbst wurde in zwei Figuren aufgespalten. Und obwohl man hier (nach der Erkrankung von Bo Skovhus) aus der Not eine Tugend machen musste und die gut über die Opernrunden kommenden Martin Winkler und Otto Katzameier die Rolle geteilt einstudieren ließ, erwuchs aus dieser Notlösung ein respektables Porträt einer multiplen Persönlichkeit.

Einer, die von vielerlei Seltsamkeiten bedrängt wird auf dieser eher schneekühlen Bühne, die den profunden Schönberg-Chor als raumformende, sich wandelnde Bühnenskulptur beherbergt: Da krabbeln Dämonen um und auf Gogol herum. Da ist der rothaarig-teuflische Bes (markant Ladislav Elgr) als Gogols makabres Alter Ego. Und da sind Hexe Poshlust (prägnant Natalia Ushakova) und der Tod (solide Stella Grigorian) wie auch jene Damen, die sich Gogol als Bräute andienen. Und schließlich ist da ein opulent inszeniertes Gericht, das entscheiden soll, ob Gogol mit seinem Werk womöglich die Ordnung einer Gesellschaft ins Wanken gebracht hat. Auch hat Regisseurin Christine Mielitz versucht, mit ihrer bewährten handwerklichen Geschmeidigkeit den surrealen Figurenkosmos zu konturieren und zu beleben. Selbst Revueelemente und ein Akrobat fehlen nicht. Und Kostümzitate verweisen gar auf die finnische Rockcombo Leningrad Cowboys mit ihren Gondelfrisuren und -schuhen.

Zu sehen gibt es also einiges - und doch: Es entsteht insgesamt der Eindruck eines seltsamen Dahinwälzens, die "Geschichte" scheint der Musik wie ein Mühlstein um den Hals zu hängen. Und bisweilen verhält es sich umgekehrt. Kurzum: Dramaturgisch ist Gogol von bescheidener Kompaktheit, zumal die Musik nicht immer ihren Hang zur Ausführlichkeit bändigen kann.

Bleischwer, pathetisch

Dabei ist sie doch stilistisch durchaus bunt angelegt. Auerbach beherbergt in ihrer Ideenwelt die russische Romantik bishin zum gemäßigten 20. Jahrhundert. Sie ist in der stilisierten Integration von russischer Folklore bewandert wie auch in der Erweckung sakraler Momente. Und im 3. Akt leuchten tatsächlich kurze, adagiohafte Strukturen von kostbarer, klassizistischer Aura auf.

Dann jedoch kommt der Schluss, und selbiger hat es ob seiner kein Ende findenden Anhäufung von finalen Passagen exemplarisch in sich - als Kathedrale des bleischweren Pathos. Hier, statt zu einem prägnanten Höhepunkt anzusetzen, wird gewissermaßen die Schwäche des Stückes noch einmal in großzügiger Form ausgewalzt, bis das Werk mit Kindergesang wieder zu seinem Anfang zurückkehrt. Schade.

Das ORF-RSO Wien unter Dirigent Wladimir Fedoseyev lieferte indes delikate Uraufführungsarbeit, die glissandoverliebte Farbigkeit der Partitur kam gut zur Geltung. Höflicher Applaus. (Ljubiša Tošić, DER STANDARD/Printausgabe 17. November 2011)

18., 21., 24. und 26. November.

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    Die zwei Gogols: Martin Winkler, Otto Katzameier (unten).

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