Experte fordert Neuausrichtung des Deutschunterrichts

16. November 2011, 16:31

Werner Wintersteiner: Mehrsprachige Klassen sind häufig bereits die Regel, viele der heute eingeschulten Kinder haben eine andere Muttersprache

Wien - Der Deutschunterricht ist in einer zunehmend multikulturellen und mehrsprachigen Gesellschaft besonders gefordert. Die Frage, wie der Unterricht nicht nur Deutsch als Muttersprache, sondern auch als Zweitsprache vermitteln kann, stellt sich das Österreichische Kompetenzzentrum für Deutschdidaktik (AECC) in einem heute, Mittwoch, beginnenden Kongress aus Anlass seines fünfjährigen Bestehens. Werner Wintersteiner, Leiter des AECC an der Uni Klagenfurt, fordert im Gespräch mit der APA nicht nur Veränderungen der Rahmenbedingungen, sondern auch des Bewusstseins von Lehrern. 

"Bis jetzt hat man gedacht, Deutschunterricht bedeutet Unterricht in der Muttersprache der meisten Kinder, wo man ein paar Seiteneinsteiger schlucken kann", so Wintersteiner. "Inzwischen ist das - vor allem in Wien - nicht mehr der Fall." Mehrsprachige Klassen sind häufig bereits die Regel, viele der heute eingeschulten Kinder haben eine andere Muttersprache und beherrschen Deutsch je nach Aufwachsen unterschiedlich gut, so der Deutschdidaktiker. Allein in Wien haben laut Statistik Austria 42 Prozent aller Schüler eine andere Umgangssprache als Deutsch - in Volksschulen sind es sogar 52 Prozent, an Hauptschulen 63 Prozent. 

Umdenken notwendig

Für Wintersteiner ist das Umdenken der Schule eine notwendige Konsequenz dieses "vielfältigen und komplexen Phänomens". "Das bedeutet abgesehen von zusätzlichen Förderungen zum Erlernen der deutschen Sprache auch einen Unterricht von Deutsch als Zweitsprache generell." Derzeit gebe es weder Unterrichtsmaterialien noch eine geeignete Lehrerausbildung, um diese Vorstellung zu verwirklichen. Er sieht daher auch die angekündigte neue Lehrerausbildung gefordert, notwendige Kompetenzen zu vermitteln - was jedoch auch mit "einer gewissen Bewusstseinsänderung der Lehrkräfte einhergehen muss".

Künftig sollen Lehrer "nicht nur lernen, einen gewissen Stoff zu vermitteln, sondern müssen auch diagnostische Fähigkeiten entwickeln", betont Wintersteiner - also erkennen, "inwieweit Schüler in der Lage sind, den Stoff zu verinnerlichen und sich jene Kompetenzen anzueignen, die man in einer modernen Welt braucht".
Für die Schule selbst gebe es bereits einzelne Best-Practice-Modelle, etwa in Deutschland die "zweisprachige Alphabetisierung", also das gleichzeitige Erlernen des Buchstabenkanons in Deutsch sowie in einer davon abweichenden Muttersprache. Eine Übernahme dieser Maßnahme in den Regelunterricht sei jedoch schwierig, funktioniert diese immerhin nur dann optimal, "wenn es große Gruppen von Kindern einer Muttersprache gibt", so Wintersteiner. In Österreich hebt er das "System des Sprachenaustausches" hervor: "Das bedeutet, dass man in der Schule Unterricht in der eigenen Muttersprache erhält und zusätzlich Deutsch als Fremdsprachenunterricht besuchen kann" - ein Ansatz, "den man auch bei der neuen Reifeprüfung andenken sollte". 

Nach dem bis Freitag dauernden Kongress des Kompetenzzentrums, der sich unter dem Motto "Sprach(en)lernen in einer Welt der Verschiedenheiten" generell einer Neuausrichtung des Deutschunterrichts annimmt, will die Uni Wien ein "positives Zeichen zur Mehrsprachigkeit" setzen. Am Mittwoch (23. November) veranstaltet die Philologisch-Kulturwissenschaftliche Fakultät unter dem Titel "Mehrsprachigkeit leben - in Forschung und Lehre" einen Aktionstag. (APA)

Kommentar posten
23 Postings
WRN
02
17.11.2011, 21:40
Das Schockwort dieses Artikels:

"Umgangssprache"!!!
Das muss man sich mal vorstellen! Das heißt dass diese Kinder nicht nur eine fremde Muttersprache haben sondern offensichtlich auch das soziale Umfeld (Ghetto) das es ihnen ermöglicht beinahe ganz ohne Deutsch aufzuwachsen bis zur Einschulung.
Wenn Kinder im Elternhaus nur türkisch reden... dann ist das ungut. Wenn sie aber in ihrem gesamten Umfeld keine andere Sprache benötigen bzw hören von frühester Kindheit an dann ist das eine Katastrophe!

Zu beneiden sind hier sprachliche Minderheiten (Franzosen, Brasilianer, Afrikaner) die zwar andere Muttersprachen haben mögen... mit diesen aber außerhalb ihres Elternhauses (mangels Gleichsprachigen) nicht weit kommen und somit Deutsch lernen müssen. Von der Krabellstube an!

Plus Lucis
00
26.11.2011, 22:53

Ich halte die 50% nichtdeutsche Umgangssprache für ein statistisches Artefakt. Wenn daheim auch Türkisch gesprochen wird, dann wird in einer Umfrage bejaht, dass Türkisch Umgangssprache ist, daraus folgt aber noch nicht, dass Deutsch für diese Kinder keine Umgangssprache ist.

bycicle
23
17.11.2011, 19:59
wir in österreich sprechen deutsch

und das ist ganz einfach so.
wenn ich nach london auswandere, lernen die lehrer dort auch nicht wegen mir deutsch. und in jedem anderen land ist das so.
aber in österreich gibt es keine deutlichkeit und keine klarheit. wir wollen es allen recht machen, uns an alles anpassen. vielleicht sogar an die scharia???

-joB
00
23.1.2012, 21:37

Eine Klarstellung: In Österreich wird nicht deutsch gesprochen sondern ein bajuvarischer Dialekt

byron sully
31
17.11.2011, 16:22

find ich sinnvoll, nicht nur für schülerInnen mit migrationshintergrund, sondern auch für die deutsch-muttersprachlichen. ich fand z.b. den grammatikunterricht in deutsch um einiges schlechter als jenen in den lebenden und toten fremdsprachen, die ich in der schule hatte (weil der lehrplan offenbar annimmt, die deutsche grammatik würde den kindern zuhause beigebracht?)

WRN
21
17.11.2011, 21:35

Wir sind in Österreich!!!
Die deutsche Grammatik WIRD den Kindern daheim beigebracht... davon kann und muss man als Lehrer ausgehen können

moki328
00
19.11.2011, 06:50
Nur mehr rudimentär

Ich bin erst wieder arbeiten gegangen, als mein jüngster Sprössling 3 war, aber im Kindergarten hat er dann die Bildung des Partizip Perfekt nicht mehr richtig gelernt. Zu Hause habe ich zwar oft vorgelesen, aber das Reden und Beantworten war reduziert und es hat nicht gereicht. Die Kinder kombinieren dann eigenständig über Analogiebildung: Er hat geheißt beispielsweise und erfahren dann viel Abwertung. Viele Jugendliche sind nach wie vor nicht sicher in der Bildung des Partizip II. Ich interessiere mich für einen Ansatz, der den Grammatikunterricht "Deutsch als Zweitsprache" in den regulären Grammatikunterricht Deutsch integriert. Das könnte auch so manchem österreichischen Kind nützen.

byron sully
00
18.11.2011, 13:59

in der praxis hoffentlich ja. aber mir geht's eher um die theorie (wie heißen die fälle? wie heißen die zeiten? was ist ein konjunktiv? usw. - das wird in der schule in den toten fremdsprachen am besten beigebracht, in den lebenden auch halbwegs gut, im deutschunterricht aber kaum).

die naive
13
17.11.2011, 15:59
In Wien sollen angeblich bereits

114 verschiedene Sprachen existieren.

Es wird den freiwillig Zugewanderten wohl nichts anderes übrig bleiben, als auf Deutsch umzusatteln. Die zig Millionen Zuwanderer in die USA konnten übrigens sehr schnell englisch lernen, weil sie es mußten!

Tino67
 
31
17.11.2011, 13:57
Das Unwort der Lehrerschaft: Umdenken

weil schließlich hamma des imma so gmocht!

Johannes Benn
13
17.11.2011, 11:33
.

wer in oesterreich geboren wird sollte schon bis zur schule perfekt deutsch sprechen...und wenn ers nicht tut haben die eltern etwas falsch gemacht

Plinius
14
17.11.2011, 11:24
ich bibn kein Experte,...

...das muss ich vorausschicken, aber bei uns ist Deutsch die Unterrichtssprache. Wenn das den Kindern u. Eltern nicht beigebracht werden kann, dann müssen sie auch wissen, dass ihr weiterer Lebensweg verdammt unerfreulich aussehn wird. Um diese simple Erkenntnis kann man sich nicht herumdrücken...

moki328
01
19.11.2011, 06:58
Durch Druck und Verachtung lernt man jedenfalls nicht deutsch.

Die Eltern sprechen es schlecht. Ich habe schon oft gehört, sie sollen zu Hause deutsch reden. Das kann nur schlecht ausgehen, da die Eltern keine Sicherheit im Umgang mit der Sprache besitzen. Ein Grund dafür ist, dass die Eltern selten bis gar keine österreichische Freunde haben.Freunde, die mit ihnen gutes Deutsch sprechen, ihnen zeigen, wie man in Österreich zurechtkommt. Das funktioniert vermutlich in ländlichen Gemeinden besser. In der anonymisierten Großstadt werden die Fremden distanziert beäugt, es wird ihnen mitgeteilt, sie sollen nicht fremd sein. Türkische Eltern aus ländlichen Gebieten sind es gewohnt ihre Kinder frei rumlaufen zu lassen, die sind überall willkommen, Kinder machen Erfahrungen und lernen dabei Welt kennen.

Plinius
11
19.11.2011, 11:19
wenns nicht anders geht...

...sollte DrucK ausgeübt werden. Druck in der Form alsdass nach mehrjähriger Anpassungsphase die Abschiebug im Raum steht. Wer sich nicht anpassen (assimilieren) mag od. will der hat ja offensichtlich kein Interesse daran, lange zu bleiben.

moki328
01
19.11.2011, 07:08
Fortsetzung

In Österreich machen es die türkischen Eltern genauso. Sie begleiten die Eigenaktivität der Kinder in Distanz. Da gibt es dann die Kindergruppen, die rudelweise in den Straßen spielen. Ich mag diesen Lärm, aber viele Österreicher regen sich auf, die sind Ruhe gewöhnt.
Die Kinder befinden sich später gruppenweise in den Einkaufszentren mangels anderer Möglichkeiten.Dort wird ihnen wie in den Medien die Warenwelt präsentiert. Geld haben die Eltern keines. Manche stehlen dann Handys, werden aggressiv nach dem Motto "wir sind auch wer", das fördert die Entfremdung von den Einheimischen. Die bestehen dann auf Unterordnung und Anpassung und gehen den Rechten auf den Leim. Teufelskreis.

Mann40
24
17.11.2011, 09:01

"Allein in Wien haben laut Statistik Austria 42 Prozent aller Schüler eine andere Umgangssprache als Deutsch - in Volksschulen sind es sogar 52 Prozent, an Hauptschulen 63 Prozent."

Das ist ein Wahnsinn, da verwundert es nicht, dass sukzessive viele Leute ihre Kinder in Privatschulen geben...

moki328
00
16.11.2011, 22:32
Sehr schön!

Da Herr Prof. Wintersteiner die Zentralmatura Deutsch in Österreich an leitender Stelle vorbereitet, ist er sicher in bestem einvernehmen mit dem Unterrichtsministerium.

mountaineer
21
17.11.2011, 07:29

Was? DER hat den Befindlichkeitsaufsatz mit 600 Wörtern mit Hilfe der Word-Rechtschreibprüfung zur neuen Deutschmatura gemacht?

moki328
00
19.11.2011, 09:38
So ein Quatsch!

Sie haben nicht die geringste Ahnung!

Cielito Lindo
31
16.11.2011, 22:07
"zweisprachige Alphabetisierung",

simultan halte ich nicht unbedingt für durchführbar.
Für serb. Kinder z. B. wäre es viel zu verwirrend sich den lat. und den kyrill. Buchstabenkanon gleichzeitig anzueignen.

Franz Bim
 
21
17.11.2011, 15:45
Und warum schaffen das dann

die Kinder in Bosnien?

Cielito Lindo
01
17.11.2011, 20:16

Kroaten und Bosniaken verwenden nur das lat. , Serben beide Alphabete. Ich glaube nicht, dass mich meine bosn. Kollegin falsch informiert hat.

Radio Eriwan
00
16.11.2011, 21:10
Erklären Sie das mal dem Unterrichtsministerium!

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.