Schneeflocken zum Annähen

16. November 2011, 18:43
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Ein Durchschnittsmensch bemerkt den Wert eines Knopfes erst dann, wenn er ihm fehlt. Der Sammler hingegen weiß es besser

Karla Hinterberger nimmt bedächtig den Deckel der kleinen zerkratzten Blechkiste ab und nimmt liebevoll mit zwei Fingern einen als Blatt geformten, an Ebenholz erinnernden Knopf heraus. "Dieser hier ist zum Beispiel aus Bakelit, ein im Art déco sehr beliebtes Material", sagt sie und streicht zärtlich über die mattglänzende Oberfläche mit den eingekerbten Blattadern.

Schon angelt sie weiter in ihrem Schatzkästchen. "Schauen Sie sich die schönen Farben der Blumen dieses Satsumas aus Japan an. Glasierte Keramik, bemalt und emailliert." Wieder tauchen ihre Finger in das Blechschächtelchen. "Und dieser hier, ein Jet-Trauerknopf aus Victorianischer Zeit (siehe Bild unten). Trendsetterin dafür war gewissermaßen Königin Victoria, die sich nach dem Tod ihres geliebten Mannes Albert gänzlich schwarz kleidete."

Einen Knopf bemerkt der Durchschnittsmensch in der Regel nur dann, wenn er fehlt. Die Wiener Sammlerin Hinterberger hingegen wurde von den "kugel- oder scheibenförmigen Erhöhungen ... die bes. an Kleider genäht, um Theile schnell mit einander zu verbinden u. wieder zu öffnen" ( Pierer's Universal-Lexikon, 1857) schon als Kind verzaubert. Die Knopfschachtel ihrer Großmutter war im Zweiten Weltkrieg für das kleine Mädchen das liebste Spielzeug. Immer wieder ließ die mit dem Schriftsteller Ernst Hinterberger verheiratete pensionierte Altwarenhändlerin Knöpfe die Stufen hinunterspringen. "Das schöne Klimpern dabei klingt noch immer in meinen Ohren", erzählt sie.

Wie ihr geht es vielen Menschen auf dieser Welt. In Amerika sind Knöpfe das dritthäufigste Sammelgebiet nach Briefmarken und Münzen. Doch nur wenige dürften so viele Knöpfe in ihren Händen gedreht haben wie Karla Hinterberger. "So an die 5000 Kilo Knöpfe dürften es schon gewesen sein, die ich im Laufe meines Lebens durchsortiert habe", sagt sie und legt das nächste Gustostückerl auf den Tisch, das sie für unser Gespräch aus ihren "7000 bis 10.000 Collector's Items ganz schnell und willkürlich" ausgesucht hat: ein kohlrabenschwarzer Mohrenkopf mit großen Augen, Schneckerln und dicken roten Lippen (siehe Bild links) - auch das ein Knopf, und zwar von dem in Wien geborenen Keramikkünstler Walter Bosse.

"Von den Bosses habe ich leider viele verkauft, was mir heute leidtut. Keramik bestößt sich leicht. Kleidung damit kann man nicht in der Maschine waschen. Wär nix für junge Leute, die abgesehen davon heute kaum noch Knöpfe annähen können und ihre Fetzerln ohnehin gleich mitsamt den Knöpf' entsorgen", sinniert sie einen Moment, um gleich darauf einen über Holz gezogenen, genähten und bestickten Knopf ohne Öse aus der Zeit um 1780 hervorzuzaubern.

Kaum ein Sammelgebiet ist so variationsreich. "Knöpfe sind so vielfältig und formenreich, dass ich sie gerne mit Schneeflocken vergleiche", sagt Hinterberger und zählt als Beispiel einige der Materialien auf: "Knochen, Glas, Holz, Elfenbein, Perlmutt, Porzellan, Gold, Silber, Messing, Zwirn, Leder, Eukalyptuskerne, Schildpatt, Edelsteine, Hirschhorn oder etwa die im 19. Jahrhundert sehr beliebte Steinnuss." Selbst Kasein diente als Ausgangsmaterial (für den Kunststoff Galalith), und in den Weltkriegen wurden Knöpfe gar aus Geweberesten und Presspapier hergestellt. Dann gibt es Knebel-, Scheiben-, Ösen-, Lochknöpfe ...

Der Fünf-Löcher-Knopf

Apropos Löcher. Aus nichtüberlieferten Gründen waren früher Knöpfe mit vier Löchern für Herrenbekleidung reserviert, Frauen mussten sich mit zwei Löchern zufriedengeben. Knöpfe für das einfache Volk, gern aus Steinnuss gefertigt, wiesen hingegen mitunter fünf Löcher auf (siehe Bild rechts oben). Das Loch in der Mitte rührte dabei von der Drehspindel her, auf die das Ausgangsmaterial montiert wurde.

Knöpfe als Ziergegenstand ohne Knopfloch waren zwar bereits in der Antike bekannt. So richtig in Mode kamen sie in Europa aber erst ab dem 17. Jahrhundert. Königen und dem Adel dienten sie aus Gold und mit Edelsteinen versehen als Statussymbol - was vom bürgerlichen Mannesvolk nachgeahmt wurde. Zugeknöpfte Frauen(kleider) setzten sich übrigens erst vor rund 150 Jahren so richtig durch. Äußerst praktisch: Im Bedarfsfall konnten Reiche einen ihrer wertvollen Knöpfe verkaufen - oder sie wurden ihnen bei Überfällen abgeschnitten, wovon auch die Redensart "Jemandem etwas abknöpfen" herrührt.

Womit wir beim Wert sind. "Wertvoll ist wie bei allen anderen Sammelgebieten auch hier Außergewöhnliches: schön im Entwurf, edel in der Verarbeitung, kostbar im Material", sagt Sammlerin Hinterberger. Ein Goldknopf mit einer Miniatur aus dem Besitz von Marie Antoinette brachte vor etlichen Jahren bei einer Auktion 6500 Euro. Erst im Vorjahr kamen bei einer Versteigerung im Wiener Palais Kinsky sechs vom Wiener- Werkstätten-Künstler Josef Hoffmann entworfene Silberknöpfe mit Sodalith für 11.000 Euro unter den Hammer.

Die kleinen Dinge dieser Welt

Eine Dimension, die für Karla Hinterberger in die Kategorie "totaler Schwachsinn" fällt, sie jedenfalls würde für etwas, "das nicht lebensnotwendig" ist, niemals so viel Geld ausgeben. Wer ernsthaft Knöpfe sammeln möchte, sollte sich zunächst erst einmal orientieren, was es so alles gibt, viel ins Museum gehen, Fachliteratur lesen, um ein Gefühl für die Vielfalt zu entwickeln, rät sie. Und man sollte auch ein Herz für die Schönheit haben, die in den kleinen Dingen dieser Welt liegt. Oder den Hintergrund vieler Mitglieder amerikanischer Knopfsammelklubs besitzen: "Wenn du arm bist, willst du auch was Schönes besitzen." (Karin Tzschentke, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17.11.2011)

  • Ein Jet-Trauerknopf aus Victorianischer Zeit
    foto: standard/kat

    Ein Jet-Trauerknopf aus Victorianischer Zeit

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