Deutschlernen ohne Ernst und Verbissenheit

Reportage16. November 2011, 17:00
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Wie funktioniert der Spracherwerb im Kindergarten und welche Rolle spielt dabei die Anzahl der Kinder, deren Muttersprache nicht Deutsch ist? Ein Besuch in zwei Einrichtungen

Vor wenigen Wochen sprach die vierjährige Joyce kaum ein Wort Deutsch. Jetzt hält sie beim Essen einen entspannten Plausch mit ihren Spielkameraden und erzählt von ihrem großen Bruder. Für die Kindergartenpädagogin ist das kein Grund zum Staunen: "Kinder in diesem Alter lernen unglaublich schnell. Sie können gar nicht anders", sagt die erfahrene Kindergärtnerin Karin Wilflingseder. Derzeit arbeitet sie im elternverwalteten "StudentInnenkindergarten" am Unicampus AAKH, wo nur bis zu vier Kinder pro Gruppe nicht Deutsch als Muttersprache haben.

"Auch wenn ein Kind vorher gar kein Deutsch spricht, dauert es nur Wochen, bis es sich verständigen kann", erzählt Wilflingseder. Vollständige Sätze seien nach ein paar Monaten der Normalfall. Natürlich gebe es auch Kinder, bei denen es länger dauere. Man dürfe bloß nicht zu oft die Fehler ausbessern. "Kinder verlieren dann die Leichtigkeit des spontanen Sprechens." Der Spaß muss im Vordergrund stehen, nicht Leistungsdruck: "Das Schlimmste für ein Kind ist der Frontalunterricht. Ein klassischer Fall von zu früher Verschulung", sagt die Erzieherin.

Ist der Anteil von Kindern nichtdeutscher Muttersprache ein Kriterium? "Das spielt keine Rolle, schließlich haben ja auch manche Kinder mit Deutsch als Muttersprache Sprachprobleme", erklärt die Kindergärtnerin. Mit gut ausgebildeten Pädagogen und einem entsprechenden Betreuungsschlüssel sei alles möglich. In ihrem Kindergarten kommen auf drei Pädagogen 21 Kinder. Insgesamt gibt es 42 Kinder. Ein Betreuungsverhältnis, von dem so manche Einrichtung nur träumen kann. "Wenn auf 25 Kinder eine Kindergärtnerin kommt, was vielerorts der Fall ist, dann ist pädagogisch nicht mehr viel möglich", erläutert Wilflingseder. Spielend könnten die Kinder zwar noch immer voneinander Deutsch lernen, aber das sei dem Zufall überlassen.

Die Rolle der Eltern sei diesbezüglich nicht sehr groß, so Wilflingseder. Sie rät Eltern, mit ihren Kindern in ihrer Muttersprache zu reden und nicht verkrampft um jeden Preis Deutsch zu sprechen. Selbstbewusst die eigene Muttersprache zu vermitteln sei wichtiger.

Eine Pädagogin, 25 Kinder

Montagmorgen in einem städtischen Kindergarten im dritten Wiener Gemeindebezirk. Hier ist sowohl das Betreuungsverhältnis anders als auch die Anzahl von Kindern mit einer anderen Erstsprache als Deutsch. Es sind 43 von 64 Kindern, für die Deutsch nicht die Erstsprache ist, auf 25 Kinder kommen eine Pädagogin und eine Assistentin.

Aus einer Ecke ist Kinderstimmengewirr hinter einem Vorhang zu hören. Schließlich ertönt die Stimme der Erzieherin: "Und wir holen alle Kinder in den Kreis hinein!" Sechzehn Kinder kommen aus der "Igelhöhle"-Ecke heraus und setzen sich auf den Boden. Divia wird heute fünf Jahre alt. Sie ist eigens in den Kindergarten gekommen, um mit ihren Freunden zu feiern, obwohl beide Eltern an diesem Tag frei hatten.

"Wie schön, dass du geboren bist, wir hätten dich sonst sehr vermisst", singen alle, Divia strahlt. Elvira Schlögl gibt noch weitere Lieder mit der Gitarre zum Besten, wobei immer wieder fremdsprachige Sätze durchklingen. Da heißt es dann neben "How do you do?" auch "bonjour", "sí, sí", "merhaba", "dobro jutro", "günaydin" ...

Wie wird hier Deutsch gelernt? "Die emotionale Bindung zur Bezugsperson ist das Um und Auf. Ein Kind, das frei von Angst ist, kann gut lernen", erzählt die Pädagogin Elvira Schlögl. Das braucht aber Zeit. "Manche Kinder schweigen wochenlang, weil sie unter dem Trennungsschmerz leiden", erzählt Claudia Hahn, die Leiterin des Kindergartens. "Jedenfalls kann man anhand von Sprachkenntnissen nicht vorhersagen, was aus einem Kind später wird, das ist ganz individuell."

Was tun, wenn türkische Kinder nur Türkisch untereinander sprechen? Für Schlögl kein Grund zur Panik: "Das kann und soll man nicht unterbinden. In einer Gruppe hatte ich neunzig Prozent türkische Kinder. Ich habe mit Memory-Karten und Wortfeldern allmählich Vokabular aufgebaut und versucht, ins Gespräch zu kommen, eine Brücke zu schlagen", so Schlögl. Die Kinder hätten sich nach Kräften bemüht, mit ihr zu sprechen. Abschließend meint sie augenzwinkernd: "Bloß nicht alles zu ernst und verbissen angehen."

Eine gewisse Megi gehört ebenfalls zur Gruppe, aber sie ist kein Kind und auch keine Erzieherin. Megi ist eine Handpuppe, die manchmal interessante Dinge mitbringt, etwa einen Koffer mit Postkarten, und meistens auf ihrem Platz auf der Kommode sitzt und den Kindern beim Spielen zuschaut. Ob es Zufall sei, dass Megi dunkelhäutig ist und eine Rastafrisur hat? "Nein", erklärt Elvira Schlögl, "die Hautfarbe der Handpuppe ist bewusst gewählt. Eine differenzierte Wahrnehmung der Umwelt soll für die Kinder selbstverständlich werden." (Mascha Dabić und Yilmaz Gülüm, 15. November 2011, daSTANDARD)

 

Diese Reportage ist in Rahmen der Sonderbeilage daSTANDARD entstanden. Diese Woche können Sie hier jeden Tag eine weitere Geschichte aus der Sonderbeilage zum Thema "Weiterkommen" nachlesen.

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