Auf einem Auge blind?

Blog16. November 2011, 16:02
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Das deutsche Kino und der Rechtsextremismus - Von Bert Rebhandl

Das Schlagwort von der Braunen Armee Fraktion, mit dem Deutschland sich gerade herumschlägt, wirft auch ein bezeichnendes Licht auf die Filmgeschichte der vergangenen zwei Jahrzehnte. Denn nach dem Fall der Berliner Mauer 1989 war es ja unübersehbar gewesen, dass in den Ländern der ehemaligen DDR der Rechtsextremismus eine der Bewältigungsideologien für die Probleme der Transformation wurde. Einige dokumentarische Arbeiten gingen auch unmittelbar darauf ein, während die Spielfilme im wiedervereinigten Land sich viel stärker mit der NS-Zeit beschäftigten und für die jüngere Gegenwart eine fast schon obessive Beschäftigung mit der linksterroristischen Roten Armee Fraktion zu verzeichnen ist.

Dieser Befund (Hochkonjunktur im Mainstream mit Hitler und Baader bei gleichzeitiger Randlage der filmischen Beschäftigungen mit aktuellem Rechtsextremismus) verlangt nach einer Deutung. Zuvor bedarf es aber der Erinnerung an einige markante Titel, die sich nach 1990 der Aufgabe stellten, den rechten Rand in den Blick zu nehmen. Zwei Filme aus den frühen 90er Jahren sind dabei als wegweisend anzusehen.

Stau – Jetzt geht’s los (1992) von Thomas Heise

Eine Dokumentation über Jugendliche in Halle-Neustadt, einer typischen DDR-Trabantensiedlung. Thomas Heise reagierte mit dieser Beobachtung auf Ereignisse in Hoyerswerda, wo es im September 1991 zu ausländerfeindlichen und rassistischen Ausschreitungen gekommen war (man spricht von dem ersten „medialisierten Pogrom“ in Deutschland). Heise ging hinter diese Medialisierung einen Schritt zurück und brachte den alltäglichen und individuellen Kontext des Rechtsextremismus in den Blick. Dafür wurde ihm von der politischen Linken „die unkommentierte Selbstdarstellung“ von Faschisten vorgeworfen. Der Film geriet zwischen alle Lager, davon unbeirrt kam Heise mehrfach auf die Menschen von Halle-Neustadt zurück (Neustadt, 2000; Kinder wie die Zeit vergeht, 2007; Material, 2009), sodass das deutsche Kino hier immerhin über eine differenzierte Langzeitbeobachtung eines in sich natürlich viel komplexeren Milieus verfügt, als es nun das Schlagwort von der Braunen Armee Fraktion zu bezeichnen vermag.

Beruf: Neonazi (1993) von Winfried Bonengel

Ein Porträt des von München aus agierenden Neonazis Bela Ewald Althans, das anders als bei Heise einen organisierten Rechtsextremismus in den Blick nahm, mit einer Leitfigur wie Ernst Zündel in Kanada, dessen Verbindungsmann in Deutschland Althans war. Besonders kontrovers ist eine Szene, in der Bonengel mit der Kamera Althans in die Gaskammer von Auschwitz folgte, wo dieser offen und provokant von der „Holocaust-Lüge“ zu sprechen begann. Auch hier wurde der Vorwurf der impliziten Komplizität erhoben, mit guten Gründen, denn die Kamera kann hier durchaus als Ansporn für Althans gesehen werden, einen Auftritt hinzulegen, der wiederum den Filmemacher in den Verdacht eines Skandalinteresses geraten lässt.

Mit diesen beiden Filmen war das Thema im Grunde erledigt, auch wenn sowohl Heise wie auch Bonengel (Führer Ex, 2002) davon nicht abließen, und auch zwischendurch immer wieder kleinere Arbeiten mit spezifischen Beobachtungen zur oder aus der rechten Szene herauskamen (zum Beispiel No Exit von Franziska Tenner, 2003).

Eine spontane Hypothese dazu, warum das deutsche Mainstream-Kino sich so auf die Thematiken des NS-Faschismus und des Linksterrorismus konzentrierte, könnte auf mehrere Faktoren verweisen: Erstens handelt es dabei um Themen, die vermeintlich schon zu Ende interpretiert sind, sodass es zu Filmen wie Der Untergang oder Der Baader-Meinhof-Komplex kommen konnte, die so tun, als wäre alles „so gewesen“ wie in der von ihnen gewählten Darstellung (sie versuchen damit eigentlich, Geschichtlichkeit zu unterschlagen). Zweitens erlauben diese Themen eine andere Form von politischer „Unkorrektheit“ – man kann sich leicht über Hitler und Baader lustig machen, weil sie so lange ohnehin gebührend ernst genommen wurden; einen ostdeutschen Rechtsradikalen hingegen so ins Bild zu rücken, dass Empathie nicht als Zustimmung missverständlich wird, und Distanz nicht als Bloßstellung, erfordert ungleich subtilere Mittel.

Die Tatsache jedenfalls, dass es in Deutschland über viele Jahre eine rechtsextreme Terrorzelle gab, die im Untergrund agierte, lässt die „Hitlerei“ (Dietrich Kuhlbrodt) des deutschen Kinos noch stärker als das erscheinen, was sie ohnehin immer schon war: ein nostalgischer Reflex auf eine Vergangenheitsbewältigung, die man zu früh für selbstverständlich nahm.

CARGO Film Medien Kultur ist ein Magazin und eine Website. derStandard.at bringt in unregelmäßiger Folge Beiträge aus der Cargo-Redaktion.

  • Der Film "Stau - jetzt geht's los" (1992) von Thomas Heise.
    foto: thomas heises

    Der Film "Stau - jetzt geht's los" (1992) von Thomas Heise.

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