Eine (zu) linke Sache

Blog16. November 2011, 16:05
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Marcel Kollers erstes Team ließ erkennen, was der Schweizer mit dem ÖFB vorhat - Es steht natür­lich noch viel Arbeit bevor - Eine Analyse im Taktikblog

Das erste Antreten eines Teamchefs ist ein undankbarer Job. Nicht nur für ihn, der innerhalb kürzester Zeit an den Altlasten früherer Trainer gemessen wird, sondern auch für einen Taktikblogger, der versuchen muss aus dem Gemisch das ein Fußballspiel darstellt, die Unterschiede und Nuancen herauszuarbeiten. Marcel Koller hat es meiner Art leicht gemacht und in einem kurzem Trainingslager gleich ein paar offensichtliche Veränderungen durchgeführt.

Von der ersten Sekunde an, war dem österreichischen Offensiv-4-1-4-1, das in der Abwehr zum 4-4-2 wurde, ein gesteigertes Bedürfnis anzumerken, sich in der Gegnerhälfte aufzuhalten. Nicht nur der erste Torschuss nach sechs Sekunden Spielzeit deutete in diese Richtung, sondern auch das konsequente Pressing mit gleich sechs Spielern bei Ballverlust war ein klares Zeichen. Auswärts bei einem favorisierten Gegner wollte und konnte man ein neues Selbstbewusstsein demonstrieren.

Besonders die linke Seite attackierte intensiv. Ivanschitz, oft mit dem Stürmerpaar auf einer Höhe, und Fuchs drückten unterstützt von Alaba auf die ukrainische Verteidigung. Baumgartlinger sicherte etwas dahinter ab, Harnik, Janko und Arnautovic stellten zur Mitte die Passwege zu. Die ersten fünf Minuten des Spiels fanden fast exklusiv in diesem verdichteten Raum auf der rechten ukrainischen Abwehrseite statt.

Das Ergebnis einer Aufgabe

Dass dort so viel gearbeitet wurde, ist allerdings nicht unbedingt Zufall oder einem Trainereffekt zuzuschreiben - was ja nur völlig unmotiviert unterstellt, dass die Spieler halt unter dem alten Coach nicht wirklich wollten - sondern ein Ergebnis klarer Aufgabenverteilung. Das beste Beispiel dafür ist das Arbeitspensum von Marc Janko, an dem sich recht deutlich sehen lässt, dass der Twente-Stürmer im Konzept nicht als stupider Turm gesehen werden muss, den man in der Spitze mit hohen Bällen zumüllen muss. Er verhinderte immer wieder Querpässe, bot sich tiefer an, eroberte viele Bälle und sprintete in freie Räume.

Auf der rechten Seite funktionierte all das nicht ganz so geschmeidig. Das mag nun daran liegen, dass dort mit Schiemer kein erfahrener, offensiver Außenverteidiger wie Fuchs mithalf, oder dass Harniks Spielweise doch andere Stärken als die von Ivanschitz mitbringt. Er braucht mit seinem Tempo mehr Raum vor sich, schafft sich den durch eine etwas weiter zurückhängende Position. Das sind die individuellen Faktoren. Aber auch zwei taktische Komponenten spielten eine Rolle. Alaba tendierte in der schiefen österreichischen Mittelfeldformation nach links, Baumgartlinger konnte als Absicherer auf der rechten Seite keine so aufgerückte Position einnehmen. Das Gesamtsystem war also nicht dazu geeignet, das Pressing beidseitig aufrecht zu erhalten.

Zudem stand auch die ukrainische Mittelfeldachse links höher. So bot sich ihr eine Möglichkeit, sich im schnellen Verschieben über diese Reihe zu befreien. Die österreichischen Linien standen gegen diese Verlagerungen oft zu eng. Wenn das gelang, kam Konoplianka mit vollem Tempo auf Schiemer zu, was den Salzburger einige Male schlecht aussehen, Harnik nicht herankommen und die ganze Rückwärtsbewegung der Mannschaft unkoordiniert wirken ließ. Kollers einziger Wechsel nach einer Stunde (Kavlak für Harnik) arbeitete an dieser Problemstelle, aber Österreich hat hier ein ohnehin bekanntes strukturelles Problem. Im aktuellen ÖFB-Pool ist im Moment nur von Garics zu erwarten, dass er mit solchen Situationen aufgrund seiner Klasse wesentlich besser zurecht kommt, als der zeitweise nervös agierende Schiemer gestern. Warum in Lemberg nicht zumindest auch der "natürliche" Rechtsverteidiger Klein seine Chance bekam, war aus dem Spiel heraus nicht offensichtlich. 

Viele Chancen aber, wenige in der kritischen Zone

Für den eigenen Spielaufbau hatte Österreich trainiert, auch unter Druck ruhiger als in der Vergangenheit zu bleiben. Kam man in etwas fortgeschrittene Feldpositionen, erschwerte vielleicht der noch nicht optimale Rasen und die Kälte die dazu nötige Präzision. Jedenfalls hatten mit Harnik und Arnautovic, zwei für den letzten Pass nicht unwichtige Leute, nicht ihren genauesten Tag. Ihre entscheidenden Versuche blieben häufig hängen. Zu selten wurde dafür auch die Formation des Gegners in Unordnung gebracht um genügend Platz für Steilpässe zu schaffen (laut UEFA-Report zur abgelaufenen Champions League-Saison übrigens der Ansatz mit dem häufigsten Tor-Erfolg).

Chancen ergaben sich also meist über Schüsse außerhalb des Strafraums (Schiemer 11., Arnautovic 28. & 87., Alaba 30., Baumgartlinger 35. & 93., Ivanschitz 77.) oder Standardsituationen (z.B. Eckball mit Prödl-Kopfball 23., Freistoß von Fuchs 46., Prödl-Schuss nach Ecke 77.). Zweimal reklamierten die Österreicher zudem Elfmeter, als sie doch einmal in den Sechzehner kamen (Ivanschitz 13., Janko 47.). Vor allem in der zweiten Hälfte kamen auch mehrere Flanken von der linken Seite an, die aber meist niemand (z.B. Alaba 83.) verwerten konnte - außer natürlich die von Fuchs auf den Kopf von Janko, nach der schlussendlich Kucher unter Druck von Arnautovic den Ball nicht von der Linie kratzen konnte (71.).  Die vielleicht beste sonstige Chance aus dem Spiel hatte bei einer der wenigen Kontergelegenheiten ebenfalls Janko, als er sich von Arnautovic über 30 Meter angespielt von seinem Gegner löste und den Schuss leider zentral auf Keeper Dikan setzte (51.) - unmittelbar davor hatte Almer einen Querpass pariert.

Von hinten heraus gelang das geplant ruhige Spiel nicht immer. Vom Tormann weg rissen Prödl und Pogatetz weit nach außen, um Fuchs und Schiemer aufrücken zu lassen. Doch die ukrainischen Stürmer attackierten die Innenverteidiger im Ballbesitz früh, und weil in der Mitte oft eine dritte Anspielstation fehlte blieb nur ein hoher Ball übrig. Ein solcher verursacht gerne die ein oder andere Hau-Ruck-Aktion. Das ist einerseits selten effektiv (Österreich weiß das aus leidlicher Erfahrung), andererseits auch gefährlich.

Gegentor

Aus einer solchen Situation entstand das erste Gegentor. Prödl brachte den Ball auf Janko zwar an, und der wurde von Harnik dann auch beinahe in den Strafraum geschickt, doch als die Ukrainer diesen Ball abfingen war die österreichische Mannschaft ziemlich ungeordnet. Alaba kam in der Folge vorne nicht an seinen Gegenspieler heran, was den Gastgebern einen Konter ermöglichte. Bei dem fand kein Österreicher mehr seine Zuordnung. Fuchs wurde gemieden, Alaba kam auch in der Rückwärtsbewegung zu spät, Schiemer hatte zwei Gegenspieler und ein cleverer Run von Milevski überraschte schließlich Pogatetz und Prödl. Natürlich war das vom Spielverlauf her ein unglückliches Tor, aber doch auch eines, das so ziemlich alle Baustellen aufzeigte, an denen Koller und sein Team an den wenigen Terminen in den nächsten acht Monaten bis zur WM-Qualifikation arbeiten müssen.

Nach der Führung stand die Ukraine deutlich tiefer. Pogatetz und Prödl konnten deshalb ungestörter an der Eröffnung arbeiten. Sofort fanden diese links über Fuchs und Ivanschitz ein Loch. Der Angriff brachte prompt eine abgefangene Flanke des Schalkers und einen abgeblockten Schuss des Mainzers mit sich, nachdem sofort wieder das eingangs beschriebene Pressing zu sehen war. Ab da dominierten die Österreicher endgültig das Spielgeschehen (als die Ukrainer zu Beginn der zweiten Hälfte noch einmal andrückten, konnten sie das noch einmal eine Viertelstunde lang unterbinden). Sehr gut machte sich vor allem 6er Baumgartlinger, der die Bälle auch unter Druck nie herschenkte, während Alaba sich in die 8er-Rolle noch einfinden musste.

Das zweite Gegentor in der Nachspielzeit entstand chaotisch und je nach Sichtweise glücklich oder unglücklich. Der Ball ging in einem Gerangel verloren, die Ukraine nutzte das entstandene Wirrwarr erstklassig aus. Es wäre gut, wenn so etwas ab September 2012 nicht mehr passieren würde. Am gestrigen Tag war es "nur" bitter.

Fazit

Marcel Koller konnte in der Ukraine erste Akzente setzen, stieß aber an die Grenzen des Machbaren. Wer es bisher noch nicht wusste, musste spätestens jetzt einsehen, dass Erfolge im Fußball nicht nach jahrelangen Versäumnissen innerhalb von einer Woche herbeigeführt werden, sondern das Ergebnis von langfristiger und konsequenter Arbeit sind. Die der vergangenen Tage war offensichtlich gut, deshalb war auch schon mehr Philosophie erkennbar, als man erwarten durfte. Aber ebenso klar waren die Baustellen zu sehen. Diverse Automatismen greifen natürlich noch nicht vollständig. Das Konzept auf der rechten Seite ist ebenso wie das Personal noch unstimmig. Die Innenverteidigung zeigte unter Druck mangels Anspielstationen immer noch Probleme.

Davor zeigte hingegen besonders Baumgartlinger mit Ruhe, Übersicht und Ballsicherheit, warum er in der deutschen Bundesliga sicherlich Fuß fassen wird. Auch Janko spielte eine gute Partie. Arnautovic war an den besten Chancen beteiligt, schien sonst aber räumlich limitierter als sonst und sichtlich von der zeitweise unverständlichen harten Gangart der Ukrainer genervt. Alaba erledigte seine Aufgabe zwar ohne Glanz aber ordentlich. Die linke Seite arbeitete allgemein sowohl nach vorne als auch nach hinten sehr gut. Das vor dem Spiel meistdiskutierte Problem entpuppte sich übrigens als keines. Torhüter Almer hielt, was realistischerweise zu halten war und in der ein oder anderen Situation vielleicht sogar mehr als das.

Man kann das Spiel mit einem Wort zusammenfassen, das man zwar schon nicht mehr hören kann. Es war realistischerweise aber das einzige, das man erwarten durfte: Vielversprechend. Nicht mehr und nicht weniger. (tsc, derStandard.at, 16.11.2011)

  • Die Anfangsformationen: Beide Mannschaften waren im Angriff linkslastig. Österreichs Pressing nagelte die Ukraine zum Teil minutenlang fest, machte die Mannschaft aber für schnelle Spielverlagerungen anfällig.
    grafik: derstandard.at/ballverliebt.eu

    Die Anfangsformationen: Beide Mannschaften waren im Angriff linkslastig. Österreichs Pressing nagelte die Ukraine zum Teil minutenlang fest, machte die Mannschaft aber für schnelle Spielverlagerungen anfällig.

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