Wirtschaft spürt Boten der Flaute

16. November 2011, 12:25
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Experten der Bank Austria erwarten eine "Konjunkturdelle", im Sog der Schuldenkrise gerät auch die Welt­wirtschaft in schweres Fahrwasser

Wien - Der Bank Austria Konjunkturindikator ist im November erstmals seit September 2009 ins Minus gerutscht. Mit minus 0,4 Punkten hat die im Frühjahr begonnene Talfahrt des Indikators einen vorläufigen Tiefpunkt erreicht.

Der Chefökonom der Bank Austria, Stefan Bruckbauer zum Indikator: "Die österreichische Wirtschaft befindet sich derzeit am Beginn einer Konjunkturdelle, die markant ausfallen und aus der sie sich nur in langsamem Tempo befreien können wird." Im November habe sich die Stimmung der heimischen Produzenten und Konsumenten weiter verschlechtert. Zudem belasten die europäische Staatsschuldenkrise und gestiegene Konjunktursorgen die österreichische Industrie, geht aus dem aktuellen Konjunkturindikator hervor.

Die Aussichten für das laufende vierte Quartal seien "noch zurückhaltender". Die hohe Verunsicherung in der Wirtschaft schlage sich immer stärker in den realen Zahlen nieder. Für das vierte Quartal erwartet die Bank Austria eine Stagnation der Wirtschaft, doch auch ein leichtes Minus sei bei fortgesetzter Verschlechterung der Rahmenbedingungen nicht mehr auszuschließen. Das Wirtschaftswachstum war bereits im dritten Quartal auf 0,3 Prozent gesunken.

Sparkurs dämpft Privatsektor

Der Industrie prognostiziert die Bank Austria eine "kurze Rezessionsphase", verantwortlich sei die weltweit abgeflaute Nachfrage. Unternehmen würden Investition verschieben und dem privaten Konsum wehe Gegenwind entgegen. Die Inflation soll in den nächsten Monaten aber zurückgehen, Grund dafür seien sinkende Rohölpreise. Für 2011 insgesamt geht die Bank Austria, vor allem wegen der ersten Jahreshälfte, von einem Wirtschaftswachstum von 2,9 Prozent aus, seit 2007 die höchste Wachstumsrate. Für 2012 rechnet die Bank Austria mit einem Wirtschaftswachstum von 1,1 Prozent. Die Wirtschaft wird sich nach der Flaute am Anfang des Jahres wieder erholen. Der Sparkurs des Staates dämpfe nächstes Jahr jedoch auch den privaten Sektor. Die Inflation soll auf 2,2 Prozent sinken. Keine Besserung sei für den Arbeitsmarkt in Sicht, das bremse auch nächstes Jahr die Konsumlaune. Zum Jahreswechsel erwartet die Unicredit-Tochter zudem eine neuerliche EZB-Leitzinssenkung auf 1 Prozent. Vor 2013 wird es laut Bruckbauer keine Zinserhöhung geben. Der Leitzins der europäischen Zentralbank notiert derzeit bei 1,25 Prozent.

Weltwirtschaft leidet unter Krise

Das Weltwirtschaftsklima trübte sich kräftig ein und liegt nun deutlich unter seinem langfristigen Durchschnitt. Das vierteljährlich erhobene Barometer fiel im vierten Quartal auf 78,7 Zähler von 97,7 Punkten, wie das Münchner Institut für Wirtschaftsforschung (ifo) zu seiner Experten-Umfrage in 119 Ländern mitteilte.

"Die Ergebnisse belegen die schwierige Situation der Weltwirtschaft", sagte ifo-Präsident Hans-Werner Sinn. In Westeuropa hat sich das Wirtschaftsklima demnach weiter verschlechtert. "Und zwar überwiegend aufgrund der merklich negativeren Aussichten", sagte Sinn. In Nordamerika trübte sich die Stimmung zwar auch ein, doch herrscht dort noch mehr Optimismus vor: Die Erwartungen für die kommenden sechs Monate wurden zwar weniger zuversichtlich als noch im dritten Quartal beurteilt, doch blieben sie im positiven Bereich.

Weltweit wurde "fehlendes Vertrauen in die Wirtschaftspolitik des eigenen Landes" als das derzeit wichtigste wirtschaftliche Problem angesehen. An zweiter und dritter Stelle der Problemliste folgen "öffentliche Haushaltsdefizite" und "Arbeitslosigkeit". Das Inflationsproblem dagegen ist weltweit in den Hintergrund gerückt und fiel auf der Rangliste von der zweiten auf die sechste Stelle.

Die Experten halten den Euro und auch den japanischen Yen für überbewertet. Im weltweiten Durchschnitt wird mit einem weitgehend stabilen Wechselkurs des US-Dollar im Laufe der nächsten sechs Monate gerechnet.

Hoher Ölpreis belastet

Die Internationale Energie-Agentur (IEA) hat vor den Folgen des gestiegenen Ölpreises für die Wirtschaft in Europa gewarnt. Der hohe Ölpreis gefährde die fragile Erholung in Europa, sagte die IEA-Vorsitzende Maria van der Hoeven am Mittwoch in Tokio. Das Angebot am Ölmarkt sei im Jahresverlauf immer knapper geworden, und die Vorräte seien geschrumpft. Am schlimmsten bekämen allerdings die Entwicklungsländer die Auswirkungen zu spüren. Denn dort habe der hohe Ölpreis besonders negative Folgen.

Ein Fass (159 Liter) Nordseeöl der Sorte Brent hat sich heuer auf einen Durchschnittspreis von 111 Dollar (82,0 Euro) verteuert, von etwas über 80 Dollar 2010. Die IEA berät die großen Öl-Abnehmerstaaten in Energiefragen. (APA)

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    Österreichs Konjunktur trübt sich weiter ein.

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