Earl-Time again

16. November 2011, 13:59
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Neues vom Kampf der "Earls of Sandwich" um das Recht auf Lachsbrötchen & Co.

Es ist eine Weile her, dass hier die "Earls of Sandwich" vorkamen. Also jene Spezies von - meist - Pensionisten, die bei Pressekonferenzen mit erwartbarem "Mehrwert" heuschreckenartig einfallen - und von Brötchen über Sekt bis hin zu Parfums, Giveaways und aufwändige gestalteten Museumskatalogen alles einsacken, was nicht niet- und nagelfest ist.

Unlängst saß ich mit einem Kollegen der "Seitenblicke" beim Kaffee. Er meinte, dass er das Gefühl habe, dass das Earl-Aufkommen nachgelassen habe. Wenig später korrigierte er sich: Er beackere derzeit andere, als traditionell besonders "verearlte" Felder. Und da fiele mir ein: Ich habe noch ein Mail an die Chefität eines renommierten Wiener Hortes der Hochkultur in der Lade.

Es stammt von einer stadtbekannten "Earlin". Und wurde geschrieben, nachdem ... aber lesen Sie die anonymisierte, leicht gekürzte Beschwerde selbst. (Und: nein, ich kann mich beim besten Willen nicht erinnern, wie, wann und auf welchem Weg dieses Schreiben zu mir kam.)

Die Beschwerde

„sehr geehrte/r frau/herr XY-direktor!

ich möchte Ihr interesse auf das unzumutbare verhalten Ihres mitarbeiters KK lenken, der sich - wie ich vorgestern am eigenen leib erlebte - uns journalisten gegenüber benahm wie der berüchtigte türlsteher gegenüber leuten seines eigenen milieus.

vorauszuschicken ist, daß ich hauptberuflich journalistin bin, und zwar seit jahrzehnten. ich befinde mich, seit jahren, auf der presseliste des XY. wie zu fast allen ausstellungen des XY, hatte ich mich per fax angemeldet, hatte das formular bei mir und zeigte es ebenso vor wie meinen presseausweis. ich wollte nichts anderes, als das für journalisten vorbereitete material."

"Ein Fehler Ihres Hauses"

"kaum hatte sich herausgestellt, daß ich - offenbar durch einen fehler der presseabteilung Ihres hauses - nicht auf der akkreditiertenliste stand, forderte KK im rüdesten ton, ... daß ich das medium zu nennen hätte, für das ich arbeite. klar, daß er es nicht kannte und folglich dessen existenz in zweifel zog. er beendete seinen auftritt mit dem befehl, den platz freizumachen, weil das gespräch beendet sei.

das mag für Sie nicht glaubwürdig klingen, sehr geehrte/r herr/frau direktor. hätte ich es nicht genauso erlebt, würde ich es selbst nicht glauben.
hochachtungsvoll
e.w."

Arbeiten ohne Beleg

Die Museumsdirektion kennt ihre Akkreditierungs-Pappenheimer. Und Frau W. ist eine davon: Wo Buffets und Bildband-Kataloge winken, ist auch sie. Belege, dass sie - und sei es indirekt - auf Ausstellungen, Künstler oder das Haus Bezug genommen hätte, gibt es nicht.

Da das Ignorieren offizieller Schreiben aber miese Karmapunkte bringt, setzte sich Herr KK. schon am nächsten Tag hin - und antwortete Frau W.

Die Antwort

"Sehr geehrte Frau W,
ich erlaube mir festzuhalten, dass Sie zu keinem Zeitpunkt auf meine Nachfrage, für welches Medium sie tätig wären, geantwortet haben. Vielmehr gaben Sie lediglich an, "online" zu berichten. Für welches Medium wollten Sie mir nicht verraten.

Ich stelle wertfrei fest, dass Sie (das) ... auch in Ihrer Beschwerde nicht mitteilen. Auch eine dementsprechende Recherche in Journalistenindex und Pressehandbuch führte zu keiner Auskunft: Aktuelle Publikationen unter ihrem Namen sind nicht auffindbar.

(Darüberhinaus, Anm. Red.) ... muss ich mir die Frage stellen, warum Sie bei keiner Gelegenheit das Medium nennen möchten, für das Sie tätig sind? Was Sie davon abhält, ... bleibt mir unverständlich. Redakteure internationaler Nachrichtenagenturen bis hin zum regionalen Gemeindeblatt haben damit kein Problem. 

Da Sie festhalten, hauptberuflich journalistisch tätig zu sein, freue ich mich, wenn Sie mich über ihr Medium in Kenntnis setzen, um Ihnen künftig besseres Service zuteil werden zu lassen.
Beste Grüße,
KK"

Und jetzt?

Was danach geschah? Natürlich nichts. Eine Frau W. lässt sich nicht irritieren: Gemeinsam mit ihren Co-Earls zieht sie nach wie vor täglich durch Wien. Alle verweigern beharrlich, ihre Medien zu verraten oder herzuzeigen. Das falle, kann man da mitunter hören, unter das Redaktionsgeheimnis.

Meist kommen die Earls damit durch: Kaum ein Veranstalter will beim Eingang einen Pulk älterer Herrschaften stehen haben, der lautstark - und am liebsten dann, wenn internationale Kamerateams anrücken - von "Zensur", "Angriff auf die Pressefreiheit" oder gar "Nazimethoden gegen Vertreter unabhängiger Medien" klagt. (Thomas Rottenberg, derStandard.at, 16.11.2011)

  • Buffets bei Presseveranstaltungen sind ein Magnet für die Earls of Sandwich.
    foto: epa/horst ossinger

    Buffets bei Presseveranstaltungen sind ein Magnet für die Earls of Sandwich.

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